Oberentfelden
Gemeindeammann ist gewappnet: «Ich fürchte mich nicht vor Gegenwind»

Im Interview meint Werder, dass die Finanzen das letzte Wort haben: «Ich bin der erste SVP-Ammann, den Oberentfelden hat. Und mit mir kommt die Steuerfusserhöhung»

Katja Schlegel
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Markus Werder wurde damals am Fussballplatz für das Amt des Gemeinderats angeworben. Bereut hat er die Zusage nie.

Markus Werder wurde damals am Fussballplatz für das Amt des Gemeinderats angeworben. Bereut hat er die Zusage nie.

Alex Spichale

Auf einer Bank am Rande eines Fussballfeldes, da nahm Markus Werders politische Karriere ihren Anfang. «Du, wir suchen noch einen Gemeinderat», sagte der damalige Gemeinderat Rolf Walther, und während auf dem Platz die Spieler hinter dem Ball herhetzten, kam Werder zur Kandidatur wie die Jungfrau zum Kinde.

Das war vor gut acht Jahren. Seit Anfang Jahr ist Werder nun Gemeindeammann. Das Gemeinderatszimmer nennt er liebevoll «Hobbyraum» – wegen der vielen Stunden, die er hier verbringt, und der Freude, die ihm das Amt macht.

Einst waren Sie – wie Sie selbst sagen – ein Stammtischpolteri, heute sind Sie Gemeindeammann. Haben Sie sich verändert?

Markus Werder: Ich war, bin und bleibe Markus Werder. Ich habe meine Prinzipien.

Das Amt des Gemeindeammanns scheint Sie nicht einzuschüchtern.

Herausforderungen lasse ich an mich herankommen und schaue, was passiert. Ich brauche keinen, der mich an der Hand nimmt und mir sagt, was wie zu tun sei. Ich mache es auf meine Art. Das braucht es in der Kommunalpolitik, da braucht es Köpfe und nicht Parteien. Wir müssen gute Lösungen für das Dorf finden; ob die von links oder rechts kommen, spielt im Endeffekt keine Rolle.

Was für ein schöner Satz. Haben Sie sich den zurechtgelegt?

(Lacht) Nein, das ist meine Meinung, das bin ich. Würde man wollen, dass ich anders reagiere, müsste ich schauspielern. Sobald ich etwas spiele, funktioniert es nicht mehr.

Ihr Vorgänger Ruedi Berger war bei der SP, Sie bei der SVP. Ein deutlicher Richtungswechsel.

Von mir kann keiner verlangen, dass ich mit dem Parteibüchlein herumrenne, und ich werde nie eine Parteibrille aufsetzen. Aber der ehemalige Gemeindeammann und ich haben in den vergangenen acht Jahren verschiedene nette Diskussionen miteinander geführt...

Nette Diskussionen?

Im Gemeinderatssaal ist es wichtig, dass man diskutiert, dass man hart diskutiert. Es bringt nichts, Ja-Sager am Tisch zu haben. Man muss unterschiedlicher Meinung sein, sonst gibt es keine gute Lösung. Wenn man aber den Raum verlässt, muss es möglich sein, gemeinsam mit einem Glas Bier oder Wein an einen Tisch zu sitzen und einem in die Augen zu schauen. Das ist mir sehr wichtig.

Was ist Oberentfelden für Sie?

Ich bin hier zu Hause, Oberentfelden ist meine Heimat. Wenn man an einem Ort zu Hause ist, muss man auch darum besorgt sein, dass man sich wohlfühlt. Aber dafür braucht man Geld.

Geld, das Oberentfelden nicht hat. Woher holen Sie es?

(Lacht) Wenn wir es schaffen würden, die Gier des Kantons zu stillen, hätten wir mehr zur Verfügung.

Der Kanton allein kann nicht der Grund sein, oder?

Nein. Wir werden an einer Klausursitzung besprechen müssen, wie die finanzielle Situation effektiv aussieht beziehungsweise welche Massnahmen nötig sind, damit die Gemeinde ihre Verpflichtungen erfüllen kann, und wo wir Türen öffnen müssen, um gewisse Annehmlichkeiten erreichen zu können. In den letzten Jahren – und das ist kein Vorwurf an den vorherigen Amtsinhaber – mussten wir sehr viel verwalten. Es ging einfach nicht anders und geht auch jetzt nicht anders. Mit dem Geld, das uns zur Verfügung steht, kann man verwalten. Aber zum Verschönern oder Verändern, dafür reicht es nicht.

Verschönern und verändern, ein Riesenthema für die Oberentfelder. Die Bewohner wünschen sich einen Dorfplatz, einen Treffpunkt. Was sagen Sie dazu?

Das ist erstrebenswert. Aber ob es realistisch oder realisierbar ist, das diktieren uns die Finanzen. Und wir sehen derzeit in Unterentfelden, was passiert, wenn der Steuerfuss wegen finanzieller Probleme angehoben wird: Das Budget mit einem Steuerfuss von 110 Prozent wurde abgelehnt, das neue kommt mit einem um zwei Prozentpunkte tieferen Steuerfuss daher. Doch was nützt das im Endeffekt?

Nichts.

Richtig. Das sind bloss 50 bis 100 Franken für durchschnittliche Steuerzahler.

Und wie steht es um den Oberentfelder Steuerfuss von 104 Prozent?

Ich bin der erste SVP-Ammann, den Oberentfelden hat. Und mit mir kommt die Steuerfusserhöhung.

Steuererhöhungen stehen nicht in Ihrem Parteibüchlein.

Das beisst sich, aber es ist unumgänglich.

Kurz- oder langfristig?

Kurzfristig. Wir mussten in den letzten fünf, sechs Jahren immer Defizite budgetieren. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sagen muss: Wenn wir so weiterfahren, funktioniert es nicht mehr.

Da wird Ihnen ein eiserner Wind entgegenblasen.

Es gibt Handschuhe und Kappen ... Ich fürchte mich nicht vor Gegenwind.

Sie wären nicht der Erste, der sich im Gegenwind von seiner Spur abbringen lässt.

Wer sich von seiner Spur abbringen lässt, heisst nicht Werder.

Was heisst kurzfristig?

Nächstes Jahr geht der Steuerfuss wahrscheinlich nicht hoch, übernächstes ganz sicher. Erst müssen wir analysieren, wo wir stehen. Dann muss der Finanzverwalter sagen, wo die Schmerzgrenze liegt. Und dann müssen wir diskutieren, was wir verantworten und beantragen können.

Wie machen Sie den Oberentfeldern die Steuererhöhung schmackhaft?

Das weiss ich auch noch nicht. Aber die Rechnung ist einfach: Wenn kein Geld mehr da ist und alle Sparmassnahmen in die Wege geleitet sind, gibt es keinen anderen Weg. Wir haben als Gemeinde einen Auftrag. Wenn wir beispielsweise für Schulhausbauten acht Millionen sprechen, können wir nicht plötzlich nur noch fünf Millionen bringen.

Apropos Schulhausbauten; in den nächsten Monaten entscheiden Ihre und die Unterentfelder Stimmbürger über zwei weitere Kredite von total über 16 Millionen. Kommen die durch?

Wenn der Pavillon-Kredit nicht durchkommt, haben wir ein echtes Problem. Dann müssen die Erstklässler mit dem Klappstuhl zur Schule kommen. Aber ob das Schulhaus Erlenweg 2 in diesem finanziellen Volumen kommt, das wird noch zu reden geben.

Zwei finanziell angeschlagene Gemeinden direkt nebeneinander – ist die Fusion ein Thema?

Das Thema Fusion ist immer und immer wieder diskutiert worden und wird auch in Zukunft nicht unter den Teppich gewischt.

Das heisst?

Das sind Gedanken, die erst wachsen müssen. Mehr möchte ich dazu im Moment nicht sagen.

Warum locken Sie nicht einfach gute Steuerzahler an?

Das ist einfacher gesagt als getan. Neunzig Prozent der Leute entscheiden mit dem Bauch, wohin sie ziehen. Es gefällt ihnen irgendwo, und da ziehen sie hin. Für ein Dorf Werbung zu machen, ist schwierig. Obwohl wir verkehrstechnisch am Nabel der Schweiz liegen... (lacht). Nein, im Ernst: Wollen wir Neuzuzüger, müssen wir auch Wohnfläche zur Verfügung stellen. Wenn man baut, gibt es viele, die reklamieren. Wir haben einen ewigen Clinch.

Was fehlt Oberentfelden?

Aus finanzieller Überlegung fehlen Oberentfelden ein See und ein Hang.

Das müssen Sie erklären.

Aussicht und Seeanstoss, das würde Steuerzahler mit höheren Einkommen anlocken. Die Steuerkraft unserer Einwohner liegt rund 600 Franken unter dem kantonalen Durchschnitt von 2617 Franken.

Bereitet Ihnen Ihr Amt manchmal schlaflose Nächte?

Ich habe das Glück, dass ich diese Gedanken vor der Haustür lassen kann. Das ist ein riesiger Vorteil, den man sich nicht kaufen oder erschaffen kann. Den hat man oder hat man nicht. Und ich bin froh, dass ich dieses Glück habe.