Suhr

Gemeindepräsident zur Mega-Baustelle: «Nein, ich bin noch nie im Stau gestanden»

Suhrs Gemeindepräsident Marco Genoni sagt von sich selber: «Als Politikersuche ich immer den Kompromiss.»

Suhrs Gemeindepräsident Marco Genoni sagt von sich selber: «Als Politikersuche ich immer den Kompromiss.»

Seit einem halben Jahr ist Marco Genoni in Suhr Gemeindepräsident. Das 10'000-Seelen-Dorf ist immer wieder in den Schlagzeilen. Unter anderem wegen der Mega-Baustelle. Im Interview äussert sich der Präsident zu aktuellen Themen.

Herr Genoni, Ihre erste Gemeindeversammlung als Suhrer Gemeindepräsident mit fast 500 Teilnehmern war ein Highlight. Was hat mehr mobilisiert: die Pfister-Frage im Zusammenhang mit dem Kommunalen Gesamtplan Verkehr oder der Zukunftsraum?

Marco Genoni: Vielen Dank, ja die Gmeind hat mir grosse Freude gemacht. Wir haben die Jungbürgerinnen und Jungbürger speziell integriert und hatten hohen Besuch aus Strassburg im Rahmen unseres Pilotprojektes zur Quartierentwicklung. Sie waren begeistert. Mobilisiert haben der Reihe nach der Zukunftsraum, der Kommunale Gesamtplan Verkehr (KGV) – und der neue Gemeinderat.

An der Gemeindeversammlung konnten Sie den Kommunalen Gesamtplan Verkehr gerade noch retten. Haben Sie die Pfister-Frage unterschätzt?

Wir sind mit dem Kommunalen Gesamtplan Verkehr an die Gemeindeversammlung gegangen, weil wir zusätzliche Planungsunterlagen brauchen. Wir waren ziemlich überrascht, dass die Parkierungsgeschichte derart im Zentrum stand. Wir haben in Suhr ja an verschiedenen Fronten Probleme mit dem Verkehr, und der KGV wird uns helfen, vor allem die Querungen und Verbindungen zwischen den Dorfteilen zu verbessern und zu sichern. Wahrscheinlich haben wir die Frage der Parkplatzbewirtschaftung tatsächlich unterschätzt. Ich hatte mir auch erhofft, dass die zusätzlichen Informationen, die wir an der Gmeind dazu abgaben, ein paar kritisch gestimmte Stimmberechtigte mehr dazu bringen würden, Ja zu stimmen, sodass ein klareres Ergebnis zustande gekommen wäre.

An der Gmeind stand die Aussicht, dass der Gemeinderat den KGV in eigener Regie beschliessen könnte, als kritischer Punkt im Vordergrund. Mit dem Zusatzantrag der FDP wurde dieser Stein des Anstosses beseitigt, und auch in der Pfister-Frage gab es eine klare Antwort. Trotzdem ging der KGV nur knapp durch. Gibt es eine Erklärung dazu?

Ich denke, die Meinungen waren einfach gemacht. Aufgrund einer Fehlinformation. Dass es den KGV für eine Parkplatzbewirtschaftung gar nicht braucht, weil schon die BNO die nötige Grundlage liefert, hat gar niemanden mehr interessiert.

Kann es sein, dass vorgeschobene Fragen im Zentrum standen und sich ein grundsätzlicher Widerstand gegen einen KGV dahinter versteckte?

Wir konnten im Nachhinein vieles klären. Darauf bauen wir jetzt auf. Wir sind nun gefordert, durch die gezielte Beteiligung von Gewerbe, Industrie sowie Quartierbewohnerinnen und -bewohnern zu zeigen, dass wir mit dem KGV etwas Gutes für Suhr ausarbeiten.

Gemeindepräsident Marco Genoni (2. von links) und Vizepräsidentin Carmen Suter-Frey (rechts aussen) stossen mit der Bevölkerung auf die Zukunft an.

Gemeindepräsident Marco Genoni (2. von links) und Vizepräsidentin Carmen Suter-Frey (rechts aussen) stossen mit der Bevölkerung auf die Zukunft an.

Ist es möglich, dass der Kontakt zu Pfister in den letzten sechs Monaten ein wenig vernachlässigt wurde?

Dieser Meinung bin ich nicht. Ich nenne als Beispiel bloss die Ostumfahrung. Ich stand immer wieder in Kontakt auch mit der IG, in der Maja Riniker und Pfister-VR-Präsident Ruedi Obrecht (die sich öffentlich gegen eine allfällige Parkplatzbewirtschaftung auf privatem Grund starkmachten – Anmerkung der Redaktion) ein Stück weit die Wortführer sind.

Würden Sie sich freuen, wenn FDP-Grossrätin Maja Riniker für den Nationalrat kandidieren würde?

Ich denke, sie wäre eine fähige Aargauer Kandidatin für den Nationalrat, und wir wären in Suhr stolz darauf.

Die vom Bündnis «Zukunft Suhr» portierten Gemeinderäte haben seit Januar im Gremium die Mehrheit. Wird in Suhr jetzt eine grün-linke Politik betrieben?

Als Politiker suche ich immer den Kompromiss. Ich würde sagen: Wir machen Politik für die Entwicklung von Suhr – für alle Suhrerinnen und Suhrer. Ich kann auf ein motiviertes und hervorragendes Team im Gemeinderat sowie in der Verwaltung zählen. Gerade in der Verkehrspolitik wird man natürlich nie Entscheidungen treffen können, bei denen 80 oder 90 Prozent jubeln. Wir müssen einfach versuchen, möglichst gute Lösungen zu finden. Wir betreiben eine proaktive Politik und warten nicht, bis uns die Probleme erdrücken.

Wie fühlen Sie sich als Gemeindepräsident?

Ich fühle mich sehr gut, danke. Natürlich ist die Belastung gross, und auch vor der Gemeindeversammlung war eine gewisse Anspannung da. Aber eine so grosse Beteiligung und auch die Diskussionen geben vieles zurück. Spannend sind auch die Kontakte mit den Präsidenten der umliegenden Gemeinden und mit dem Kanton. Da habe ich schon sehr viele positive Erfahrungen gemacht. Ich bin vom Typ her jemand, der, wenn er ein Problem sieht und eine Lösung dafür erkennt, das Gefühl hat: «Das müssen wir machen!» Manchmal ist das gut – so wie bei der Aufhebung des Lastwagenfahrverbots auf der Ringstrasse. Man muss Entscheidungen treffen, bevor nichts mehr geht – und nicht immer überlegen, ob man noch den Kanton um Erlaubnis fragen müsse.

Mit tatkräftiger Mithilfe von Gemeinderat Marco Genoni wird der Grundstein mit einer Dokumenten-Box einbetoniert. Er wird später in die Bodenplatte der Gebäude eingelegt. Archiv

Mit tatkräftiger Mithilfe von Gemeinderat Marco Genoni wird der Grundstein mit einer Dokumenten-Box einbetoniert. Er wird später in die Bodenplatte der Gebäude eingelegt. Archiv

Was hat Sie im ersten halben Jahr als Präsident am meisten überrascht?

Ich war ja schon acht Jahre im Gemeinderat, davon sechs Jahre als Vizepräsident. Und als ich vor rund einem Jahr den Entscheid traf, fürs Präsidium zu kandidieren, war mir schon bewusst, was auf mich zukommen würde. Wenn schon, bin ich positiv überrascht – von meiner Energie und von den Gestaltungsmöglichkeiten, die man als Gemeindepräsident hat.

Viele Leute im Dorf fürchten sich vor einem Gross-Aarau. Wie erklären Sie sich, dass Suhr in dieser Frage so ausgewogen gespalten ist?

Diese Spaltung spüre ich bei mir selber. Der nun anstehende Schritt mit all den Abklärungen ist enorm wichtig. Jetzt geht es um konkrete Fragen wie: Was bedeutet das Ganze für die Ortsbürgergemeinde? Wie würden wir die Wahlkreise organisieren? Wenn all diese Fragen geklärt sind, kann man Vor- und Nachteile abwägen und einen Entscheid treffen. Viele Leute sind aber stolz – auf die Gemeinde Suhr, auf Suhrs Geschichte. Auch bei der Schulraumplanung sind wir weiter als alle andern Gemeinden im weiten Umkreis. Als eine der ersten haben wir die familienergänzende Kinderbetreuung eingeführt. Wichtig sind auch diese Soft-Faktoren. Diesen Stolz empfinde ich als positiv.

Kämpfen Sie persönlich für den Zukunftsraum?

Der Zukunftsraum ist für mich keine Einbahnstrasse. Nach der nächsten Phase liegen Fakten auf dem Tisch. Und wenn die Fakten gegen eine Fusion sprechen, bin ich der Erste, der hinsteht und diese Meinung vertritt. Es ist auch mein Anspruch, dass es am Ende nicht ein Zufallsergebnis gibt, sondern einen klaren Entscheid, am liebsten mit 70 oder 80 Prozent dafür oder dagegen. Als Gemeindepräsident bin ich jetzt auch bei aarau regio engagiert. Dem Planungsverband gehören 17 Gemeinden an, und auch hier gibt es spannende Themen. Es kommt ein wenig darauf an, ob wir hier regionale Lösungen finden – etwa in der Hallenbad-Thematik. Wenn wir bei aarau regio überall Schiffbruch erleiden, wird es natürlich schwierig zu behaupten, mit Zusammenarbeit könne man viel mehr herausholen als mit einer Fusion. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir auch hier gute Lösungen finden werden.

In Suhr wurde extrem viel gebaut: Haben Sie Angst vor einem grossen Leerwohnungsbestand? Viele Projekte sind noch unterwegs oder stehen vor der Baugesuchsauflage.

In Suhr gab es einen grossen Nachholbedarf. Die jetzt auf den Markt gekommenen Wohnungen sind denn auch sehr gut angekommen. Letzten Endes entscheiden natürlich die Investoren, was gebaut wird. Wir können nur das Ganze kritisch begleiten und möglichst qualitativ hochwertige Bauten verlangen. Ich wäre aber froh, wenn die Bautätigkeit in den nächsten fünf bis zehn Jahren gut gestaffelt ablaufen würde. Wenn in den nächsten drei Jahren alle Gestaltungspläne, die jetzt bewilligt sind, umgesetzt werden, besteht die Gefahr eines hohen Leerwohnungsbestandes oder leerstehender Gewerbeflächen. Dann lebt ein Quartier nicht, was eine Menge negativer Auswirkungen nach sich zieht. Aber bis jetzt, finde ich, ist die Entwicklung durchaus positiv.

Sie wohnen im Feld-Quartier und arbeiten bei der Genossenschaft Milchproduzenten Mittelland (im Emmi-Komplex). Wagen Sie es noch, diese Strecke ausnahmsweise mit dem Auto zu fahren?

Ich geniesse es natürlich, mit dem Velo der Bachstrasse entlang zu fahren. Zwischendurch fahre ich schon auch mal Auto – mit Mobility.

Und Sie sind noch nie mit Mobility im Stau gestanden?

Nein, ich bin noch nie im Stau gestanden.

So oder so: Suhr ächzt unter der Mega-Baustelle: Haben Sie deren Auswirkungen unterschätzt?

Wichtig ist, dass man auch den Endzustand vor Augen hat. Man kann ja nicht wünschen, dass die Tramschienen rausmüssen und alles besser wird, und denken, man könne einfach mit dem Finger schnippen – und innerhalb einer Woche sei alles gemacht. Am Schluss haben wir dafür eine Baumallee vom Museum bis zum Suhre Park. Wir werden auch gute Übergänge zum Bahnhof erhalten. Und jetzt, während der Bauzeit, nimmt der Kanton laufend Optimierungen vor. Nicht ganz einfach ist die Situation derzeit auch fürs Gewerbe. Zu 90 Prozent bewegt sich der Verkehr aber flüssig. Probleme gibt es nur zu Spitzenzeiten am Morgen und am Abend. Der Verkehr hat im Übrigen abgenommen. Und es gibt genügend Gratisparkplätze bei unseren Läden.

Was würden Sie nachträglich anders machen, vom Kanton anders verlangen? Konnten Sie in letzter Zeit Verbesserungen herausholen?

Das Bauprojekt wird fix umgesetzt, aber mit Markierungen und Signalisation kann auch später einiges auf der Basis von Erfahrungen und Beobachtungen verbessert werden. Beispielsweise bieten Pfosten dem Velofahrer beim Abbiegen einen gewissen Schutz. Eine Verbesserung, die wir im Januar schon andiskutiert haben und die nun vom Kanton umgesetzt wird, betrifft das Abbiegen von der Tramstrasse hinüber zum Suhre Park: Nach der Suhrebrücke wird die Fahrspur nun verdoppelt und die ersten paar Meter links werden eingesetzt für das Einspuren mit dem Velo. Fünf Meter später haben die Autos ihre zwei Spuren. Dann ist der Velofahrer geschützt und kann, wenn es Gegenverkehr hat, darauf warten, dass er abbiegen kann. Auf der andern Seite hat es eine Abschrägung am Trottoir, damit man mit dem Velo nicht gegen den Randstein fährt.

Gemeinderat Marco Genoni, Schulpflegepräsidentin Sonja Ihle und Gemeindepräsident Beat Rüetschi spazieren über die künftige Baustelle.

Gemeinderat Marco Genoni, Schulpflegepräsidentin Sonja Ihle und Gemeindepräsident Beat Rüetschi spazieren über die künftige Baustelle.

Sperrt sich der Kanton immer noch gegen eine temporäre Passerelle über die Bernstrasse, die den Weg zum Bahnhof verkürzen würde?

Wir werden sicher noch im laufenden Jahr ein bis zwei ebenerdige Verbindungen erhalten – aber keine Passerellen. Da muss man dem Kanton schon ein wenig recht geben: Jenen Leuten, die wirklich nicht über die Strasse gehen können – Rollstuhlfahrer, Fussgänger am Rollator und solche mit Kinderwagen – nützt auch eine Passerelle nichts. Die andern überqueren einfach die Strasse. Der Kanton ist da grosszügig, indem er für sogenannte Querungshilfen sorgt. Das sind Übergänge, die es gar nicht gibt. «Querungshilfe» heisst einfach, dass die Baulatte weg-
geräumt ist. Vor dem Pfister-Kreisel besteht gegenwärtig eine solche Querungshilfe. Die ist für jene Fussgänger, die, wenn sie vom Bahnhof her kommen, die 50 Meter bis zur Unterführung nicht in Kauf nehmen wollen. Mehr kann man nicht machen. Einen Fussgängerstreifen auf den Boden malen kann man nicht. Man kann nur dafür sorgen, dass der Fussgänger, der die Strasse überquert, nicht am Ende vor einer Latte steht.

Warum haben Sie nicht verlangt, dass der Bau im Zwei-Schichten-Betrieb erfolgt?

Das Hauptargument gegen einen Zwei- Schichten-Betrieb ist die Nachtruhe der Anstösser. Das muss man gegeneinander abwägen. Es geht ein wenig schneller, aber nicht doppelt so schnell, es wird auch nicht gleich gut, das weiss man. Aber es gibt Nachtlärm. Für jene, die durch Suhr fahren wollen, wäre der Zwei-Schichten-Betrieb wunderbar – für Suhr aber nicht.

Der Kanton prüft einen Autobahn-Halbanschluss «Aarau Mitte». Finden Sie das eine gute Idee?

Ein Halbanschluss soll in der Planung möglich bleiben. Wir müssen jetzt Lösungen treffen, die so etwas in 20, 30 Jahren nicht verunmöglichen. Anfänglich dachte ich: Das ist eine super Lösung. So haben wir den Verkehr aus dem Wynental schneller weg. Nur: Immer wenn man beim Verkehr etwas ändert, beeinflusst das das Verhalten zahlreicher Verkehrsteilnehmer. Für uns hätte der Halbanschluss Aarau Mitte den grossen Nachteil, dass dann plötzlich die Tramstrasse zum Zubringer von Aarau her würde. Das läuft gegen die Bestrebungen, unser durch die Kantonsstrassen geteiltes Dorf zusammenzubringen.

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