«Mein Leben ist ein Kuriositätenkabinett», sagt Hans Alex Meyer (85) und schaut aus dem Fenster seines Daheims in Biberstein. Er habe so viele schräge Sachen erlebt, das musste er einfach niederschreiben.

Der pensionierte Tropenarzt lebt seit 20 Jahren bei seiner Lebenspartnerin in Biberstein. Bis vor zehn Jahren führte er seine eigene Praxis am Zürichberg, wo er nicht nur Tropenkrankheiten behandelte, sondern auch Patienten mit psychischen Problemen therapierte. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war Meyer unter anderem als Missionsarzt in Eritrea, Moçambique und Tansania tätig. Stationen seines Lebens, über die er besonders gerne spricht.

In Eritrea nicht willkommen

Man stelle sich vor: Der 31-jährige Hans Alex Meyer, seine damalige Frau und der eineinhalbjährige Sohn reisen 1963 per Schiff von Venedig über Kairo nach Massaua, eine Hafenstadt von Eritrea, und von dort weiter ins Landesinnere. Dies zu einer Zeit, in der Eritrea eben erst vom Kaiserreich Abessinien (heutiges Äthiopien) annektiert worden war und sich die eritreische Befreiungsfront formierte.

Das Land hatte bis anhin bereits eine bewegte Geschichte: Es war zwischen 1869 und 1941 eine italienische und bis zur Annektierung Abessiniens 1961 eine britische Kolonie. Die politische Lage war alles andere als stabil – Eritrea rüstete sich für einen Krieg gegen Äthiopien. «Die Lebensumstände vor Ort waren ziemlich mies», sagt Meyer. Dank den Italienern habe es in Eritrea zwar Elektrizität und eine Eisenbahn gegeben, und im Vergleich zu Äthiopien sei das Land ziemlich fortschrittlich gewesen. Die Infrastruktur sei aber zunehmend marod geworden.

Hans Alex Meyer (links) im Amblatorium in Eritrea, 1964

Hans Alex Meyer (links) im Amblatorium in Eritrea, 1964

Im Rahmen der evangelischen Nillandmission ist die Familie Meyer also nach Eritrea gereist. In Adi Quala, eine Stadt 36 Kilometer südlich der Hauptstadt Asmara, hatte die Mission Land gekauft, um darauf ein Krankenhaus zu bauen. Die Einheimischen wollten das aber nicht. Auf der gekauften Parzelle hatten die Bauern bereits Getreide angepflanzt. Es gab Protest. Die einheimischen Kinder bewarfen die Missionare mit Steinen. «Dann haben wir halt einen Schopf gemietet und dort die ersten Patienten empfangen.»

Meyers damalige Frau war Lehrerin. Zusammen mit dem Ehepaar, das die Mission leitete, bauten sie in Adi Quala eine Schule auf, die bis heute besteht. 1964 wurde Meyers Tochter in der eritreischen Hauptstadt mit einer «Do-it-yourself-Entbindung» geboren. Per Telegramm informierten sie die Eltern in der Schweiz. Ende 1964 reisten die Meyers schliesslich zurück in die Heimat. Im Gepäck eine Amöben- und Lamblieninfektion – die Lebensumstände in Eritrea machten den Meyers auch nach der Rückkehr noch lange zu schaffen. Bis zu seinem nächsten Auslandeinsatz 1970 arbeitete Meyer auf der Barmelweid, «um sich zu erholen».

Forscher im afrikanischen Busch

Hans Alex Meyer wollte schon immer Missionsarzt werden. «Nicht um zu predigen, sondern um zu helfen», so Meyer. Er habe immer die Vorstellung gehabt, im afrikanischen Busch vor dem Mikroskop zu sitzen und Krankheitserreger zu entdecken. Aber das war in den Sechzigern schon längst vorbei. Cholera war bereits entdeckt, Tuberkulose ebenfalls. Deshalb ging er, um Patienten zu behandeln: insgesamt eineinhalb Jahre in Eritrea, drei Jahre in Moçambique und drei Jahre in Tansania.

In Moçambique war er seinem Traum, als Forscher tätig zu sein, am nächsten. Denn da arbeitete er für Hoffmann LaRoche als Forschungsbeauftragter. «Ich kam mir vor wie im zoologischen Garten, es gab so viele Parasiten.» Einen bis dahin in Afrika unbekannten Malaria-Erreger konnte er dann der WHO doch noch melden: «Eine junge afrikanische Hilfslaborantin hat ihn entdeckt.»

«Ich konnte einige Leben retten»

Dass all die Bemühungen, in Afrika etwas aufzubauen, sehr oft nicht nachhaltig seien, bedrücke ihn: «Früher oder später macht es ‹tagg› und alles wird wieder kaputtgemacht», sagt Meyer. Es gebe entweder einen Krieg oder einen politischen Umsturz, die alle Arbeiten zerstörten. Ob er trotzdem das Gefühl hat, er habe in den Jahren in Afrika etwas bewirkt? «Mit der Zeit wird man bescheiden.»

Das Nachhaltigste sei in seinen Augen die Ausbildung von Personal vor Ort. Sein grösster Erfolg war denn auch, dass er einigen Leuten die korrekte Lagerung von bewusstlosen Personen beibringen konnte. Auf der morgendlichen Visite im Kilimandscharo Christian Medical Center in Tansania habe er immer wieder Patienten vorgefunden, die bewusstlos in ihrem Bett gelegen seien und zu ersticken drohten.

Er habe jedes Mal mit pädagogischem Eifer alle Ärzte, Pfleger und sogar das Putzpersonal zusammengetrommelt und ihnen gezeigt, wie man Bewusstlose richtig lagert. «Dank dieser einfachen Massnahme konnten in diesem Spital einige Leben gerettet werden.» So kam es, dass im örtlichen Spital in Tansania fortan von der Meyer-Position gesprochen wurde. Darauf sei er stolz.

Hans Alex Meyer hat viel erlebt. Präzise kann er sich an Namen, Orte und Jahrzahlen erinnern. Er bedient seinen Computer selbst und auch seiner Passion, dem Malen, geht er heute noch nach. Die Liebe hat ihn vom Zürichberg nach Biberstein gebracht. 1998 hat Meyer seine heutige Lebenspartnerin Hélène im Kunsthaus Zürich kennen gelernt. Ein weiteres Treffen brachte ihn ins Aarauer Kunsthaus. Und bald darauf zog er zu seiner Freundin nach Biberstein in die «Alte Trotte», wo er «voraussichtlich seine letzten Lebensjahre» verbringen werde.