Als Malermeister Bruno Krüttli aus Erlinsbach SO beim Entfernen einer rissigen Putzschicht auf dem historischen Untergrund rote Farbspuren entdeckte, dachte er zuerst: «Da hat einer geübt, Striche zu ziehen.» Doch dann kam ein zweiter, schwarzer horizontaler Strich zum Vorschein – und dann ein dritter vertikaler. Schlagartig wurde Krüttli klar: Das war weit mehr als eine Pinselübung.

Stephen Leuenberger, zusammen mit seinem Bruder Niklaus Eigentümer der Liegenschaft Kronengasse 5, hatte die Renovation der Wohnung im dritten Stock der «Krone» in Auftrag gegeben und wandte sich nun an Heiko Dobler, Bauberater bei der Kantonalen Denkmalpflege. «Als ich das hier sah», sagt Dobler, «machte ich relativ grosse Augen.» Was der Maler mit seinem handwerklich wie denkmalpflegerisch geübten Auge erkannt hatte, konnte Dobler nur bestätigen: Zum Vorschein gekommen war da etwas, das historisch von Bedeutung war.

Eine Art Illusionsmalerei

Die seit Jahrhunderten unter dem Verputz schlummernde Quadermalerei, «al fresco» auf den frischen Kalk aufgetragen, bezeichnet Dobler als «eine recht frühe Form malerischer Gestaltung». Bei der Wand selber handelt es sich um ein typisch mittelalterliches Mauerwerk, bestehend aus unordentlich geschichteten Bruchsteinen, Bollensteinen und Ziegelfragmenten. Damit gab sich der unbekannte Bauherr nicht zufrieden. Er liess die Wand, die Brandmauer zum Nachbarhaus, sauber verputzen und verzieren. «Mit den aufgemalten Quadern», sagt Dobler, «wollte man ein repräsentatives, wehrhaftes Mauerwerk zeigen.» Im Grunde handelt es sich um eine Art Illusionsmalerei.

Vergleichbares gibt es im Aargau etwa im Schloss Hallwyl oder in der sogenannten «Alten Post» in Aarburg, deren Baugeschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. In Aarau, so Dobler, sei ihm aber keine andere Quadermalerei bekannt. Jene an der Kronengasse 5 datiert er aufgrund der Einfachheit und der Grösse der Quader ins 13. oder 14. Jahrhundert. Das würde bedeuten, dass zumindest die Mauern der als Gasthof seit 1529 bezeugten «Krone» deutlich älter wären als bisher angenommen. Im baugeschichtlichen Inventar der Stadt Aarau von 1976 ist die Rede von zwei spätgotischen Häusern des 16. Jahrhunderts, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts zusammengeschlossen und umgebaut wurden. Möglicherweise geht das Mauerwerk demgegenüber bis in die Zeit der Stadtgründung um die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück.

Quadermalerei konnten sich nur Reiche leisten. Und dass jene in der «Krone», die deutlich über die jetzt sichtbare Fläche hinausgehen dürfte, im dritten Obergeschoss gefunden wurde, ist auch für Heiko Dobler eher erstaunlich. Aber klar: Die Lage nahe der Gassenkreuzung in der Mitte der vier Häusergevierte der kyburgischen Gründungsstadt deute darauf hin, dass, die «Krone» immer eines der stattlichsten Häuser der Stadt war. Der Raum dürfte einst grösser gewesen sein. Die gegenüber gelegene, nun ebenfalls freigelegte Fachwerk-Zwischenwand wurde erst später eingezogen. Natürlich, sagt Dobler, könne man über die Nutzung des Raums spekulieren. Er lacht: «Ob hier oben wirklich ein Saal war, in dem die Habsburger tanzten, weiss ich nicht.» Aber darüber sinnieren könne man durchaus. Tatsache ist: Als das Geschlecht der Kyburger 1264 im Mannesstamm erlosch, übernahm Graf Rudolf von Habsburg die Vormundschaft über die Erbtochter Anna. 1273, im Jahr, als er zum König gewählt wurde, erwarb Rudolf die Kyburgerstadt Aarau.

«Konservierender Eingriff»

Restaurator Christian Marty spricht eher von einem konservierenden als einem restaurierenden Eingriff in der «Krone». In vereinzelte Hohlstellen der Wand wird ein dünnflüssiges Sand- und Kalkgemisch gespritzt. Dann kann der Maler mit Putz auffüllen. Was bei der Malerei fehlt, wird nicht ergänzt. «Damit», sagt Dobler, «würde man dem Ganzen die Authentizität rauben.»

Dass sich der Besitzer der Liegenschaft bei ihm meldete, ist für Dobler vorbildlich. Der bewusste Umgang mit der historischen Substanz eines Altstadthauses könne aus seiner Sicht nicht an der Fassade aufhören. Da das Haus nicht unter kantonalem Schutz steht, gibt es aber keine Subventionen.