Zartrosa ist das Brieflein, zart die Seiten. Julia heisst die Schreibende, die am 29. Dezember 1899 dieses mehrseitige Brieflein in Frankfurt am Main geschrieben hat, mit schwarzer Tinte und energisch, die Buchstaben schimmern durchs Papier.

Adressiert ist der Brief an «Fräulein Rosi Winteler, Tochter des Herrn Professor Winteler, Aarau, Schweiz». Kantonsschulprofessor Jost Winteler, bei dessen Familie Albert Einstein Anschluss gefunden hatte. Der Albert, der es Julia angetan zu haben scheint.

Es ist ein spezielles Brieflein. Voller Geheimnisse, Ärger, Einsamkeit und Sehnsucht. «Bitte behalte diesen Brief für Dich und verbrenne ihn lieber», schreibt Julia zum Schluss. Doch Rosi hat sich nicht daran gehalten. Und so hat ihn Odette Hochuli aus Kölliken vor etwa drei Jahren am Flohmarkt in Aarau gekauft. Für 50 Rappen. Für Odette Hochuli ist er unbezahlbar.

Grossvaters unvergessene Strubeli

Odette Hochuli ist eine Sammlerin. Seit Jahren ist sie im Verein für Briefmarkenkunde Aarau. Nicht nur wegen ihrem Mann Hans, der den Verein präsidiert. Die Leidenschaft ist älter. «Bereits mein Grossvater hat mir seine Briefmarkensammlung gezeigt», sagt Odette Hochuli und verdreht die Augen.

Seitenweise Strubeli, die Marken der sitzenden Helvetia mit der etwas unglücklich durcheinandergeratenen Frisur. «Das hat mich als Kind überhaupt nicht begeistert», sagt sie und lacht. Aber schon damals habe sie immer gut zugehört und sich gemerkt, was der Grossvater erklärt hatte.

Und so spross Jahre später, was der Grossvater gesät hatte: die Begeisterung für Marken, für Stempel, für Briefe und Postkarten. Und die Begeisterung für den Inhalt der Briefe, für die Lebensgeschichten.

Lebensgeschichten sind nicht bloss ein Hobby für Odette Hochuli. Bis zu ihrer Pensionierung hat sie mit Menschen mit extremen Geschichten gearbeitet; erst als Lehrtochter auf der Gemeindeverwaltung Schmiedrued, wo sie liebend gern in den Familienregistern blätterte, als Sekretärin bei der Aargauer Jugendanwaltschaft und in der Strafanstalt Regensdorf, bei der Amtsvormundschaft Winterthur, beim Kanton Aargau, wo sie mitunter Einbürgerungsdossiers bearbeitete, oder beim Kantonsärztlichen Dienst. «Ich habe so viele Geschichten gehört», sagt sie. Und auch heute, mit 68 Jahren, kann sie davon nicht genug kriegen.

Doch diese Lebensgeschichten sind anders. Von unbekannten, längst verstorbenen Personen, aus einem Alltag, der uns fremd ist. «Wenn man ein solches Brieflein auftut, kommen einem ganze Geschichten entgegen.»

Es sind nicht die grossen Geschichten, nichts Weltbewegendes. «Aber Geschichten, die das Leben schreibt, von Leuten wie wir, mitten aus ihrem Alltag.» Erzählungen über das Wetter, über den neusten Mantelkauf, Leseempfehlungen, Klatsch und Tratsch, Herzschmerz, alles über 100 Jahre her. «Das zu entdecken, fasziniert mich.»

Odette Hochulis erster Brief, ihr Lieblingsbrief, wurde am 26. Januar 1861 in Sarmenstorf abgestempelt und ist adressiert an «Jungfrau Gertrud Keller, in der neuen Brügge in Aarau». Ein eher unscheinbares Blatt, mehrfach gefaltet und doppelt gestempelt, ohne Briefmarke.

Doch wer sich mit der Geschichte des Aargaus und insbesondere mit den Leistungen der Aargauer Frauen auskennt, dessen Herz schlägt bei dieser Anschrift höher. Gertrud Keller war ab 1889 Präsidentin des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins und Initiantin der ersten schweizerischen Gartenbauschule Niederlenz.

Und auch die Absenderin ist keine Unbekannte: Lisette Ruepp-Uttinger (1790–1873), liebevoll «Muetterli» genannt, die als willensstarke Bildungspionierin in die Geschichte der Aargauer Mädchen- und Lehrerinnenbildung einging.

Tatsachen, von denen Odette Hochuli beim Kauf des Briefes nichts wusste, die sich erst nach aufwendiger Suche herausgestellt haben. Ein Suchen, das Freude macht. Odette Hochuli hat inzwischen eine ganze Briefsammlung unter dem Titel «Schweizer Frauen bewegen sich» zusammengestellt, hat die Geschichten der Frauen recherchiert.

Manchmal ist es purer Zufall, der ihr dabei hilft, oft die Marke selbst, die der gemeinnützigen Institution von der Post finanziert wurde und deshalb rückverfolgbar ist. «Manchmal dauert es Jahre, bis ich herausfinde, wer hinter den Namen steckt.»

Julia ist eine Knacknuss

Und jetzt ist da diese Knacknuss: der Brief von Julia. Julia ohne Nachname. Und nur dieser eine Brief, der ein paar Anhaltspunkte liefert: Am 15. Dezember 1898 trat Julia in Aarau eine Stelle als Bibliothekarin an, im Dezember 1899 aber war sie bereits als Erzieherin in Frankfurt tätig.

Ausserdem scheint Julia Streit mit ihren Eltern gehabt zu haben, weshalb sie nicht in Aarau bleiben konnte. «Ausserdem schreibt sie, dass sie in Frankfurt Gesangsstunden nehmen wollte.» Doch viel weiter ist Odette Hochuli bislang nicht gekommen. Im Jahrbuch 1902 bis 1907 der «Literarische und Lesegesellschaft Aarau» hat sie zwar ein Fräulein Julia Schäfer entdeckt; ob das aber die Gesuchte ist, ist unklar.

Jetzt sucht Odette Hochuli nach Hinweisen aus der Bevölkerung. «Die Geschichte gibt mir keine Ruhe», sagt sie. Nicht, weil es ihr um Prestige unter den Sammlern geht, sonder aus purer Neugier und dem Willen, auch solche kleinen Geschichten unvergessen zu machen.

Weil auch solche Geschichten wichtig seien, sagt Odette Hochuli nachdenklich. «Geschichten, wie sie unseren Nachkommen nicht mehr in die Hände fallen werden, beim Räumen von Kellerabteilen oder Estrichen. Weil wir alle Korrespondenz nur noch elektronisch verschicken.»