Oberentfelden

Geldnot lanciert den Politzirkus: Wird aus Leidenwil Freudendorf?

Die Raubtierdompteuse Hilda Locher (Irène Ziörjen) bezweifelt mit Thomas Locher (Benjamin Waber) und dessen Freundin (Dilana Aydin), ob sie ihren Bruder, den Gemeindepräsidenten Eugen Locher, für den Zirkus gewinnen kann.

Die Raubtierdompteuse Hilda Locher (Irène Ziörjen) bezweifelt mit Thomas Locher (Benjamin Waber) und dessen Freundin (Dilana Aydin), ob sie ihren Bruder, den Gemeindepräsidenten Eugen Locher, für den Zirkus gewinnen kann.

Die Theatergesellschaft Oberentfelden gab einen öffentlichen Einblick in ihr neues Stück.

«Wenn zwei, drei hängenbleiben, hat es sich gelohnt», sagt Dieter Lüscher, Präsident der 111-jährigen Theatergesellschaft Oberentfelden. Der Verein hat sich zusammen mit dem «Landanzeiger» erstmals einen speziellen Leseranlass ausgedacht: Besuch einer Theaterprobe.

Und der Hintergedanke? Das Hängenbleiben in irgendeiner Form. Zumindest als Zuschauer dürfte der Verein die gut drei Dutzend Probengäste auf sicher haben. Wer wird sich schon die Auflösung der Geschichte entgehen lassen.

Eine Erstaufführung an die Schweiz angepasst

«So en Zirkus» heisst die Komödie von Jörg Appel. «Eine Trouvaille», sagt Regisseur Nicolas Russi. Er bringt das Stück, auf das er zufällig gestossen ist, als Schweizer Erstaufführung auf die Oberentfelder Theaterbühne. Die Adaption umfasst nicht nur eine Übertragung aus dem Badisch-Fränkischen in eine schweizerische Mundart.

Angepasst werden musste auch das politische System. Er hat den gut 20-jährigen Urtext zudem aktualisiert, eine Szene gestrichen und aus einem Zauberer zwei Zauberinnen gemacht. Angepasst an die Möglichkeiten des Vereins.

Zirkus und Politik gleich Politzirkus

Es geht um Zirkus, und es geht um Politik. Also auch um Politzirkus. Dass analoge Zirkusse im Zeitalter digitalen Zeitvertreibs finanzielle Probleme haben, ist Realität. Auf der anderen Seite ist Polittheater nicht nur in der grossen Welt zu sehen, sondern auch und besonders im Dorf.

Dort, in Leidenwil, regiert Eugen Locher beziehungsweise seine Frau. Lochers Schwester, Raubtierdompteuse im 111-jährigen Zirkus Romantica, schlägt einen Auftritt in diesem Dorf vor und hofft auf den Erlass von Gebühren. Allein: Locher hat’s nicht so mit der Gauklergilde.

Ob aus Leidenwil Freudendorf wird?

Aber da stehen Wahlen vor der Tür, und die Wiederwahl des Sesselklebers ist alles andere als gesichert. Die Grüne Dorothea Grüniger fordert den Bauern heraus. Ob das Stimmvolk dessen Machenschaften und Mätzchen im Graubereich der Legalität weiterhin goutiert?

Mit dem Versand von Kondomen an Junggesellen versucht er Stimmen zu gewinnen. Ob das reicht oder gar kontraproduktiv wirkt? Wird die AZ nach der Abwahl titeln: «Gemeindepräsident stolpert über Pariser im Altersheim»? Die Ankunft des Zirkus bringt eine neue Dynamik in die Dorfpolitik, zumal da kreative Ideen spriessen. Ob aus Leidenwil Freudendorf wird?

Pointen, satirische Würze, Livemusik

Die Anlage des Stücks verspricht eine Komödie mit Wortwitz, Gags und Situationskomik. Auch eine Prise Artistik ist drin, samt Zirkusmusik live. Satirische Elemente würzen das Spiel. Sogar bei Thomas, dem Sohn des Dorfkönigs, bröckelt die Loyalität, zumal er lieber Clown als Landwirt sein möchte.

«Locher als Gemeindepräsident – keiner ist so aufgeblasen!», schlägt er als Wahlslogan für seinen Vater vor. Ob das gut kommt? Auf jeden Fall kommt es überraschend. Und neben süffigen Pointen und rasanten Dialogen gibt es nachdenklich stimmende, ja philosophische Momente, etwa wenn der Zirkusclown zu Thomas sagt: «Viele kleine Clowns sind besser als ein grosser Clown.»

Realistischer Einblick in Theaterarbeit

Das Probenpublikum erhält einen echten Einblick in die Theaterarbeit. Streng ist sie; Nicolas Russi lässt Sequenzen wiederholen, ermuntert – «aufgeregter, zackiger» – aber es wird auch viel gelacht. Dieter Lüscher nimmt die Gelegenheit wahr, auf die Arbeit hinter den Kulissen hinzuweisen: Kasse, Bestellwesen, Schminken, Kochen, Bühnenbau, Requisiten und Kleider, Garderobe, Service.

Beim Essen des Chili con Carne können die Besucher einen Fragebogen ausfüllen. Nicht alle machten das Kreuz bei der letzten Aussage: Ich möchte weder mitspielen noch mithelfen und möchte auch nicht kontaktiert werden. An den Abendvorstellungen wird man in der Vereinsbeiz à discrétion Penne mit vier verschiedenen Saucen essen können.

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