Urban Gardening, Guerilla Gardening: So heissen die Trends, die Städte wieder grüner machen sollen. Was modern tönt, ist eigentlich nur die Neuinterpretation einer alten Idee: Wo es grün ist, lebt es sich besser.

Wer in Aarau nach aktiven «Urban Gardeners» sucht, muss lange suchen. Der Grund: In Aarau blüht und grünt es ohnehin fleissig – ob in der Hochhaussiedlung oder der Innenstadt.

Es gibt aber Leute, denen es nie grün genug sein kann. Zu ihnen zählt Karin Hostettler. In ihrem Kaufhaus zum Glück in der Aarauer Altstadt verkauft sie Seedballs, Kugeln aus Erde, Lehm und Samen. Man sucht sich ein Fleckchen Erde, wirft den Seedball hin oder pflanzt ihn ein und wartet. Den Rest besorgt der Regen.

Überhaupt zeigt Aarau vor, wie die Stadt ein grosser Garten sein kann. Max Jaggi ist hier quasi oberster «Urban Gardener» – nur unter anderem Namen: Leiter Grünflächenpflege Stadt Aarau. Vor neun Monaten hat Jaggi seine Arbeit begonnen.

Heute sagt er: «Aarau ist für mich eine absolute Gartenstadt.» Was er damit meint, zeigt sich im Gespräch während eines Stadtspaziergangs.

Noch bevor er erklärt, was wo wächst und wer wo welche Arbeit macht, ist ihm ein anderer Hinweis viel wichtiger: Nicht er alleine sei es, der zur Gartenstadt schaue.

Sondern: Die Einwohner mit ihren Gärten, Dachgärten, Familiengärten. Die Grünflächenpfleger, die pflanzen, jäten, zurückschneiden. Die Mitarbeiter des Werkhofs, die Pärke reinigen und die grossen Wiesen mähen.

Die Hauswarte von Schulhäusern und Liegenschaften; Freiwillige, die Neophyten bekämpfen und einheimischen Blumen den Platz zurückgeben; Landwirte, die städtische Bäume wässern; Angestellte im Rathaus, die planen und projektieren. «Wir alle sorgen dafür, dass Aarau grün bleibt», sagt Jaggi. Und macht damit deutlich: dahinter steckt viel, viel Arbeit.

Im Kasinopark steht Max Jaggi unter einer mächtigen Hängebuche. Aufgewachsen im Kanton Solothurn auf einem Bauernhof, half er seinem Vater, Bäume zu setzen. «Schon als Sechsjähriger lernte ich so, dass ein Baum lebt und Jahre braucht, bis er gross ist.»

Fortan fühlte er sich den grünen Lebewesen verbunden. Für die Stadt seien Bäume enorm wichtig. Und sie werden, sagt Jaggi, in den nächsten 50 Jahren noch wichtiger werden. In den Städten werde es dann noch heisser werden – und Bäume für Wohlbefinden und Lebensqualität sorgen.

Die Pflege des Parks ist langfristig

geplant und unterliegt Grundsätzen. Erstens: differenzierte Grünflächenpflege. «Was passt wo hin? Wo lohnt sich der Aufwand, wo nicht?» Bei der am Rand des Parks Hecke heisst dies, dass sie hier öfter geschnitten wird als andernorts, wo weniger Publikum verkehrt.

Zweitens: Biodiversität erhalten und fördern. «Wie kann ich machen, was ich muss, und gleichzeitig Mehrwert für die Stadtnatur schaffen?» Bei einer Wildhecke: geschnitten wird nicht im Sommer, wenn Vögel brüten, Frösche unterschlüpfen und Insekten sich ernähren, sondern im Winter.

Drittens: Investitionen, etwa Bäume oder Pärke, so lange wie möglich erhalten. Jaggi: «Wenn ein Gebäude gebaut ist, ist es fertig. Irgendwann muss man es renovieren. Wir arbeiten mit lebenden Pflanzen. Da ist man nie fertig.»

Im Telliring erzählt Jaggi, wie der Hang Richtung Stadt dicht bewaldet war – und man jetzt nach und nach ausgelichtet habe, um gleichzeitig neuen Lebensraum für Tiere und mehr Ausblick für Stadtbewohner zu schaffen.

Dann hält er inne: «Das ist übrigens eine Mönchsgrasmücke, die hier ruft!» Er lächelt, weiss, warum er seine Arbeit macht. Und ist auch nicht böse auf die, die sogar in der Gartenstadt Aarau Seedballs setzen. Pfuschen die «Guerilla Gardeners» den Grünflächenpflegern nicht ins Handwerk?: «Sicher nicht. Es kann nie grün genug sein.»