Aarau
Für die Kinder von Dirnen und nichtsnutzigen Bürgen: Der Armenerziehungsverein wird nach 160 Jahren aufgelöst

Vor 160 Jahren wurde im Bezirk Aarau der Armenerziehungsverein gegründet. Der Verein hat überlebt, bis heute. Jetzt wird er aufgelöst.

Katja Schlegel
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Der Oberentfelder Pfarrer Peter Hediger ist Präsident des heute 160-jährigen Jugendfürsorgevereins.

Der Oberentfelder Pfarrer Peter Hediger ist Präsident des heute 160-jährigen Jugendfürsorgevereins.

Katja Schlegel

Man habe die Erfahrung gemacht, so steht es schwarz auf weiss, dass die Anzahl an vernachlässigten Kindern noch immer sehr gross sei. Verdorben seien sie, an Leib und Seele, nicht nur Waisen und unehe­liche Kinder, sondern auch solche, die noch bei ihren Eltern wohnen. «Wer je schon einen Blick in das Elend solcher Haushaltungen gethan hat, der weiss, wie da Unflath, Müssiggang, Frechheit, Betrug, Unzucht an der Tagesordnung sind.» Aus solchen Hütten würden die Taugenichtse hervorgehen: «Die Mädchen werden später meist schlechte Dirnen, die Knaben meist nichtsnutzige Bürger, die dem Armengute zur Last fallen, oder sie werden –Kandidaten des Zuchthauses!»

Das tönt dramatisch. Und sehr abschätzig. Es klingt nicht nach unseren Breitengraden, es tönt nach Zuständen weit weg. Doch es ist nah: Es sind Zitate aus dem Aufruf zur Gründung eines Vereins für Erziehung verwahrloster Kinder im Bezirk Aarau. Weit weg ist nur das Jahr; der Aufruf stammt von 1860.

Über die Tonalität staunen auch Erich Baumann und Peter Hediger, wenn sie in den alten Unterlagen blättern. «Aber das war unter den damaligen Umständen ganz normal, das war die Volksmeinung», sagt Baumann. Das Erstaunliche an der Geschichte: Den Verein gibt es noch heute, 160 Jahre später, wenn auch unter modernerem Namen. Doch jetzt steht der Jugendfürsorgeverein des Bezirks Aarau an einem Wendepunkt: Er soll aufgelöst und das Vermögen von über 100000 Franken an eine andere Stiftung übergeben werden (AZ vom 11.9.).

Erich Baumann und Peter He­diger sind beide eng mit dem Jugendfürsorgeverein verknüpft: Erich Baumann aus Unterentfelden war als Sozialarbeiter lange Vizepräsident des Vereins und hat sich eingehend mit der Vereins­geschichte befasst. Und der Oberentfelder Pfarrer Peter Hediger ist aktuell Präsident des Vereins.

«Der Blick zurück ist heilsam»

Für die beiden ist der Verein eine Herzensangelegenheit. Und seine Geschichte ein Zeugnis für die soziokulturelle Entwicklung in der Schweiz. «Wenn man bedenkt, wie stolz wir heute auf die reiche Schweiz sind, dann ist der Blick zurück heilsam», so Baumann.

Armenerziehungsvereine wurden damals überall in der Schweiz gegründet. Der Wille, Bedürftigen zu helfen, war gross. In Aarau wurde der Verein im Auftrag der Kulturgesellschaft ins Leben gerufen; erster Präsident war Stadtpfarrer Emil Zschokke. Die Kinder retten – nicht weniger hatten sich die Vereinsmitglieder damals auf die Fahne geschrieben. Konkret hiess das: Schulpflichtige Kinder aus ihren «verrotteten Familien» zu holen und in «rechtschaffenen, christlichen Haushaltungen zu einer besseren Erziehung» unterzubringen; kranke Kinder wurden in Spitälern, Heimen oder Anstalten untergebracht. Das Kostgeld dafür trug der Verein. Dazu wurden Fünfrappen-Vereine gegründet, deren Mitglieder wöchentlich mindestens 5 Rappen spendeten. Weiter versicherte der Verein seine Pfleglinge gegen Krankheit und Unfall. Im Bezirk Aarau nahm der Armenerziehungsverein in den ersten 70 Jahren 735 Kinder auf.

Es fehlt heute nicht an Geld, sondern an Gesuchen

Bis in die Siebzigerjahre waren Armenerziehungsvereine im ursprünglichen Sinn und Geist aktiv, dann trat eine Professionalisierung ein. Es entstanden Fachstellen für die Pflegeplatz- vermittlung. Jugend- und Fa­milienberatungsstellen sowie Sozialämter übernahmen die ursprünglichen Aufgaben der Vereine. Diese waren jedoch weiterhin aktiv und unterstützten bedürftige Familien mit Kindern und Jugendlichen finanziell.

Heute unterstützt der Jugendfürsorgeverein – auf Gesuch der Sozialämter hin – hauptsächlich Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Finanziert werden Integrationsmassnahmen, Musikschulunterricht und Beiträge für Skilager oder Sportvereine. Die Spendenfreudigkeit ist noch heute hoch, die Kasse des Vereins ist übervoll. Woran es fehlt, sind Gesuche um Unterstützung. Sozialämter decken den finanziellen Bedarf weitgehend ab. «Auch ist das Angebot an unterstützenden Organisationen heute riesig», sagt Peter Hediger. Das Fazit nach 160 Jahren ist traurig, aber realistisch: «Uns braucht es nicht mehr.»

Der Verein hat nun beschlossen, die Sammeltätigkeit einzustellen. Das Vermögen soll an eine Institution weitergegeben werden, die sich ebenfalls um bedürftige Jugendliche im Bezirk Aarau kümmert. 2021 will der Vorstand über die Nachfolge entscheiden. Dann folgt der letzte Schritt: die Auflösung.

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