Ganz unten können Sie den Liveticker von der Demonstration in Aarau nachlesen.

«Kein Mensch ist illegal»; «Helfen statt wegschauen; «Refugees welcome»: Die Botschaft, die an diesem Dienstagabend von 3500 Menschen friedlich, aber lautstark durch Aarau getragen wird, ist eine deutliche. Diese Menschen gehen auf die Strasse, weil sie in den Eritreern und Syrern, Afghanen und Somaliern, Sudanesen und Iraki, die hierher kamen und kommen, keine Asylanten, Asylbewerber, Asylsuchende, Flüchtlinge oder Migranten sehen. Sondern: einfach Menschen.

Aufstand in Aarau Wermuth

Es ist 18 Uhr, und der Bahnhofplatz gleicht einem Festivalgelände. Mit Musik einer Roma-Formation oder von der Bluetooth-Box auf dem Leiterwägeli. Mit Transparenten und Trillerpfeifen, Fahnen und Ballonen. Mit Säuglingen auf dem Arm und Senioren am Stock, Politikern und Punks, Bankern und Büezern. Alle tragen sie den gleichen Anstecker, pinke Buchstaben auf violettem Grund: «AUFSTAND für ANSTAND».

Aufstand in Aarau - Mia Kicki Gujer

Der Slogan hatte im Vorfeld Diskussionen ausgelöst. Denn: Angekündigt worden war die Demonstration als «Aufstand der Anständigen», was den «Anständigen» sofort Kritik einbrachte von allen, die sich als «Unanständige» disqualifiziert fühlten. Weshalb die «Anständigen» den Slogan anständigerweise leicht überarbeiteten. Resultat: Auf Plakaten und Buttons sind jetzt beide Versionen zu sehen, das scheint aber gerade auch nicht so wichtig zu sein, denn Zeichen sollen an diesem Abend nicht auf der Tastatur, sondern auf der Strasse gesetzt werden.

Eritreisches Selfie zu Berner Rap

Dann setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. In der Spur gehalten wird er von Stadt- und Kantonspolizei, die den Verkehr auf der Bahnhofstrasse aufhalten. Gezogen wird er von den Organisatoren – und Aargauer Politprominenz. Von der SP etwa Max Chopard-Acklin und Cédric Wermuth, von den Grünen Irène Kälin, Jonas Fricker und Kathrin Fricker, von der GLP Beat Flach. Einige Spitzenkandidaten betonten noch vor wenigen Minuten, heute werde kein Wahlkampf gemacht – und laufen jetzt, Hände am Transparent, in der der ersten Reihe mit. Die Band spielt «Volare», und alle singen: «Cantare, ohohoho!» Eine Dame sagt zu ihrer Kollegin: «Ha schon dänkt, das es ned gad en Pipifax git. Aber so vel Lüüt!»

«Aufstand der Anständigen»: Grossdemonstration gegen Fremdenfeindlichkeit in Aarau

«Aufstand der Anständigen»: Grossdemonstration gegen Fremdenfeindlichkeit in Aarau

Bei der Igelweid stehen Dutzende Autos in der Auffahrt der Tiefgarage. Eine Frau steht in der geöffneten Tür ihres Autos und schüttelt genervt den Kopf. Sie komme soeben vom Einkauf, sagt sie. «Ich will hei!» Im Graben passieren die Demonstranten den Imbissstand von Stadtoriginal Ömer Akyüz, und Ömer ruft: «Ja, Mut und Anstand braucht es! Und ein wenig Fleisch auch.»

Aufstand der Anständigen: Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit in Aarau.

Aufstand der Anständigen: Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit in Aarau.

Drei UMA, unbegleitete minderjährige Asylsuchende, sind auch dabei. Die jungen Eritreer stellen sich auf einen Treppenabsatz und machen ein Selfie, hinter ihnen passiert eine Gruppe junger Schweizer Männer, die berndeutschen Rap hören und ein von Hand beschriebenes Kartonschild in die Höhe halten: «Say no to racism!»

Aufstand in Aarau - Video von Jonas Fricker

Nach einer knappen Stunde erreicht der bunte Zug seine Endstation auf dem Aargauerplatz. Auf der Bühne spielt Frank Powers mit seiner Band. Als der Sänger aus Brugg sieht, wie immer mehr Leute auf den Platz strömen, sagt er ins Mikrofon: «Hey wow, so schön!»

Seine Freude hat einen Grund: Er heisst eigentlich Dino Mukanda Brandao, die Mutter ist Innerschweizerin, der Vater Angolaner. Dann tritt Marcel Notter, Generalsekretär der römisch-katholischen Landeskirche Aargau, auf die Bühne. «Wir wollen keine Asylpolitik machen, sondern einen Aufstand für Anstand gegenüber Flüchtenden und Schutzlosen.» Die Menge applaudiert. Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Aargau, sagt: «Flucht ist eine brutale Erfahrung, niemand flüchtet freiwillig.» Das einzige, was die Menschen mitnehmen könnten, seien ihre Talente. «Geben wir ihnen bei uns die Möglichkeit, diese einzusetzen.»

Aufstand in Aarau - Tweet mit Video von Beat Flach

Christoph Weber-Berg, Präsident der reformierten Landeskirche Aargau, fasst die Stimmung am besten in Worte: «Wir brauchen keine Leute mit heissem Kopf und kaltem Herz, sondern solche mit kühlem Kopf und warmem Herz!» Applaus, Bravo-Rufe. Die Transparente, die vorher mitgetragen wurden, hängen jetzt an der Fassade des Regierungsgebäudes. Eritreisches und tibetisches Essen ist schnell ausverkauft. Und Schriftsteller Guy Krneta ruft: «Anständig ist, Menschenrechte nicht mit der Armee zu verteidigen, sondern mit offenen Türen – und mit Anstand.»

Lesen Sie hier den Liveticker von der Demonstration in Aarau: 

Liveticker: Demo «Aufstand der Anständigen»