Shana Wullschleger betritt das Wohnzimmer und stellt zwei Tassen Kaffee für ihre Besucher auf dem Couchtisch ab. Den Tee hat sie bereits gebracht. Sie wirft einen Kontrollblick auf den Glastisch. «Unterteller!», ruft sie, und kommt wenige Sekunden später wieder aus der Küche zurück. «Das macht man so», sagt sie, stellt die Unterteller zu den Tassen und lacht. Es ist ein ehrliches, natürliches Lachen. Shana wirkt glücklich. «Wunschlos», betont sie. Doch das war nicht immer so: Die 39-jährige Frau hat eine geistige Beeinträchtigung. Ihren Gästen in ihrem eigenen Zuhause Kaffee und Tee servieren kann sie erst seit rund einem Jahr – davor hat Shana nie alleine gelebt.

Eine Wohnung zu Weihnachten

Diese Woche fand der «Tag der Menschen mit Behinderung» unter dem Motto «Mein Leben, meine Wahl» statt. Dieses hat Shana umgesetzt: 16 Jahre hat sie in einer Stiftung in Lenzburg gelebt. «Dass ich da rauswollte, habe ich jedes Jahr angesprochen», so Shana. «Irgendwann habe ich nicht mehr nachgegeben.» Danach wohnte Shana für eine kurze Zeit beim Verein Sebit Aargau, wo sie jeweils morgens arbeitete und nachmittags Schule hatte. «Ich merkte, dass das nicht das Richtige ist für mich», sagt die 39-Jährige. Schule und Arbeit seien zu viel gewesen. Eine Freundin habe sie auf den Verein Stützpunkt Alltag aufmerksam gemacht, der sich für Menschen mit Beeinträchtigung einsetzt und diese begleitet. Mit Karin Bertogg hat sie beim Verein eine Begleiterin gefunden, die zu ihr passt – eine Entscheidung, die sie in der Institution nicht selber treffen durfte.

Dafür, alleine in einer eigenen Wohnung zu leben, hat sich Shana dann schnell entschieden. «Weil ich wusste, dass ich es kann, und an mich geglaubt habe», sagt sie. Also machte sie sich auf die Suche nach einer Wohnung. Schwierig sei dies nicht gewesen, erzählt Shana: «Wenn man bei der Vermietung angibt, dass man begleitet ist und keine Betreibungen hat, ist das gar kein Problem.» So habe sie denn auch nur drei Wohnungen besichtigt, bis sie in Aarau Rohr ihre Traumwohnung gefunden hat: «Ich schaute mich um und sagte: Diese Wohnung wünsche ich mir zu Weihnachten», erinnert sie sich.

Ein Jahr später ist sie in ebendieser Traumwohnung zu Hause. Eingerichtet hat sie die Wohnung gemeinsam mit einer Freundin – vieles in ihrer Lieblingsfarbe Lila. Doch Shana ist nicht nur froh, dass sie ihre Wohnung so einrichten konnte, wie sie wollte. Sie schätzt besonders ihre Freiheit, seit sie alleine lebt. «Ich kann selbstbestimmt leben, früher war alles fremdbestimmt.» Damals, so erzählt sie, musste sie zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause sein, oder fragen, wenn sie an einem anderen Ort übernachten wollte. «Heute kann ich einladen, wen ich will, und bei einer Freundin übernachten, wenn ich das möchte», so Shana. Niemand mische sich ein und sie dürfe auch mal Fehler machen. Wenn sie nicht in der Schreinerei oder im Putzteam des Obstgartens der Heilsarmee arbeitet, verbringt sie ihre Freizeit im Fitnesscenter, beim Kaffee mit Freunden oder zu Hause. Dort geniesst sie ihre Nachmittage gerne auf dem Sofa oder erledigt den Haushalt – Letzteres weniger gerne. Von ihrer neu gewonnenen Unabhängigkeit berichtet die 39-Jährige jedoch hauptsächlich Positives: «Ich bin viel selbstsicherer, als ich es früher war», freut sie sich.

Gemeinsames Zuhause gesucht

«Am meisten gefällt mir aber», beginnt Shana, lacht verlegen und wendet sich kurz ab. «...dass ich meinen Partner sehen kann, wann ich möchte.» Seit neun Jahren ist Shana in einer Beziehung. Mit ihrem Partner hat sie einen Hund, Häxli, und zwei Katzen, Grossvater und Zwirbeli. An früheren Wohnorten habe sie ihren Freund nicht sehen dürfen. «Ich wollte mir das nicht verbieten lassen, ich habe für unsere Liebe gekämpft», sagt sie. Und das habe sich gelohnt: Sie sind zurzeit auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung. Die Voraussetzungen: «Eine schöne Wohnung, wo Haustiere erlaubt sind. Häxli, Grossvater und Zwirbeli sollen auch mit uns wohnen.»