100 Jahre Brockenstube Aarau
Für Züpfe und Blutwurst in die Brocki

Heute suchen Trendsetter im Brockenhaus Raritäten – vor 100 Jahren kauften Arme verschämt etwas zu beissen.

Katja Schlegel
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Brocki Aarau
15 Bilder
Heute vor 100 Jahren wurde die Brocki eröffnet
Früher glich die Brocki einem Möbellager (undatierte Aufnahme)
Lustig hatten es die Brocki-Frauen damals wie heute (undatierte Aufnahme)
Die Frauen räumen schachtelweise Bücher in die Regale (undatierte Aufnahme)
Pia Frei kassiert ein. Das Geld kommt sozialen Institutionen zugute
Im Brocki finden sich auch echte Raritäten
Hier kommen Schatzsucher auf ihre Kosten
Schmuck ist im Brocki sehr beliebt
Besonders alte Koffer sind sehr gefragt
Für einen günstigen Filmabend
Dem Clown ist das Lachen noch nicht vergangen
Ein Sammelsurium an Bildern im Treppenhaus
Das Spiele-Regal ist proppenvoll
Ein ganzer Zoo wartet auf neue Besitzer

Brocki Aarau

Alex Spichale

Man traut sich kaum, sich umzudrehen, so eng ist es. Täte man es mit Schwung, es würde scherbeln. «Wir sind eben noch eine echte Brocki», sagt Brigitta Mazzocco und strahlt. Vollgestopft, eng, wild durcheinander – das schönste Kompliment für Mazzocco und ihre
16 Kolleginnen des Brocki-Teams vom Ziegelrain. «So muss es sein.» Mit Dingen in den Regalen, so hässlich, unpraktisch und überflüssig, dass es einem die Sprache verschlägt. Ein Tummelfeld für Schatzsucher, ein Fundus für Trendsetter. Wer hip ist, sucht seine Sachen nicht im Warenhaus, sondern in der Brockenstube. Wenn das die Frauen von damals wüssten.

Rückblende: 1916, Kriegsjahr. Es fehlt an vielem, an Kleidern, Wäsche, Möbeln, Geschirr, Spielwaren, Lampen, Schuhen. Die Not ist gross. Es sind die Frauen aus besseren Kreisen, Frauen des Gemeinnützigen Frauenvereins unter Präsidentin Frau Prior, die die Ärmel hochkrempeln und in der Halde 34 die erste Brockenstube eröffnen – auf den Tag genau vor 100 Jahren. «Die werten Hausfrauen werden dringend ersucht, in Schränken und Schubladen und in der Plunderkammer Umschau zu halten und das Entbehrliche dem Brockenhaus zuzuwenden», steht im Februar 1916 in einem Artikel im «Freien Aargauer».

Die Aarauer sind grosszügig: «Sogar Dörrgemüse, Züpfen, Blutwürste und ungebrauchte Briefmarken sind schon geschenkt und natürlich auch verkauft worden», steht später in einem Vereinsbericht. Nach neun Monaten platzt das Lokal in der Halde aus den Nähten. Die Brockenstube zieht ein erstes Mal um, ein paar Meter weiter, bis sie 1989 nach fünf weiteren Umzügen am Ziegelrain 16 landet.

Ausflippende Kunden

Den Frauen damals fällt es nicht leicht, ins Brockenhaus zu gehen und für ein Glas eingemachtes Gemüse, einen Stapel gebrauchte Bettwäsche oder getragene Schuhe ein paar Münzen aus der Tasche zu klauben. Bei allem guten Willen dahinter, so ist der Gang in die Brockenstube doch auch eine Schmach. Wer in die Brocki geht, ist arm.

Heute ist die Brockenstube beides: Menschen mit schmalen Budget kommen genauso hierher wie die Gutverdienenden. «Vom Asylbewerber über den adrett gekleideten Herrn, von der Kindergärtnerin bis zum Sammler, vom Stammkunden bis zum Zufallskunden, hier kommen alle vorbei», sagt Mazzocco. Und die Meisten würden etwas finden – «wenn auch nicht das, was sie eigentlich gesucht haben». Das sei für die Brocki-Frauen das Schönste, der Lohn für die unentgeltliche Arbeit: «Wenn jemand etwas findet und sich in einen Gegenstand verliebt, wenn Kleider wie angegossen sitzen und der Fingerring per Zufall passt, freuen wir uns alle.» Manchmal würden die Kunden fast ausflippen vor Freude.

So gross die Freude, so gross manchmal auch der Ärger: Bei Kunden, die trotz kleinstem Preis und offensichtlich dickem Portemonnaie noch märten wollen, kommt den Frauen die Galle hoch. Genauso wie bei allzu gefitzten Antiquitätensammlern, die sie übers Ohr hauen wollen. «Jede von uns ist Fachfrau in einem Gebiet, wir wissen genau, was wir wofür verlangen dürfen», sagt Annelies Kollbrunner, zuständig für Schmuck. Seien sie sich unsicher, würden Expertenmeinungen eingeholt. Das Geld, das die Brocki umsetzt – zwischen 55 000 und 65 000 Franken im Jahr – wird an soziale Institutionen im Raum Aarau gespendet.

Milbenfreier Vogel

Die Brocki-Frauen sind nicht nur Trendsetterinnen und Verkaufsstrateginnen, sie sind auch Zuhörerinnen: «Die Kunden entdecken das Geschirr, wie es ihre Grossmutter schon hatte, und fangen an zu erzählen», sagt Kollbrunner. Oder sie schildern die Geschichte hinter einem Gegenstand. «Gerade bei Hausräumungen haben Leute oft Mühe, Dinge abzugeben, die dem einstigen Eigentümer etwas bedeutet haben. Dann erzählen sie uns beispielsweise, wie der Gegenstand in die Familie gekommen ist.» Aus solchen Gesprächen und Treffen ergäben sich manchmal bedrückende Momente, mal ungewollt urkomische – beziehungsweise ganz schön ungemütliche: wenn beispielsweise eine Künstlerin eines ihrer Werke in der Brocki entdeckt.

Ja, gelacht werde viel, sagen Mazzocco und Kollbrunner und nicken. Sie wollen niemandem unrecht tun, die Geschmäcker seien nun mal verschieden. «Aber manchmal bringen uns Leute so furchtbar hässliche Dinge, dass wir einfach nicht anders können», sagt Kollbrunner und zeigt erst ein Kässeli aus Keramik mit einer komischen Igelfratze und dann auf das Regal in der Ecke, wo sich gusseiserne Weinflaschenständer stapeln. Selten komme es sogar vor, dass keine der Frauen wisse, worum es sich beim abgegebenen Gegenstand handle, geschweige denn, wofür er gebraucht werden könne. Welches war der absurdeste Gegenstand, der je verkauft wurde? Mazzocco überlegt nicht lange: «Ein ausgestopfter Mäusebussard», sagt sie, ausgerechnet vor zwei Wochen sei der verkauft worden, für über 200 Franken. «Der Vogel hatte keine Milben – das war wertsteigernd.»

Öffnungszeiten: Die Brockenstube am Ziegelrain 16 ist mittwochs und donnerstags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 9 bis 16 Uhr geöffnet.