Der Putz ist der Spielverderber. Er verdeckt, was den Archäologen das Liebste ist: altes Mauerwerk. Kennt man die Mauern nicht, kennt man die Stadt nicht. «Wie Aarau im Mittelalter ausgesehen hat, können wir erst sagen, wenn wir das hinterst und letzte Haus in der Altstadt untersucht haben, und zwar bis auf den letzten Quadratmeter», sagt Peter Frey, Bereichsleiter Bauuntersuchungen und Mittelalterarchäologie bei der Kantonsarchäologie. Alles andere sind Vermutungen, Herleitungen. So einfach ist das.

Zwar gibt es Schriftquellen aus dem Mittelalter, doch haben die nur politischen oder juristischen Inhalt. Über den Alltag in einer Mittelalterstadt schrieb keiner. Und auch bildliche Darstellungen sind trügerisch: Die Verhältnisse stimmen nicht. Wichtige Gebäude und Häuser reicher Aarauer wurden überhöht dargestellt, um Eindruck zu schinden. Was erzählt man denn nun dem Aarau-Besucher, wie es hier zur Gründungszeit im 13. Jahrhundert ausgesehen hat? Waren die Häuser aus Holz oder aus Stein? Waren sie an die Stadtmauer angebaut? Wie war die Parzellierung? Wie gross waren die Häuser – und wie hoch? Und vor allem: Woraus ziehen die Archäologen ihre Schlüsse?

Von wegen Holzhüttli

Zu diesen Themen referierten Peter Frey und Cecilie Gut von der Kantonsarchäologie diese Woche, und zwar vor den Personen, die auf solche Fragen Antworten liefern müssen: den Stadtführern vom Tourismusbüro aarau info, Stadtarchivar Raoul Richner und Mitarbeitern des Stadtmuseums. Anlass zur von aarau info organisierten Weiterbildung war der Fund mehrerer Mauern und Deckenbalken in den benachbarten Liegenschaften der Familien Dober und Graf an der Pelzgasse (die az berichtete). Der steinerne Kernbau von Haus Nummer 31 lässt sich auf 1326 und damit in etwa in die Gründungszeit der Stadt datieren. Die Behauptung aus dem Heimatkundeunterricht, wonach die Wohnhäuser in Aarau damals hauptsächlich aus Holz gebaut waren, wäre somit widerlegt.

Warum hat das mit dieser Erkenntnis so lange gedauert? Mittelalterliche Bausubstanz, die man untersuchen könnte, gäbe es in Aarau ja zu genüge. Wenn da nur der Putz nicht wäre: Bauuntersuchungen kann die Kantonsarchäologie nur bei Umbauten durchführen. Und auch da nur, wenn der Hauseigentümer den Putz entfernt. Dann kennen die Archäologen aber kein Halten: «Wir messen alle Wände auf den Zentimeter genau», sagt Frey, jeder Stein wird abgezeichnet. Eine Geduldsarbeit. Frey: «Wir reissen uns nicht darum, hunderte Steine auszumessen. Aber wer es tut, hat alles gesehen.» So, wie in den Häusern an der Pelzgasse.

Für die Archäologen ist ein Stein nicht einfach ein Stein. Seine Beschaffenheit, wie er gesetzt und eingefasst ist, erzählt ihnen alles. «Je schöner eine Mauer gemauert ist, desto älter ist sie», sagt Frey. Die Steine in der Mauer zwischen den Häusern Nummer 31 und 29 sind zwar in schönen Lagen gelegt, aber unförmig gehauen. Sie wurden so verputzt, dass nur die Steinköpfe aus der Mauer lugten und der Mörtel dazwischen ist mit grobkiesigem Sand angerührt worden. Das alles entspricht den Bauweisen zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert. In den vorherigen Jahrhunderten waren Steine zu schönen Quadern gehauen, später waren die Mauern vollverputzt.

Einladung ins Ehebett

Sicher sind sich die Archäologen beim Alter vom Kernbau von Haus Nummer 31: Hier wurden die Balken von 1326 gefunden. «Beim Hausbau wurde immer frisch gefälltes Holz verwendet, weil dieses noch saftig und so leicht zu bearbeiten war», sagt Cecilie Gut. Dank Proben kann das Holz nach Wachstumsringen datiert und das Alter des Baus aufs Jahr genau bestimmt werden.

Dass der Kernbau mit Wänden von etwa 6 Meter Länge winzig war, ist nicht ungewöhnlich. Hier lebten nicht etwa arme Schlucker, sonst hätten sie sich keinen Steinbau leisten können. «Das Flächenbedürfnis war viel kleiner», so Frey. Möbel gab es kaum. Und weil die einzigen Wärmequellen im Haus die Feuerstelle in der Küche und der Kachelofen in der Stube waren, ist man eng zusammengerückt und hat sich das Bett geteilt – selbst mit dem Besuch: «Es war normal, den Besuch ins Ehebett einzuladen», sagt Frey. So hatten alle kuschelig warm und man bewies Vertrauen. Schliesslich wäre es ja ein Leichtes gewesen, den andern im Schlaf um die Ecke zu bringen.

Die Untersuchung der beiden Häuser hat noch weiteres ans Licht gebracht: Die Häuserzeile der Pelzgasse war zu Beginn nicht direkt an die innere, die kyburgische, Stadtmauer angebaut. Die Häuser verfügten vermutlich über einen Hinterhof. Wie alt Haus Nummer 29 ist, ist nicht klar. Es fehlt das Holz. Bei Haus Nummer 31 vermuten die Archäologen, dass der Bau um 1600 massiv vergrössert und bis an die Stadtmauer erweitert wurde. Im 19. Jahrhundert kam schliesslich noch ein Geschoss dazu.

Ein Puzzle, das viel Zeit braucht

Doch auch das sind letztlich alles Thesen, sagt Gut, hergeleitet mitunter von Untersuchungen in ähnlich alten Häusern in anderen Städten. «Es sind nur einzelne Puzzlestücke, die wir jetzt kennen.» Solange nicht das gesamte Mauerwerk freigelegt werden könne, wisse man es einfach nicht genauer. «Vielleicht sind wir ja in drei, vier Generationen schlauer als heute», sagt Gut und lächelt in die Runde. Agnes Henz nickt. «Das ist genau das, was wir auch unseren Gästen aufzuzeigen versuchen», sagt die Stadtführerin. «Es gibt immer neue Quellen und Erkenntnisse. Die Geschichte ist lediglich eine Momentaufnahme. Deshalb müssen wir immer auf dem neusten Stand sein.»