Erlinsbach
Für gehörig Krach tut es auch ein rollendes Fass

Heute Morgen trafen sich die hart gesottenen Fasnächtler zur Speuzer «Chesslete»– in aller Herrgottsfrühe und trotz eisiger Kälte.

Lee Ann Müller
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Die Chessler läuten die Fasnacht in den frühen Morgenstunden ein. Lee

Die Chessler läuten die Fasnacht in den frühen Morgenstunden ein. Lee

Lee Müller

Es ist kurz nach halb fünf Uhr, auf dem Velo spürt man die Kälte schon nach wenigen Minuten bis in die Zehenspitzen. Die Strasse Richtung Erlinsbach liegt noch verschlafen da, nur das Brummen des Motorrades einer Pöstlerin zerstört für einen kurzen Moment die Stille. Doch plötzlich ein Schreckmoment – auf dem Dach einer Bushaltestelle klammern sich zwei Gestalten aneinander und beobachten mit bleichen Gesichtern neugierig die verlassene Strasse. Beim genaueren Hingucken entpuppen sie sich als Stoffsäcke mit einem aufgemalten Gesicht – ein Narr, wer sich von ihnen erschrecken lässt, schliesslich ist die Speuzer Fasnacht seit heute im vollen Gange. Um fünf Uhr morgens wurde sie mit der «Chesslete» eröffnet.

Diesmal sind es keine Puppen, die sich weiter oben bei der Bushaltestelle Rössli versammelt haben. Aus allen Richtungen huschen die Bewohner aus dem aargauischen und dem solothurnischen Erlinsbach herbei. Sie sind ganz in Weiss gekleidet, mit einer Zipfelmütze auf dem Kopf. Früher trafen sich die Bewohner aus dem unteren und oberen Dorfteil noch separat und begegneten sich auf dem Weg, heute starten alle gemeinsam beim Restaurant Kreuz. Punkt fünf Uhr begrüsst Dominik Weber vom Fasnachtskomitee die Frühaufsteher mit den Worten: «Psst, es ist früh am Morgen, seid bitte leise.» Verhaltenes Gelächter in der Menge, schliesslich ist heute der Tag, an dem der Lärm so laut sein darf, dass auch die letzte Schlafkappe im Dorf aus seinen Träumen gerissen wird. Mit dem Krach sollen der Winter und die Kälte vertrieben werden.

Ein Knall auf die Trommel zerstört die frühmorgendliche Ruhe und ein ohrenbetäubendes Orchester setzt ein. Nebst den Rätschen und Glocken haben die Speuzer ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und sich mit allerlei Eigenkreationen ausgestattet. Kleine Kinder hauen mit Stäben auf eine Thermoskanne ein, die sie um den Hals tragen, ein Mann zieht einen Besen hinter sich her, an dem lauter Blechbüchsen befestigt sind, die bei jedem Schritt scheppern. Eine Familie hat ein altes Fass mit blauer Farbe angemalt und kleine Räder montiert. Mit Stöcken hämmern sie lautstark dagegen. Der Umzug führt durch Wohnquartiere, doch auch wenn der Krach hundert Elefanten geweckt hätte – in den Häusern regt sich nichts. Für die Chessler Grund genug, mit den klammen Finger noch lauter auf die Alubüchsen einzuschlagen. Von den Gassen geht es auf die Hauptstrasse, der ganze Tross bleibt mitten auf der Fahrbahn stehen, ein Auto muss bremsen und warten. Der Fahrer nimmt es mit Humor und lässt seine Finger von der Hupe – gehört hätte man sie sowieso nicht.

Einmal im Jahr muss es sein

Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Die Chessler hauchen sich zufrieden in ihre Hände und drängen sich ins geheizte Festzelt auf dem Dorfplatz. Getreu nach dem Motto der diesjährigen Fasnacht «Speuz fahrt i» ist das Zelt ganz im Stile eines Bahnhofes eingerichtet. Beim «Bahnhofbuffet» kann man sich mit heissem Tee und einer Mehlsuppe verpflegen. Das Fasnachtskomitee rund um Präsident Andreas Kessler ist seit 24 Stunden auf den Beinen – an Schlaf sei in der Fasnachtszeit sowieso nicht zu denken, sagt Kessler.

Auf einem Tisch stehen neben den Tellern voll Mehlsuppe zwei Flaschen Weisswein. Die Erzbachguggen genehmigen sich bereits um sechs Uhr morgens das erste Gläschen – sie müssen nachher nicht zur Arbeit. Ganz im Gegenteil die Schüler, die auf den Bänken nebenan die Köpfe zusammenstecken und einen Plan aushecken, welche Entschuldigung sie der Lehrerin in die Schule bringen könnten, um später am Morgen nicht in den Unterricht zu müssen. Weiter wird die Mehlsuppe analysiert. «Hast du sie wirklich gerne?», fragt einer. Ein anderer zuckt mit den Schultern. «Nein», sagt er und nimmt tapfer einen grossen Löffel, «aber einmal im Jahr an der ‹Chesslete‹ muss es sein.» Es muss sein – genauso wie das frühe Aufstehen vor einem strengen Arbeitstag und dem Ausharren in der Kälte. Ein hart gesottener Fasnächtler trotzt für einen guten Start in die Narrenzeit eben allen Schikanen.

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