Suhr
Geschockter Imker: «Die Bienen hockten tot auf ihren Waben»

Diesem Imkerpaar starben wegen den Varroa-Milben sämtliche Bienenvölker. Jedes zweite Bienenvolk in der Schweiz hat den Winter nicht überlebt. Der Kampf gegen die Schädlinge scheint aussichtslos.

Ralf Stamm
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Nicole Grundmann und Michael Küpfer mit einem neuen Volk – nach diesem Winter mussten sie bei null beginnen. Ralf Stamm

Nicole Grundmann und Michael Küpfer mit einem neuen Volk – nach diesem Winter mussten sie bei null beginnen. Ralf Stamm

Michael Küpfer macht Rauch mit seinem «Smoker» und nebelt die Bienen ein. Instinktiv strecken diese ihre Köpfe in die Zellen und nehmen Honig auf um – falls nötig – den Stock gestärkt verlassen zu können. Nicole Grundmann nutzt den Moment, um eine Wabe behutsam aus dem Bienenkasten zu ziehen. Sie kontrolliert, ob die Waben schön ausgebaut sind, ob die Königin Eier legt, ob sich die Maden gut entwickeln und die Zellen schön verdeckelt werden. «Alles in Ordnung», sagt sie zufrieden. «Die Bienen sind gesund.»

Dies war zuletzt anders. Als das Jungimkerpaar im Februar erstmals nach dem strengen Winter zu den Brutkisten an der Bernstrasse fuhr, um den Bienen ein frohes neues Jahr zu wünschen, bewegte sich in den Kisten – Beuten genannt – gar nichts mehr. «Die Bienen hockten tot auf ihren Waben. Es war ein schlimmer Anblick», erinnert sich Michael Küpfer.

Der Albtraum aller Imker

Was beim Jungimkerpaar passiert ist, ist kein Einzelfall. Dies geht aus einer aktuellen Umfrage bei über 1000 Imkern aus der ganzen Schweiz hervor. Schuld für das Massensterben war nicht etwa der karge Winter. Dieser gab den bereits geschwächten Bienen nur noch den Rest. Vielmehr setzte die Varroa-Milbe den Bienen zu.

Die «Varroa destructor», wie der Schädling auf lateinisch treffend heisst, wurde vor über 30 Jahren mit asiatischen Honigbienen in die Schweiz eingeschleppt. Seither gleicht deren Bekämpfung einem Kampf gegen Windmühlen.

Ihr Vorgehen ist äusserst listig: Ähnlich einem Blutegel beim Säugetier setzt sie sich zunächst auf einer Honigbiene fest. Später steigt sie auf einer bebrüteten Wabe ab, versteckt sich unter einer Bienenlarve und wartet, bis die Zelle verdeckelt ist. In der Zelle vermehrt sich die Milbe ungestört und die ganze Milbenfamilie ernährt sich vom Blut der Larve. Die Folgen für die Brut sind Schwächung, Missbildungen, verkrüppelte Flügel und eben – wie im diesem Fall – der Tod ganzer Völker.

Lehrgeld teuer gezahlt

Über die Gründe, warum sich die Milbe gerade bei den eigenen Völkern so stark ausgebreitet hat, können Küpfer und Grundmann nur mutmassen. Seit drei Jahren versuchen sie sich als Hobbyimker, besuchen Kurse beim Imkerverein Aarau. Die Ausbildung sei sehr gut, daran liege es nicht. Mit Franz Bregenzer (siehe Interview rechts) stehe ihnen auch ein kompetenter Berater zur Seite.

Folglich seien die Gründe wohl eher in der mangelnden Erfahrung zu suchen, wie die 31-Jährige selbstkritisch sagt. «Vielleicht haben wir uns etwas zu stark auf die Schulbücher verlassen statt unseren Beobachtungen von der Natur zu vertrauen.» Konkret spricht die studierte Geografin auf das spezielle Wetter im vergangenen Frühling an: Wegen der milden Temperaturen gediehen Blumen und Bienen zwei Wochen zu früh – und mit ihnen eben auch die Varroa-Milbe. «Wir haben den letzten Honig erst wie üblich Ende Juli geschleudert. In den Wochen zuvor hatte die Varroa-Milbe ein grosses Fest».

Die vielen Milben waren in der Folge nicht mehr weg zu kriegen. Nicht durch die Verdampfung von Ameisensäure nach der Honigernte im Juli und auch nicht durch die Behandlung mit Oxalsäure im Winter.

Kein Honig dieses Jahr

Der Schock ist mittlerweile verarbeitet. Bereits schwirren wieder sieben Völker rund um die unscheinbaren Magazinbeuten unterhalb des Suhrerchopfs. Das Jungimkerpaar hat den Bestand diesen Frühling mit neuen Schwärmen wieder aufgebaut. Zu gern habe man die Bienen, zu gern auch den Honig. «Nicoles Honigmilch vor dem Schlafengehen ist schon fast eine Tradition», lacht Küpfer.

Dieses Jahr wird es jedoch noch keine Honigernte geben. Die Bienen brauchen den Honig selbst, als Vorrat, um über den nächsten Winter zu kommen.