Sommerferien

Galgenfrist für Elternverein Aarau: Traditionelles Lager und der Ferienpass drohen zu verschwinden

Die Drittklässler waren letzte Woche auf der «Begutti».

Die Drittklässler waren letzte Woche auf der «Begutti».

Der Elternverein Aarau steht kurz vor der Auflösung. Sollten sich bis September keine Vorstandsmitglieder finden, ist der 1989 gegründete Verein Geschichte. Fixpunkte wie das seit hundert Jahren durchgeführte Lager auf der Beguttenalp oder der Ferienpass drohen zu verschwinden.

Wenn Milchhändler Gody Neeser jeweils im Sommer in aller Herrgottsfrühe mit zwei Kannen Milch und einer Ladung Lebensmittel auf die Beguttenalp in die Ferienkolonie fuhr, war er nicht nur der Milchmann. Er war auch Pöstler und Krankenwagenfahrer, brachte Päcklein mit Gemüse, Früchten oder Kuchen von daheim und dann und wann ein heimwehgeplagtes oder verletztes Kind zurück in die Stadt. So war das damals, Anfang der Fünfzigerjahre, als die Kinder zur dreiwöchigen «Ferienkur» auf die Beguttenalp fuhren, organisiert von der Hilfsgesellschaft Aarau.

Die Tradition der Sommerlager auf der «Begutti» ist weit über 100 Jahre alt: Seit 1901 besitzt die Stadt das Ferienheim. Die Kur diente damals dazu, schwächliche und kranke Kinder armer Eltern aufzupäppeln und ihnen etwas Abwechslung zu gönnen.

Heute ist das alles anders, das Lager gehört aber noch immer fest in den Kalender der Aarauer Schulkinder. Jahr für Jahr verbringen maximal 44Drittklässlerinnen und Drittklässler eine Woche auf der «Begutti». Gerade letzte Woche fand es statt, diesmal unter dem Motto «Weltreise». Das Lager ist jeweils so beliebt, dass oft lange Wartelisten geführt werden.

Doch nun droht diese Tradition sang- und klanglos zu verschwinden. Der Elternverein Aarau, der das Lager seit 2013 organisiert (damals übernommen von der Schule Aarau), steht kurz vor der Auflösung. Sollten sich bis zur Generalversammlung im September keine neuen Vorstandsmitglieder finden, ist der 1989 gegründete Verein Geschichte.

Verschwindet der Elternverein, verschwindet natürlich nicht nur das Begutti-Lager. Der Verein ist weiter auch für die Organisation des Ferienpasses mit rund 130 Veranstaltungen zuständig, für die beliebte Kinderkleiderbörse, für einen Räbeliechtliumzug und den Spielzeugflohmarkt. Er setzt sich ein, wenn es beispielsweise um die Neugestaltung von Spielplätzen geht. Und der Elternverein war eine wichtige politische Stimme, wenn es um Kinderbetreuung und Tagesstrukturen ging.

Alles stimmt, aber es fehlen Vorstandsmitglieder

Für Kinder und Eltern wäre das Ende des Elternvereins ein Verlust. Zwar liegen die Mitgliederzahlen mit rund 200 relativ hoch, die Finanzen sind im Lot. Doch die Vorstandsmitglieder suchen bereits seit Jahren verzweifelt nach Nachfolgerinnen und Nachfolgern – ohne Erfolg.

Jetzt ist die Geduld der verbliebenen drei Vorstandsmitglieder erschöpft, sie wollen nicht mehr länger suchen. Eines der Probleme: «Die Eltern sind je länger je mehr beide berufstätig, da fehlt es an Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren», heisst es seitens Vorstand. Dafür habe man auch Verständnis. «Vielleicht entspricht ein Elternverein in dieser Form einfach nicht mehr dem Zeitgeist.»

Die Vorstandsmitglieder hoffen trotzdem, innert einer letzten Galgenfrist das Ende doch noch abwenden zu können. Zwar besteht die leise Hoffnung, dass die Organisation der Begutti-Lager, des Ferienpasses oder die Kinderkleiderbörsen anderen Institutionen übergeben werden könnte. Für den scheidenden Vorstand aber ist klar: «Es wäre aber ein Armutszeugnis für eine Stadt wie Aarau, keine Stimme mehr für all ihre Familien mehr zu haben.»

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