«Der Bäcker bäckt die Brötchen, die Chauffeuse fährt den Bus und die Stadtpräsidentin hält lange Reden», sagte Jolanda Urech. Und punktet damit gleich bei den vielen jungen adrett gekleideten Damen und Herren, die just in diesem Moment in einen neuen Lebensabschnitt starten: Am Donnerstagabend erhielten die Absolventen der Fachmittelschule (FMS) ihre Fachmittelschulausweise und Fachmaturitätszeugnisse. Sie waren die ersten in einer ganzen Reihe von (Berufs-)Matura-Feiern in Aarau.

Doch bis die FMS-Schülerinnen und Schüler ihre Papiere im Sack hatten, mussten sie zuerst die Reden des FMS-Leiters Thomas Müller und der Stadtpräsidentin Jolanda Urech anhören. Urech punktete nicht nur mit Ehrlichkeit, sondern verriet auch noch, welcher Sportler ihr besonders Eindruck macht: Es ist der Weltrekordhalter im 100-Meter-Lauf, der Jamaikaner Usain Bolt. «Er verkörpert den menschlichen Traum vom Erfolg ohne Anstrengung», so Urech. Anders die FMS-Absolventen, die nun drei respektive vier anstrengende Jahre hinter sich gebracht und dabei gezeigt haben, was in ihnen steckt. «Ich schaue gelassen in die Zukunft», meinte Urech angesichts der vielen «motivierten Talente» vor sich.

Bestnote an der Handelsschule

Am Freitag konnten die Berufsmatura-Schüler der Handelsschule KV Aarau strahlen: Der Enthusiasmus und die Leidensfähigkeit eines Marathonläufers wurde den Absolventen von Rektor Erich Leutenegger attestiert. Am besten schloss Yannik Dino Rüfenacht vom Lehrgeschäft Vision Informatik Transaction in Aarau ab mit einer Note von 5.8.

Ein Kampf steht bevor

Die Maturfeier der Neuen Kantonsschule fand am Freitagnachmittag in der Stadtkirche statt. Passend zur Räumlichkeit wandte sich Schriftstellerin und Reporterin Angelika Overath in ihrer Ansprache mit einer Bibelgeschichte an die Maturanden. Die Geschichte von Jakobs Kampf mit dem Engel stammt aus dem Alten Testament und hätte als Deutschaufsatz wohl keine genügende Note erhalten, wie Overath zugeben musste. Der Kampf steht nicht etwa für die vier Jahre Kanti, sondern für das, was noch kommt. Für Overath ist die Jugend nicht die schönste Zeit, sondern von psychischen Spannungen und Zukunftsängsten geprägt. Sie ermutigte die Matuanden, wie Jakob zu kämpfen, falls sie auf dem Weg zum Erwachsenwerden etwas angreifen sollte. Der erste Kampf präsentierte sich den Schülerinnen und Schülern gleich nach der Feier, als sie sich den Weg zum Apéro auf dem Kirchplatz bahnen mussten.

Schlüssel zur Zufriedenheit
Mit schaurig schönen Klängen wurde die Abschlussfeier der Wirtschafts- und Informatikmittelschule im Saal der Freien Christgemeinde Aarau eingeleitet, das Blechbläserensemble der Alten Kanti spielte die berühmte Melodie aus dem Musical «Phantom of the Opera». Schulleiter Ulrich Salm betonte jedoch gleich zum Anfang, dass es sich keineswegs um einen grusligen Anlass handle, im Gegenteil, heute werde gefeiert. Nach einer Einleitung übernahm Kurt Schmid, Präsident des Aargauischen Gewerbeverbands das Wort. Ob hinter seinen Wechseln vom Hochdeutschen in die Mundart und wieder zurück eine rhetorische Absicht stand, ist unklar. Sie trugen auf jeden Fall zum Unterhaltungswert seiner Rede bei. Am Beispiel eines eigenen Erlebnisses aus seiner Jugend erklärte Schmid ein viersäuliges Modell, bestehend aus den Pfeilern Gesundheit, persönliches Netzwerk, Beruf und Nebentätigkeiten. Die Ausgeglichenheit dieser vier Säulen ist für Schmid der Schlüssel zu einer inneren Zufriedenheit, die er auch den Maturanden wärmstens ans Herz legte. «Mich werden Sie niemals in einem fluchenden Zustand vorfinden», beteuerte er.

Ungeduldiges Publikum

Bei den Schülern des Abschlussjahrgangs der Berufsschule dürfte während der Schulzeit jedoch der eine oder andere Fluch gefallen sein, wie Rektor Ueli Meyer erklärte. Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit würden an der Schule eben unnachgiebig eingefordert. Als Gastredner war alt-Nationalrat Rudolf Strahm im Einsatz. Während seiner ausführlichen Darstellung des Schweizer Bildungssystems dürften sich einige anwesende Maturanden wieder in den Unterricht zurückversetzt gefühlt haben, doch im Gegensatz zur vergangen Schulzeit waren die Zeugnisse jetzt zum Greifen nah neben der Bühne aufgereiht. 253 Diplome wurden an der Feier in der Sporthalle verteilt, 15 Schüler haben die Prüfungen nicht bestanden. Wie bei den anderen Feiern wurde auch hier gebeten, erst nach der Verkündung aller Namen einer Klasse zu klatschen und wie immer konnte sich das Publikum vor lauter Begeisterung nur schlecht daran halten.

Weibliche Mehrheit

Erst heute Samstag werden die 244 Maturanden der Alten Kantonsschule in die Freiheit entlassen. Die 147 Frauen sind dabei deutlich in der Mehrheit. «Sie werden mit besten Voraussetzungen an eine Universität, an die ETH oder an eine Fachhochschule übertreten oder eine andere Ausbildung beginnen», wird Rektor Martin Burkard den jungen Erwachsenen in seiner Rede versprechen, wie er gestern der az verriet. Burkard verabschiedet auch sechs Lehrpersonen: Darunter speziell Musiklehrer Thomas Baldinger und Italienischlehrer Ernesto Strebel.