Gränichen
Fremdarbeiter: In der schäbigen Unterkunft wartet der Brief aus der Heimat

Italiener zeigen im Museum «Chornhuus» ihr damaliges Leben als Fremdarbeiter. Die ersten kamen nach 1950 nach Gränichen und arbeiteten als Saisonniers im Baugewerbe, als Maurer und Handlanger.

Hubert Keller (Text)und Chris Iseli (Fotos)
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Die Fremdarbeiter aus Italien hausten oft in tristen Verhältnissen, wie in der Ausstellung die nachgestellte Wohnbaracke eindrücklich zeigt.

Die Fremdarbeiter aus Italien hausten oft in tristen Verhältnissen, wie in der Ausstellung die nachgestellte Wohnbaracke eindrücklich zeigt.

«No, no, so trist habe ich nicht gewohnt», sagt Giuseppe Mazzei, der 1967 in die Schweiz zum Arbeiten kam. Doch er hatte viele Kollegen, wie er Einwanderer aus Italien, die in Baracken wohnten, wie eine für die Ausstellung im «Chornhuus» in Gränichen nachgebaut worden ist: eine Pritsche, ein alter Schrank, ein dürftiges Tischchen, ein kleines Waschbecken, auf dem Tisch, neben dem vollen Aschenbecher, ein Brief aus der Heimat, eine Fotografie der Tochter, über der Bettstatt ein Pin-up-Girl. Arbeitskleider, Mütze, Kittel und Krawatte hängen an den Haken daneben. Ausstattung und Utensilien könnten der Fotografie entnommen sein, welche die Ausstellungsmacher als Vorlage nahmen.

Giuseppe Mazzei, der damals bei Gränichern ein Zimmer für 100 Franken Monatsmiete hatte, gehört zum Team von Italienern der ersten Einwanderergeneration, die zusammen mit Fotografin Brigitt Lattmann in monatelanger Arbeit eine eindrückliche Ausstellung geschaffen hat.

Heimweh: Der Brief aus der fernen Heimat und das Bild der Tochter.

Heimweh: Der Brief aus der fernen Heimat und das Bild der Tochter.

«In der Ausstellung zeigen wir die italienische Immigration ab 1959 bis 1970 am Beispiel von Gränichen», erklärt Lattmann. «Wir waren auf das Wissen und die Fotoalben einiger weniger italienischer Familien angewiesen. Mehr und mehr verschwinden nämlich die Zeitdokumente, aus mangelndem Interesse oder weil Italiener vor allem nach den der 50er- und 60er-Jahre wieder nach Italien zurückgekehrt sind.» Dennoch ist eine enorm reichhaltige Ausstellung entstanden. «Und«, sagt Brigitt Lattmann, «es steckt viel Herzblut darin.»

Es sind die Italiener von Gränichen, es sind deren Schicksale, die in der Ausstellung dargestellt werden, doch es könnten die Italiener jedes anderen Dorfes in der Deutschschweiz sein. Anhand von detailgetreuen Installationen, Objekten, Originalfotos, Thementafeln und Video-Interviews (mit ortsansässigen Italienern) entführen sie auf zwei Stockwerken in die Zeit, als die ersten Italiener in die Schweiz kamen.

Nach 1950 kamen die ersten Italiener nach Gränichen, anfänglich aus Norditalien, später auch aus dem Süden. Sie arbeiteten als Saisonniers im Baugewerbe, als Maurer und Handlager. Ihre Familien sahen sie erst an Weihnachten wieder, wenn sie nach der Bausaison für drei Monate in ihre Dörfer zurückkehrten. Die Einheimischen waren gegenüber den «Tschinggen« reserviert, sie verstanden ihre Sprache und auch ihre Lebensart nicht.

Zusammen mit Brigitt Lattmann haben sie die Ausstellung gestaltet: (von links) Elio Modugno, Giuseppe Mazzei, Vito Giorgio, Mario Richiusa, Silvano Bardoscia (kniend).

Zusammen mit Brigitt Lattmann haben sie die Ausstellung gestaltet: (von links) Elio Modugno, Giuseppe Mazzei, Vito Giorgio, Mario Richiusa, Silvano Bardoscia (kniend).

In den frühen 60er-Jahren zogen die Frauen nach. Sie arbeiteten als Näherinnen, Köchinnen, Haushalthilfen, Putzfrauen. Mitte der 60er-Jahre waren die Kinder der ersten Einwanderer bereits Teenager. Ihre frohe und offene Art behielten die Italiener bei, auch ihren Akzent. Richtig Schwiizerdütsch lernten sie nie. «Wir fühlen uns wohl hier, doch mit dem Herzen sind wir Italiani geblieben», sagt Mazzei. Doch sie schlugen hier Wurzeln. Am ersten Gränicher Jugendfest 1965 liefen die Italiener-Kinder mit ihrer Klasse im Umzug mit. Die ACLI (Associazioni Cristiane Lavoratori Italiani) bildete das Schlusslicht. Die Kinder und später ihre Enkelkinder hielten die Italiener der ersten Einwanderergeneration davon ab, nach Italien zurückzureisen.

Am Samstag ist die Ausstellung «Destinazione Gränichen» eröffnet worden – mit «enormem Erfolg», wie Ausstellungsmacherin Brigitt Lattmann erzählt. In der kleinen Festhütte hatte sich ihr Team auf 150 Besucher eingestellt, es kamen gegen 500. Die Musikgesellschaft gab ein Ständchen, der Coro Italiano sang Lieder, Carlo Mettauer, ehemaliger Stadtrat von Aarau, und Museumsleiter Christian Stirnemann hielten Ansprachen, die Italiener aus Gränichen kochten 340 Portionen Pasta. «Wir sind buchstäblich überrannt worden und erhielten für die Ausstellung dickes Lob», sagt Lattmann. Unter anderem von den italienischen Konsuln in Basel, Maria Pia Calisti und Sergio Pitton.

Destinazione Gränichen

Die Ausstellung im Museum Chornhuus an der Lochgasse in Gränichen dauert bis zum 30. Juni 2015. Öffnungszeiten: 21. September sowie jeweils zweiter und letzter Sonntag im Monat, 14 bis 17 Uhr; ab Februar 2015 letzter Sonntag im Monat, 14 bis 17 Uhr. Führungen sind jederzeit möglich, Telefon: 062 842 61 51 oder 079 447 00 18. Die Ausstellung realisiert haben Fotografin Brigitt Lattmann, Silvio Ronchetti, Giuseppe Mazzei, Silvano Bardoscia und Elio Modugno (die drei Letzteren sind italienische Immigranten in Gränichen).