Podiumsdiskussion
Giezendanner: «Kirche muss die 10 Gebote weltweit verbreiten»

Der Abdruck von Edvard Munchs «Schrei» auf dem Programmheft hatte Symbolcharakter. Die weltweit schwelenden Konflikte und das Gewaltpotential in unserer Gesellschaft schreien nach neuen Ideen, wie dem Gewalt-Problem begegnet werden könnte.

Samuel Schumacher
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Reformierte Landeskirche Aargau: Interdisziplinärer Kongress zu Formen der Gewalt. Podiumsdiskussion mit Claudia Bandixen, Cebrail Terlemez und Hans Ulrich Gerber...
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...unter der Leitung von Christian Dorer, Chefredaktor az-Medien.
Aufgenommen am 9. November 2012 im KUK Aarau.
Podium über den Wertekonsens in unserer Gesellschaft am interdisziplinären Kongress der reformierten Landeskirche

Reformierte Landeskirche Aargau: Interdisziplinärer Kongress zu Formen der Gewalt. Podiumsdiskussion mit Claudia Bandixen, Cebrail Terlemez und Hans Ulrich Gerber...

Chris Iseli

Die reformierte Landeskirche Aargau ergriff die Initiative und lud am Wochenende zu einem zweitägigen Kongress mit Podien und Fachreferaten ins Kultur & Kongresshaus Aarau. «Das Gespräch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen ist der beste Weg, um das Gewalt-Problem und die damit verbundene Ratlosigkeit zu überwinden», zeigte sich Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg in seiner Ansprache vor rund 70 Gästen am Freitagabend überzeugt.

«Kirche nicht pointiert genug»

Nach den Stellungnahmen der Aargauer Politiker Yvonne Feri (SP-Nationalrätin), Thierry Burkart (Präsident FDP Aargau) und Ulrich Giezendanner (SVP-Nationalrat) eröffnete AZ-Chefredaktor Christan Dorer das Podium zum Thema: «Gibt es einen Konsens über Werte, die Gewalt verhindern und zu Frieden führen?» Diese Frage diskutierte Dorer mit den Podiumsteilnehmern Claudia Bandixen (Präsidentin der Basler Mission 21), Cebrail Terlemez (Geschäftsleiter des Zürcher Instituts für interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog) und Hans Ulrich Gerber (Geschäftsführer des Internationalen Versöhnungsbundes Schweiz).

«Die Kirche positioniert sich nicht klar genug gegen Krieg, Gewalt und Armut», kritisierte Gerber. Bandixen fügte an, dass «die Kirche grundsätzlich auf Konsens aus ist und nur selten den Mut zu pointierten Aussagen gegen Gewalt hat.» Giezendanner wendete ein, dass die Kirche mit dem Dekalog ein starkes Instrument zur Gewaltprävention in ihren Händen halte. «Die christliche Kirche muss die Führung übernehmen, ihren Missionsauftrag erfüllen und die zehn Gebote weltweit verbreiten», betonte Giezendanner.

Eine Gefahr für die stabile Situation in der Schweiz sieht er in der drohenden Islamisierung des Landes. Terlemez entgegnete, dass die Angst vor einer Machtübernahme durch die muslimische Minderheit in der Schweiz unbegründet sei. «Die meisten Muslime beschäftigen sich mit existenziellen Fragen zu ihren Familien und ihren Jobs. Niemand will die Schweiz unterwerfen.» Wenn Giezendanner auf Koranstellen hinweise, welche die territoriale Unterwerfung durch Muslime fordere, dann nehme er den Koran - genau wie die muslimischen Fundamentalisten - viel zu wörtlich.

«Repression lange vernachlässigt»

Gerber erinnerte daran, dass Religionen im Allgemeinen leicht instrumentalisierbar seien für gewalttätiges Gedankengut. «Hoffnung macht mir, dass praktisch alle Religionen die Grundwerte der Liebe und des Respekts hochhalten.» SP-Nationalrätin Yvonne Feri erinnerte daran, dass diese Grundwerte nicht nur im interreligiösen Dialog, sondern auch in zwischenmenschlichen Beziehungen viel zu oft vergessen gehen. «Häusliche Gewalt ist auch in der Schweiz ein grosses Problem. Frauen befinden sich allzu oft in einem Abhängigkeitsverhältnis von ihren Männern und können sich trotz erlebter Gewalt nicht von ihnen lösen.»

Auf die Frage, ob mehr Repression zur Lösung des Gewaltproblems beitragen könne, meinte Gerber: «Repression ist politisch attraktiv. Sie führt aber nicht zur Lösung, sondern höchstens zu überfüllten Gefängnissen.» FDP-Präsident Burkart entgegnete, dass Repression sehr wohl ein griffiges politisches Instrument sein könne. «Seit den 70er Jahren wird die Repression in der Schweiz vernachlässigt. Ohne repressive Instrumente verliert der Staat seine Wirkungsmacht.»

Guter Ansatz, Harte Fronten

Das Podium zum Auftakt in den Gewalt-Kongress zeigte, dass ein interreligiöser Konsens - mindestens über den Grundwert der Toleranz - besteht. Deutlich wurde aber auch, dass die politischen Lösungsansätze in der Gewaltdebatte weit auseinanderliegen. Die Initiative der reformierten Landeskirche als Vermittlerin zwischen politischen, religiösen und kulturellen Fronten ist trotz den kaum mit einem Kongress lösbaren Gewalt-Problemen lobenswert. Es bleibt zu hoffen, dass die engagierte Diskussion auch ausserhalb des Kongresses weitergeführt wird und dass die diskutierten Lösungsansätze nicht einfach in den Sälen des KKA verhallen.