Aarau
Geheimnisvolle Villa: Hinter dieser Türe gibts nichts als Prunk

Hinter der Eingangstür zur Zurlindenvilla an der Bahnhofstrasse in Aarau versteckt sich eine erschlagende Opulenz – seit 85 Jahren residieren die Schweizer Turner hier zwischen Massivholz, Glasmalereien und Mosaiksteinchen.

Katja Schlegel
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Die Zurlindenvilla in Aarau – nichts als Prunk
16 Bilder
Unter den Farbschichten verstecken sich weitere Schätze
Der Blick durchs Treppenhaus
Rast ich, so rost ich
Glasmalereien im Treppenhaus
Eines der Sitzungszimmer im Anbau
Ein lustiger Kerl grinst von der Tür zur Toilette
Ein kleines Archivräumchen
Der hölzerne Jüngling empfängt die Besucher hinter der Eingangstüre
Der Aarauer Adler ist ebenfalls vertreten
Der Blick auf die Details lohnt sich
Das unscheinbare Äussere trügt
Das Ehepaar Zurlinden hat sich in den Fensterscheiben verewigt
Das alte Parkett knirscht und knarzt bei jedem Schritt
Blick durchs Treppenhaus
Die Zurlindenvilla vor dem Umbau in den Zwanzigerjahren

Die Zurlindenvilla in Aarau – nichts als Prunk

Chris Iseli

Dieses Haus kennt jeder. Der stattliche Bau an der Bahnhofstrasse, da, wo die Kasinostrasse einmündet. Stattlich, aber unscheinbar: weisse Fassade, graue Abschlüsse, blassblaue Fensterläden und weisse Gardinen. Auf dem Rasenstück vor dem Haus turnt ein blutter Jüngling an drei Fahnenstangen. Doch das Unscheinbare trügt.

Gebaut wurde die Villa zwischen 1850 und 1860 im spätklassizistischen Baustil. Von wem ist nicht bekannt. Der spätere Besitzer, Zementfabrikant Friedrich Rudolf Zurlinden, liess die Villa, nachdem er in den 1870-Jahren zu Geld gekommen war, um die Jahrhundertwende ausstatten. Und zwar dermassen opulent, dass es einem fast erschlägt. Dieser ganzen Pracht aus geschnitztem Massivholz, farbigem Fensterglas und Mosaiksteinchen wird der Übername der Zurlindenvilla fast nicht gerecht. «Turnerheim» lässt einem an den Geruch von Magnesia und Schweisssocken denken. Und doch trifft er zu: Fast auf den Tag genau seit 85 Jahren residiert hier die Geschäftsstelle des Schweizerischen Turnverbandes STV.

Gleich hinter der Eingangstür steht ein Holzkerlchen in Strumpfhosen und Schnabelschuhen. Ermattet stützt sich der Jüngling auf seine Laterne, den Blick teilnahmslos in die Ferne gerichtet. Zu seinen Füssen wurde die Plakette des Künstlers ins Holz genagelt: «V. Aimone, Sulpteur Décorateur, 37 Rue de Rome, Paris.» Neben dem Jüngling thront Neptun mit seinem Dreizack. Über ein paar Treppenstufen geht es hoch ins Foyer. In der Fensterscheibe die Antlitze von Herrn und Frau Zurlinden, er mit gestärkter Halskrause und Wams, sie mit edelsteinbesetztem Häubchen und Puffärmelchen. Beides völlig an der Mode des 19. Jahrhunderts vorbei, aber Eindruck macht es allemal.

Hinter der Tür steht die Holzbank, auf der die Arbeiter aus der Zementfabrik sassen und auf ihren Zahltag warteten, eingeschüchtert von so viel Prunk, geblendet von der Farbigkeit des grossen Fensters im Treppenhaus, erschlagen von all dem Holz, dass sich kunstvoll geschnitzt an Wänden und Decken kringelt. Ein üppiges Geschenk, so eine Residenz. Und dazu noch eines, das die Turner völlig unerwartet bekamen.

90 Jahre ist es her, seit der Vorstand des Eidgenössischen Turnvereins (so hiess der STV von der Gründung in Aarau im Jahr 1832 bis 1985) gemeldet bekommt, er müsse seine Turnerstube in der Uni Bern räumen. Monate später steht der ETV auf der Strasse. Aus der Not heraus schliessen sich die Turner mit dem Schweizerischen Schützenverband zusammen, der ebenfalls auf Raumsuche ist. Die Vereine beschliessen 1927, in Bern ein Doppelhaus zu bauen. Die Kosten von 466 000 Franken sollen hälftig geteilt werden. Um das Geld zusammenzubringen, müsste jeder Turner zwei Franken spenden. Während sich die Zentralbehörden grosszügig zeigen, stösst die Sammelaktion bei den Turnern auf weniger Anklang.

Just während der Sammelaktion wird in Aarau die Urkunde der «Zurlinden-Stiftung» unterzeichnet – ohne dass die Turner von ihrem Glück wissen. In der Urkunde wird festgehalten, dass das Haus an die Einwohnergemeinde Aarau übergeht, dass aber das Wohngebäude samt Gartenhaus, Garage und Umschwung dem ETV zur Nutzniessung überlassen werden muss. Der ETV solle hier seinen Verwaltungssitz einrichten. Am 9. Dezember 1927 erfahren die Turner von dem Geschenk.

Rudolf Zurlinden hat mit dem Turnsport zwar nichts zu tun, kennt aber die Sorgen des ETV. Zurlinden wohnt damals bereits in Luzern, das Haus in Aarau steht leer. Die glückseligen Turner brechen die Planung mit den Schützen ab und stecken das gesammelte Geld in den Um- und Ausbau der Zurlindenvilla. Am 1. April 1930 ziehen sie in ihr neues «Turnerheim».

Heute arbeiten rund 40 Personen in dem Haus. Ein geschäftiges Treiben, das die Villa knirschen und knarzen lässt. Ausser auf den mit dicken Läufern belegten Treppenstufen verursacht jeder Tritt auf dem Parkett ein Geräusch. In den Büroräumen, die links und rechts vom reich verzierten Treppenhaus abgehen, ist vom einstigen Prunk nicht mehr allzu viel zu sehen: Das Parkett wurde teilweise mit Linoleum oder Teppich überdeckt, in die mit Stuck verzierten Decken wurden Lampenhalterungen geschraubt und die Gemälde, die einst Wände und Decken geziert haben, wurden übermalt.

Jetzt hängen da Autogrammkarten von Donghua Li und Ariella Kaeslin, Ehrenkränze, Wimpel und unterschriebene Trikots. Und in die Buchten in den Zimmerecken, in denen einst die Öfen standen, wurden irgendwann im Lauf der Jahre Regalböden geschraubt, auf denen heute Werbematerial liegt.

Den Bausünden zum Trotz, beim STV ist man stolz auf sein Heim: «Jeder, der das Haus zum ersten Mal betritt, ist erst einmal erschlagen vom ganzen Prunk», sagt Geschäftsführer Ruedi Hediger und lacht. Bisher blieb dieser Anblick hauptsächlich Vorstandsmitgliedern und Mitgliedern der Turnvereine vorbehalten. Um diesen Schatz künftig der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, laufen derzeit Abklärungen mit dem Verkehrsbüro aarau info, das die STV-Räume in die Stadtführungen integrieren könnte.

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