Seit Freitagabend läuft das Streetfood-Festival in Aarau. Nicht in der Altstadt, sondern auf dem Maienzugplatz im Schachen. Beschlossen wurde die Verlegung, nachdem sich Gastronomen gegen die Essensstände vor ihren Lokalen gewehrt hatten. Mit der Durchführung auf dem Maienzugplatz will der Stadtrat einen «alternativen Standort» für marktähnliche Grossveranstaltungen testen, wie er Anfang August mitteilte.

Alex Crivaro, gerade läuft das «Streetfood Festival», auf den Maienzugplatz verlegt nach einer Revolte der Altstadt-Beizer. Sind Sie als Präsident glücklich über diesen Erfolg?

Alex Crivaro: Der Erfolg hat zwei Seiten. Das Veranstaltungskonzept hätte vorgesehen, dass mehrere Wirte ihren Aussenbereich vor dem Lokal für Streetfood-Stände während vier Tagen hätten räumen müssen. Wer als Wirt im August keine Terrasse anbieten kann, kann das Lokal während der Veranstaltung auch gleich schliessen. Dagegen haben wir uns mit Erfolg gewehrt. Sehr gefreut hat uns auch, dass sich der Stadtrat um unser Anliegen gekümmert und einen alternativen Standort gesucht hat. Aber die Lösung mit dem Schachen macht uns überhaupt nicht glücklich.

Warum nicht?

Es liegt auch in unserem Interesse, das «Streetfood Festival» in der Altstadt zu haben. Wir wollen das Festival auf keinen Fall verbannen. Und der Maienzugplatz ist keine gute Lösung. Zwar wird das Festival so noch grösser, es wird noch mehr Stände geben. Aber der Charme der Altstadt fehlt, die Gäste werden Aarau nicht als das sehen, was es ist. Solche Veranstaltungen sind ja auch dafür gedacht, dass man Aarau erlebt. Da sind wir als Wirte ja die Ersten, die dafür sind. Auch wenn wir eine kleinere Kasse machen. Solche Veranstaltungen sind beste Werbung für uns.

Sie als Präsident der Gastronomen sagen also, dass sich Altstadt-Beizer mit solchen Veranstaltungen arrangieren müssen?

Unbedingt. Das ist auch der Grundtenor im Verein: Wir finden solche Veranstaltungen toll. Aber es muss ein Miteinander sein zwischen Veranstalter und Beizern. Es kann nicht sein, dass wir das Jahr über arbeiten, aber dann für ein Festival vor den Entscheid gestellt werden: Zahlen und mitmachen oder nicht zahlen und Terrasse schliessen. Wobei wir festhalten müssen, dass sich der Veranstalter grosse Mühe gegeben hat, einen Konsens zu finden und die Gebühren anzupassen.

Aber?

Wir hätten auch eine Lösung gefunden, aber unter dem Strich waren wir als Verein der Meinung, dass wir das Angebot trotzdem nicht annehmen. Wir Beizer sind halt Holzköpfe, und da nehme ich mich auch nicht aus. Uns geht es ums Prinzip.

Wo genau liegt denn das Problem?

Das Problem ist der Perimeter: Der ist mit dem Gebiet Färberplatz/Markthalle zu klein für das Festival.

Wo gehört eine solche Veranstaltung Ihrer Meinung nach hin?

Ganz klar: an den Graben. Der Graben ist der Festperimeter der Stadt Aarau. Aber hier liegt der Hund begraben. Am Wochenmarkt gibt es nichts zu rütteln. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir Gastronomen lieben den Wochenmarkt, am liebsten hätten wir jeden Tag Markt. Aber wir haben kein Verständnis dafür, wieso man bei den fünf bis sechs Grossveranstaltungen pro Jahr den Wochenmarkt nicht in die Altstadtgassen verlegen kann. Alle Marktfahrer sind flexibel von der Infrastruktur her, es wäre ein Leichtes, die Stände zu verlegen. Trotzdem gewichtet man den Markt am Samstagmorgen höher als uns Beizer. Lieber lässt man uns vier Tage die Lokale schliessen. Und diese Ungleichbehandlung ist der Grund, weshalb wir jetzt das bessere Angebot des Veranstalters ausgeschlagen haben.

Wie stehen denn aus Ihrer Sicht die Chancen, dass das «Streetfood Festival» nächstes Jahr wieder in der Altstadt stattfindet?

Sehr gut, wir können uns bestimmt finden. Unter der Bedingung, dass kein Wirt ausgeschlossen wird, der nicht bezahlen will.

Plagen die Vereinsmitglieder noch andere Sorgen?

Eigentlich geht es uns allen sehr gut.

Dieser Sommer muss für die Aarauer Beizer ein Traumsommer sein ...

Das täuscht. Wenn es zu warm ist, sucht der Gast das Nasse. Dann profitieren Badis oder Lokale am Wasser. Insbesondere Speiselokale haben Mühe bei der Hitze; niemand isst einen Dreigänger, und auch der Alkoholkonsum sinkt drastisch. Etwas besser sieht es für die Bars oder Lokale aus, in denen man gemütlich sitzen und etwas trinken kann. Wir Gastronomen lieben den Sommer sehr, auch einen schönen Sommer wie dieses Jahr. Aber es ist ein Irrglaube, zu meinen, dass im Sommer das Geschäft besser läuft als das ganze Jahr über.

Welches ist die beste Jahreszeit für den Aarauer Beizer?

Eindeutig der Winter. Wir sind verwöhnt, die Lokale sind in der kalten Jahreszeit alle sehr gut gefüllt. Und man darf nicht vergessen, dass praktisch alle Restaurants viel mehr Innen- als Aussensitzplätze haben. Auch wenn wir beispielsweise in der «Krone» an einem Sommerabend 40 besetzte Aussenplätze haben, stehen drinnen 70 Plätze leer. Darauf zu schliessen, dass das Geschäft brummt, weil viele Leute in der Gasse sitzen, ist ein Trugschluss.

Wie wichtig ist die Lage?

Die Lage ist das Hauptkriterium dafür, ob ein Lokal läuft oder nicht. Der Gast will sehen und gesehen werden. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass der Charme des Versteckten wieder an Beliebtheit gewinnt.

Wie sehr ärgert Sie die leerstehende «Waage» an bester Lage? Und braucht es wieder ein solches Lokal, einen Schmelztiegel?

Ja, so ein Lokal braucht es unbedingt. Aber gleichzeitig stört es mich, wenn sich alles auf einen Ort konzentriert. Ich mag die Durchmischung, und die haben wir aktuell. Die ehemaligen «Waage»-Gäste haben sich jetzt auf verschiedene Beizen verteilt.

Was ist die grösste Herausforderung für einen Aarauer Gastronomen?

Wer glaubt, dass er einfach die Tür aufsperren kann und die Leute von sich aus den Weg zu ihm finden, täuscht sich. Es braucht ausgefeilte Konzepte, die sich vom Rest unterscheiden.

Diesbezüglich hat sich die Stadt in den letzten Jahren stark verändert.

Ja, weil sich auch das Ausgangsverhalten verändert hat. Das ist ein langsamer Prozess. So spüren wir noch heute die Auswirkungen der KBA-Schliessung 2013. Das kam nicht unmittelbar, sondern erst etwa drei Jahre später. Und es hält an, wir haben heute viel weniger junge Leute in Aarau.

Die KBA-Schliessung ist noch heute spürbar?

Richtig. Das hat natürlich gute Seiten; wir haben in der Stadt viel weniger Littering. Aber wir vom Verein sehen im Fehlen der Jungen eine Gefahr: Das sind die Gäste von morgen. Aktuell sind alle Lokale auf Gäste ab 30 Jahren ausgelegt, hier ist das Angebot besser und vielfältiger geworden. Aber für die Jungen gibt es – mit Ausnahme des «Piwi» am Graben – kein Angebot mehr.

Lange hiess es, in Aarau könne man nirgends anständig essen. Solche Vorurteile verhallen.

Richtig, das nimmt ab. In diesem Bereich wurde Aarau deutlich besser. Im Bereich «Aarau als Ausgangsstadt» wurden wir für das Publikum «ü30» besser, darunter sind wir weniger interessant.

Aber die ü30-Generationen sind doch zahlungskräftiger. Das müsste sie interessanter machen für Gastronomen.

Ob diese Gäste zahlungskräftiger sind, stelle ich infrage. Die Wodka-Redbull-Generation war die dankbarste; wirtschaftlich betrachtet.

Trinken die Jungen heute weniger?

Die Jungen legen heute eindeutig mehr Wert auf Qualität und Gesundheit. Zwar trinken auch sie gerne Cocktails für 20 Franken, aber solche mit Früchten und Gemüsen, einen qualitativ hochstehenden Drink, dessen Herstellung mit viel Aufwand verbunden ist. Und sie trinken einen Cocktail, nicht mehrere.

Thema Aeschbach-Quartier: In der Aeschbach-Halle ist ein grosser Gastrobereich geplant. Macht euch das im Verein Sorgen?

Es ist ein Wohnquartier und wird das bleiben. Zwar werden viele moderne, frische Bewohner dort wohnen. Aber der Charme einer Altstadt ist nicht zu toppen. Mehr Chancen, zu einer Verlagerung zu führen, rechnen wir dem neuen Bahnhofgebäude zu. Der Nähe wegen.

Aber der Kontrastpunkt als «Trendquartier» könnte doch die Leute ins Aeschbach-Quartier ziehen?

Ein Trendquartier kann es nicht werden, weil es ein Wohnquartier ist. Trendig, Hipster-Style, wild, aber bitte leise? Das funktioniert nicht. Aber wir werden es sehen; jede Veränderung braucht fünf Jahre, bis sich die Auswirkungen endgültig zeigen.