Aarau
Gelüftet: Geheimnis eines alten Schlüssels des Restaurants «Weinberg»

Auf einem Schlüssel, der zum Aarauer Restaurant «Weinberg» gehört, steht «Weinberg Spital». Lange war unklar, was es damit auf sich hatte. Nun liegt eine Erklärung vor.

Hermann Rauber
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«Weinberg Spital»: Nun liegt eine Erklärung vor, was es mit damit auf sich hat.
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Mit dem Schlüssel verschafft man sich Zutritt zu diesem Gewölbekeller. Er liegt unter dem Restaurant «Weinberg».
Der frisch renovierte Jugendstil-Anbau des Restaurants «Weinberg».
Auch dieser Saal im Restaurant «Weinberg» ist frisch renoviert worden.
Hier befand sich das Not-Spital während des Ersten Weltkriegs.
Eine alte Duschbrause, ein Überbleibsel des Spitals.
Restaurant Weinberg in Aarau - Not-Spital

«Weinberg Spital»: Nun liegt eine Erklärung vor, was es mit damit auf sich hat.

Emanuel Freudiger

Es ist ein Schlüssel, den Roland Gubler einst zusammen mit dem Restaurant Weinberg nördlich der Kettenbrücke übernommen hat. Der Schlüssel ist alt, «Weinberg Spital» steht auf einem Messingplättchen daran. War das Restaurant nördlich der Aare an der Ausfallachse von Aarau Richtung Erlinsbach etwa einst ein Spital?

400 Jahre alt...

... ist das Restaurant Weinberg und gehört damit zu den ältesten Gebäuden in Aarau.

Zumindest temporär lautet die Antwort nach einer interessanten Recherche: Die Spuren führen hundert Jahre zurück, in die Zeit des Ersten Weltkrieges. In der Kantonshauptstadt war die Nachfrage nach Truppenunterkünften besonders gross. Das Militär belegte nicht nur Turnhallen, Schulhäuser oder den einstigen Saalbau, sondern auch Räume in Hotels und Wirtshäusern.

In den Rechenschaftsberichten der Stadt Aarau sind die Truppeneinquartierungen aus der Zeit von 1914 bis 1918 detailliert aufgelistet. Geschlafen und gegessen wurde auch in der «Kettenbrücke», im «Kreuz» und im «Weinberg».

Hier findet man neben Pontonieren und Artilleristen auffallend häufig Sanitätskompagnien. Der Schluss liegt nahe, dass man bei dieser Gelegenheit im Keller eine Art Notspital für Militärangehörige einrichtete. Das erklärt den heute seltsam wirkenden Schlüsselanhänger «Weinberg Spital». Ein Spital ist heute in diesem rund hundert Quadratmeter grossen Keller nur schwer vorstellbar; wenig Licht dringt ins Gewölbe und es riecht modrig. Dafür wären Kranke hier hinter den dicken Grundmauern sicher gewesen.

Hier befand sich das Not-Spital während des Ersten Weltkriegs.

Hier befand sich das Not-Spital während des Ersten Weltkriegs.

Emanuel Per Freudiger

Noch heute zu sehen sind an einer Wand in einem separaten Keller-Abteil archaische Duschenanlagen, die jedoch eher aus der Zeit des zweiten Weltkrieges stammen dürften.

Gebäude selbst ist uralt

Das fast vierhundert Jahre alte Gebäude (über dem Türsturz findet man die Jahrzahl 1615 eingemeisselt) erlebte im Laufe der Zeit zahlreiche Um- und Anbauten. Dazu gehören namentlich der 1879 im Jugendstil erstellte Tanzsaal und eine Kegelbahn. Ein Unikum ist die Tatsache, dass der Gewölbekeller des Nachbarhauses (Erlinsbacherstrasse Nr. 3) noch immer zum «Weinberg» gehört.

Unter dem Restaurant Weinberg in Aarau befand sich zur Zeit des Krieges in Militärspital.

Unter dem Restaurant Weinberg in Aarau befand sich zur Zeit des Krieges in Militärspital.

Emanuel Freudiger

Diese Doppelnutzung geht auf einen Handwechsel im Jahre 1894 zurück. Das damalige Grundbuch nennt ausdrücklich eine Zusatzvereinbarung, wonach der Bierbrauer Friedrich Siebenmann das Nachbargrundstück «underwärts» für seine Zwecke nutzen durfte. Er senkte für die Lagerung seines Gerstensaftes den Boden ab und vergrösserte den Kellerraum in einem Ausmass, der private Bedürfnisse bei weitem übertraf. Der einstige Bierkeller diente dann im Ersten Weltkrieg der Sanitätstruppe als Krankenzimmer oder eben als «Spital».

Jugendstilsaal renoviert

Der heutige Eigentümer Roland Gubler, Wirt im Restaurant Pickwick am Aarauer Graben, hat nun vor allem den Tanzpavillon aussen und innen liebevoll und fachgerecht restauriert. «Der Jugendstilbau soll wieder im alten Glanz erstrahlen», begründet Gubler seine Investition. Entstanden sind unter anderem zwei moderne Wohnungen mit historischem Flair. Der erste Stock mit einem separaten Eingang von der Weinbergstrasse her dürfte der älteren Generation noch bekannt sein, unterrichtete doch hier über Jahrzehnte das Fräulein Rosenberg junge Aarauerinnen und Aarauer im Flötenspiel.