Treibende Kraft war bei der Gründung unter anderen Emma Coradi-Stahl, die zu jener Zeit in Aarau ein Broderiegeschäft führte. Handarbeit und damit allgemein die Förderung der beruflichen und hauswirtschaftlichen Ausbildung junger Frauen standen damals im Zentrum. Davon zeugt etwa ein Buch von 1902 mit dem Titel «Wie Gritli haushalten lernt».

Im Gleichschritt mit dem nationalen Verband betätigte sich die Sektion Aarau in ihren Anfängen nicht auf der politischen, sondern ausschliesslich auf der praktischen Ebene. Im jüngsten Jahresbericht hat Ursula Stähli einen Rückblick auf 125 Jahre Vereinsgeschichte verfasst, der dies unterstreicht.

Mit den Titeln der Ehemänner

So umfasste die Aktivität des Aarauer Frauenvereins damals unter anderem eine Wöchnerinnenfürsorge, Kurse für die «Ausbildung des weiblichen Geschlechts» oder die Führung eines Töchterheims. Einige Frauen engagierten sich auch beim Kampf gegen die seinerzeitige «Volkskrankheit», die Tuberkulose, bei städtischen Hilfsaktionen oder in der Amtsvormundschaft. Die Damen aus bürgerlichem Hause sprachen sich untereinander mit dem Titel ihrer Ehemänner an, etwa mit «Frau Doktor» oder «Frau Direktor». Zudem zirkulierte im Verein eine gediegene Lesemappe mit Zeitschriften und Belletristik, vornehmlich mit «dem Bestreben der Frauen entsprechendem Inhalt».

1916 gründete der Verein die heute noch existierende Brockenstube, die während den Krisenjahren nicht nur Kleider, Möbel oder Geschirr, sondern auch Dörrgemüse, Züpfen oder Blutwürste feil hielt. Die «Brocki» ist seit 24 Jahren im sogenannten Lilahaus am Ziegelrain 16 untergebracht und wirft regelmässig einen namhaften Reinerlös ab. 2012 erreichte dieser 61'000 Franken, die nach schönem Brauch sozialen Institutionen in der Stadt und Region zugutekommen.

Für das eidgenössischen Schützenfest 1924, das in der Aargauer Kantonshauptstadt stattfand, nähten die gemeinnützigen Frauen unzählige Fahnen, Flaggen und Wimpel und waren gar im Service im Festzelt tätig. Im gleichen Jahr kaufte der Verein eine Villa an der Laurenzenvorstadt und richtete dort ein Töchterheim ein, das unter dem Spitznamen «Zwinger» bis in die 1980er-Jahre Bestand hatte und vor allem auswärtigen Absolventinnen der Kantonsschule und des Seminars eine günstige Unterkunft bot. Seit 1992 ist das «Haus Magnolia» an die Stiftung Schloss Biberstein vermietet.

1938 übergab die Frauenzentrale dem Verein die Berufsberatung für Mädchen, 1944 gründete die Sektion Aarau einen Hauspflegeverein. Während des Zweiten Weltkriegs versorgten eifrige Strickerinnen die Soldaten mit warmen Socken. Aus dieser Aktion heraus entstand später an der Milchgasse das vereinseigene Handarbeits-Stübli, das seit mehr als 35 Jahren von Lea Amsler geleitet worden ist und traditionell auch am MAG einen Stand hat.

Gemeinnützig auch heute noch

Viele dieser ehrenamtlichen Tätigkeitsbereiche sind inzwischen von staatlichen Organisationen übernommen worden. «Die Pioniertaten von einst sind Allgemeingut geworden», bilanziert Ursula Stähli die 125 Jahre umfassende Geschichte der Sektion Aarau der Schweizerischen Gemeinnützigen Frauen (SGF), wie der Dachverband seit 2004 heisst. Was nicht bedeutet, dass man die Hände in den Schoss gelegt hat.

Dass der Frauenverein auch heute noch umfang- und anforderungsreiche gemeinnützige Dienste verrichtet, zeigt der Jahresbericht 2012, der ganz im Zeichen des Jubiläums steht. Der «runde Geburtstag» wird vom Verein mit Präsidentin Verena Wild an der Spitze am kommenden 14. Mai im Golatti-Keller gebührend gefeiert.

1932 half der Aarauer Frauenverein auch bei der Einrichtung eines Schülerhorts an der Mühlemattstrasse 12 mit. Die wegweisende Einrichtung wurde von der Stadt aber nur wenig unterstützt, sodass der Verein 1978 beschloss, die Räumlichkeiten des ehemaligen Kindergartens am Freihofweg 1 und damit die Trägerschaft für eine neue Kinderkrippe selber zu übernehmen. Heute zeichnet der Frauenverein unter dem Logo «Känguru» für die drei Kindertagesstätten «Aare» (für das Quartier im Scheibenschachen) , «Freihof» und «Telli» verantwortlich. Diese sind fester Bestandteil des Angebots der öffentlichen Hand im Bereich der familien- und schulergänzenden Tagesstrukturen in Aarau (Fusta).

Zu den aktuellen Aktivitäten der gemeinnützigen Frauen in Aarau zählen auch Helferdienste an Sonn- und Feiertagen in der Cafeteria im Altersheim Herosé und die Lebensmittelabgabe im Rahmen von «Tischlein deck dich» im Haus zur Zinne neben der Stadtkirche. Der jubilierende Verein zählt heute 399 Mitglieder, von denen sich 60 als freiwillige Helferinnen engagieren . «Nachwuchsprobleme» gibt es laut Vizepräsidentin Brigitte Wiezel vor allem deshalb, «weil es schwierig ist, Frauen für die Mitarbeit im Vorstand zu gewinnen».