Aarau
Für ihre Werke: Künstlerin fühlte sich in Genua wie ein Clochard

Drei Monate lang hat sich die Aarauer Künstlerin Sadhyo Niederberger den genuesischen Böden gewidmet. Dafür musste sie immer wieder auf dem Boden kauern. Jetzt stellt sie die Werke im Aarauer Rathaus aus.

Katja Schlegel
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Sadhyo Niederberger überträgt in Genua eine Bodenstruktur mittels Pulver auf die Leinwand.Florian Luthi

Sadhyo Niederberger überträgt in Genua eine Bodenstruktur mittels Pulver auf die Leinwand.Florian Luthi

Florian Luthi

Er war praktischer Natur, der Grund, weshalb sich Sadhyo Niederberger bei ihrer Arbeit während des Atelieraufenthaltes in Genua, ermöglicht durch die Stadt Aarau und die Städtekonferenz Kultur, auf Böden konzentrierte. «Es war Winter, nass und kalt, und ich war allein», sagt sie.

Als Sadhyo Niederberger nach Genua aufgebrochen war, hatte ihr als Projekt etwas mit Frottage-Technik und Spurensuche vorgeschwebt, etwas über die Geschichte und die Gegenwart der Stadt, etwas mit Architektur.

Keine Atelieraufenthalte mehr für Künstler

Sadhyo Niederberger ist die letzte Künstlerin, die als Stipendiatin der Stadt Aarau und der Städtekonferenz Kultur in einem Gastatelier arbeiten durfte. Gestrichen wurden die Aufenthalte in den Ateliers in Kairo, im indischen Varanasi oder in Genua aus Kostengründen im Rahmen des Stabilo-Sparprogramms.

Niederberger findet, dies sei nicht nur für die Künstler selbst, sondern insbesondere auch für die Stadt Aarau ein Verlust: «Bei solchen Aufenthalten schafft man sich so viele Kontakte. Diese wiederum kommen Aarau zugute, indem diese Leute hierher zu Besuch kommen und allenfalls selber ausstellen.»

Im Winter 2012 hatten lokale Künstler mittels Petition erfolglos gefordert, dass die Stipendien für das Atelier in Kairo wieder ins Budget aufgenommen werden. (ksc)

Ein merkwürdiges Gefühl

Sie begann, architektonische Details von Hauswänden abzupausen. Doch die Papierbögen, die sie an die Hauswände hielt, klatschten über kurz oder lang aufgeweicht von Regen oder Schnee auf den Boden. Dazu kam das merkwürdige Gefühl, sich in einer fremden Stadt an Häusern fremder Menschen zu schaffen zu machen.

Also fing Sadhyo Niederberger an, die Stadt mit gesenktem Kopf und in der Hocke zu entdecken. In Kirchen und Kathedralen rieb sie Grabplatten ab, mit der Zeit traute sie sich in den halböffentlichen Raum, in Palazzos und Innenhöfe. Auf Papier und Leinwand frottierte sie durch das Zerreiben von Pulver oder Kreide verschiedene Bodenfragmente.

Abgeschliffene Böden

Es entstanden Strukturen und Ornamente, die die Geschichte der Stadt dokumentieren: Böden, von Abertausenden Füssen und Rädern in vielen Jahrhunderten abgeschliffen, geformt und gefurcht.

Niederberger nahm die Fingerabdrücke der einst so bedeutenden Stadt, im Mittelalter Kolonialmacht und grosse Seerepublik, Geburtsstadt von Christoph Kolumbus. Das Thema von Niederbergers Arbeit nahm Gestalt an: Auf welchem Boden gehen wir, auf wessen Erbe?

Zwei Fliegen auf einen Schlag

Mit dem Thema schlug sie zwei Fliegen auf einen Schlag. «Ich habe eine Arbeit gefunden, die direkt mit der Stadt zu tun hat, sowohl mit den Spuren als auch der Architektur», sagt Sadhyo Niederberger.

Aufgrund der partiellen Eins-zu-eins-Kartografie nennt sie ihre Ausstellung auch «1:1. Borges Utopie» – inspiriert von einer Erzählung des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges.

«Dreckig und eklig»

Eine Arbeit, die aber auch ihre Schattenseiten hatte: «Böden sind oft dreckig und eklig. Ich habe mich zeitweise wie ein Clochard gefühlt.» Immer wieder sei sie von Passanten angesprochen und bei ihrer Arbeit beobachtet worden.

Einige hätten merkwürdig auf sie reagiert, wenn sie so auf dem Boden gekauert sei. «Der Boden ist für viele Menschen etwas, an dem man sich nicht zu schaffen macht», sagt sie.

Alles in allem hat Sadhyo Niederberger den Aufenthalt in Genua sehr genossen. «Es war eine wunderbare Zeit, gefüllt mit Inspiration und guten Begegnungen», sagt sie. In den drei Monaten habe sie eine richtige Affinität zu Böden entwickelt. «Seit Genua schaue ich die Strukturen der Böden mit anderen Augen an.»

Rathausausstellung «1:1. Borges Utopie» vom 19. Oktober bis 20. Dezember, Vernissage am 18. Oktober, 19 Uhr. Führung am 28. November, 19 Uhr. Weitere Infos auf www.aarau.ch/rathausausstellung oder www.sadhyo.ch