Koordinationsstelle Asyl
«Freiwilligenarbeit fördert das gegenseitige Verständnis»

Die neue gemeinsame Koordinationsstelle Asyl von Aarau, Buchs und Suhr bringt sowohl Asylsuchenden als auch Einheimischen etwas.

Nadja Rohner
Drucken
Teilen
Sara Hadad (Leiterin Koordinationsstelle), Daniel Rüetschi (Gemeinderat Suhr), Angelica Cavegn Leitner (Vizestadtpräsidentin Aarau), Anton Kleiber (Gemeinderat Buchs) zeigen den «Drehpunkt» an der Neumattstrasse in Aarau. Mario Heller

Sara Hadad (Leiterin Koordinationsstelle), Daniel Rüetschi (Gemeinderat Suhr), Angelica Cavegn Leitner (Vizestadtpräsidentin Aarau), Anton Kleiber (Gemeinderat Buchs) zeigen den «Drehpunkt» an der Neumattstrasse in Aarau. Mario Heller

Mario Heller

Ganz am Ende des letzten Suhrer «Infoforums» meldete sich der Mann zu Wort. Es habe da kürzlich diese Messerstecherei unter jungen Asylsuchenden gegeben. Beim Fussballplatz. Warum die zum Spielen überhaupt Messer mitnehmen müssten und was der Gemeinderat zu tun gedenke? Daniel Rüetschi, im Gemeinderat zuständig fürs Ressort Soziales, sagte damals wie heute: «Einsperren können wir sie nicht. Das Einzige, was wirklich hilft, ist Beschäftigung.» Er erinnert sich: «Es war das erste Mal seit Eröffnung der Asylunterkunft am Zollweg, dass sich ein Suhrer an einem Infoforum zu den Asylbewerbern geäussert hat.»

Auch in Buchs und Aarau bekommen die Behörden nur sehr selten Reklamationen wegen Asylbewerbern zu hören. Und dies, obwohl sich hier auf einem Quadratkilometer rund ein Drittel aller Aargauer Asylbewerber aufhält, etwa 800 bis 900 Personen. Eigentlich gäbe es für sie im Raum Aarau einen bunten Strauss an Beschäftigungsprogrammen, zahlreiche Freiwillige bemühen sich um die Neuankömmlinge. Bloss: Niemand hatte den Blick fürs grosse Ganze. «Vieles passierte nebeneinander, aber nicht miteinander», fasst es Daniel Rüetschi zusammen. Ein Beispiel: Jeden Tag gibt es ein Begegnungscafé-Angebot irgendwo in der Region. Aber wie sollen die Asylsuchenden wissen, wann sie wo hingehen können? Es fehlte eine Ansprechstelle für Asylsuchende, für Behörden, für Freiwillige und Spender, für Hilfsorganisationen.

Gemeinden spannen zusammen

«Die Gemeinderäte von Aarau, Buchs und Suhr haben entschieden: Wir stellen uns dieser Verantwortung», sagt die Aarauer Vizestadtpräsidentin, Angelica Cavegn Leitner. Die Gemeindepräsidien, Vorstehenden der Sozialressorts und die Leitungen der Sozialen Dienste haben sich deshalb zusammengesetzt, ein Konzept für eine Koordinationsstelle Asyl entworfen und dieses dem Regierungsrat vorgelegt. In Rekordzeit konnte das dreijährige Pilotprojekt aufgebaut werden – mit dem Segen des Kantons und 555 000 Franken aus dem Swisslos-Fonds.

Marit Neukomm ist Aargauerin des Jahres 2016
7 Bilder
Die Oberentfeldnerin setzte sich gegen ihre Konkurrenten Corinna Hauri und Pepe Lienhard durch.
Sie darf den begehrten NAB Award mit nach Hause nehmen ...
... und sich ein Jahr lang «Aargauerin des Jahres» nennen!

Marit Neukomm ist Aargauerin des Jahres 2016

Karl-Heinz Hug

Im Juli nahm Sara Hadad* ihre Arbeit auf. Die Koordinationsstellen-Leiterin hat seither viel Aufbauarbeit geleistet. Durch ihre Drehscheibenfunktion ergäben sich neue Synergien, sagt sie. Denn Hadad hat den Überblick über alle regionalen Angebote im Asylbereich, knüpft Beziehungsnetze, vermittelt Asylsuchende an die Angebote und Freiwillige dorthin, wo sie gebraucht werden.

So können Sie helfen

Wer sich für Flüchtlinge engagieren möchte, hat dazu vielfältige Möglichkeiten. Folgende Hilfe wird im Raum Aarau gesucht:

- Sachspenden: Im Moment fehlen Winterkleider und -schuhe, vor allem für sehr schlanke Männer.

- Pflegefamilien für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA)

- Mentoren für UMA – also eine Art Gotti oder Götti, der mit den Jugendlichen regelmässig Zeit verbringt und sie aus der Tristesse holt, aber auch in unsere Sitten und Gebräuche einführt.

- Alte Velos, auch reparaturbedürftig

- Velofreaks, die den Asylsuchenden im «Drehpunkt» an der Neumattstrasse zeigen, wie man die Drahtesel repariert.

- Freiwillige, die gerne am Wochenende Deutsch unterrichten möchten.

- Fussballclubs, die Flüchtlinge mitspielen lassen. Sarah Hadad: «Sie sind extrem motiviert. Schön wäre es, wenn Sportclubs aus der Umgebung – es muss nicht Fussball sein – ein paar Asylsuchende aufnehmen würden.» (NRO)

Jährlich stehen der Koordinationsstelle rund 80 000 Franken für Asyl-Projekte zur Verfügung. Sie werden an Organisationen oder private Initiativen verteilt. Allerdings sehr selektiv: «Wir wurden überrannt von Anfragen», sagt Sara Hadad. «Die Koordinationsstelle prüft aber genau, welche Projekte eine sinnvolle Ergänzung zum Bestehenden darstellen und unterstützt werden.» Über die Vergabe entscheidet letztlich die Trägerschaft, der neben Angelica Cavegn und Daniel Rüetschi auch der Buchser Gemeinderat Anton Kleiber angehört.

Das grösste unterstützte Projekt ist der «Drehpunkt» in Aarau. Dieser Treff für Asylsuchende an der Neumattstrasse bietet regelmässige Sprachkurse und Kulturangebote. In der kleinen Velowerkstatt werden Drahtesel repariert. Immer gesucht sind Freiwillige, die den Asylsuchenden Deutsch beibringen. «Vor allem Konversationspartner sind heiss begehrt», sagt Sara Hadad.

Anlaufstelle für Freiwillige

Wer sich engagieren möchte, aber nicht so recht weiss wie, kann sich bei der Koordinationsstelle melden (freiwilligenarbeit-aarau.ch). Sara Hadad findet für jeden den passenden Einsatzort. Sie vermittelt auch Räume der Stadt Aarau für Deutschkurse. «Die Freiwilligen sollen möglichst wenig Organisationsarbeit leisten müssen, sonst springen sie schnell wieder ab», sagt Daniel Rüetschi.

Sara Hadad betont, die Freiwilligen müssten sich nicht sofort verpflichten. «Es ist problemlos möglich, sich erst einmal umzusehen und hineinzuschnuppern. Man wird nicht ins kalte Wasser geworfen.» In Vorbereitung seien auch kantonale Kurse für Leute, die Deutschunterricht geben. «Freiwilligenarbeit hat eine positive Wirkung. Einerseits stärkt sie die Gesellschaft und fördert das gegenseitige Verständnis. Andererseits hilft sie auch den Freiwilligen: Die Begegnungen sind wertvoll, und man erlernt neue Fähigkeiten, die auch im Berufsleben helfen.» Ausserdem, so die Koordinationsstellenleiterin, erlebe sie immer wieder, wie die Einheimischen dank Freiwilligenarbeit in kurzer Zeit Ängste abbauen können.

Dass diese Ängste vorhanden sind, können die Gemeinderäte von Aarau, Buchs und Suhr gut nachvollziehen. Zwar passiert relativ wenig in Anbetracht dessen, dass in der Region sehr viele Asylbewerber untergebracht sind und die Stadt auch diejenigen aus den Tälern anzieht. Aber: Meldungen über Messerstechereien und andere blutige Zwischenfälle mit betrunkenen Asylbewerbern verunsichern. «Die Bevölkerung hat die Herausforderung durch die vielen Asylunterkünfte in der Region lange mitgetragen», sagt Daniel Rüetschi. «Das ist erstaunlich. Nun müssen wir Sorge tragen, dass die Stimmung nicht kippt.»

«Die Polizei ist gefordert», bestätigt Angelica Cavegn. Etwas dagegen tun könne man nur, wenn die Asylbewerber beschäftigt würden. Ein Übersichtsplakat mit Freizeit- und Sprachangeboten werde bald in den grossen Unterkünften hängen. «Wichtig ist, dass sich unsere Einwohnerinnen und Einwohner sicher und wohl fühlen. Und wenn sie einen Beitrag zur Integration Asylsuchender leisten möchten, sollen sie das möglichst einfach tun können.» Man könne mit der Koordinationsstelle nicht alle Probleme im Asylbereich lösen, sagt auch Sara Hadad. «Aber sich engagieren bringt viel mehr, als die Faust im Sack zu machen.»

*Sara Hadad (31) ist im Aargau geboren und aufgewachsen, ihre Vorfahren sind Aramäer aus der Südosttürkei. Die Politologin ist zweifache Mutter und wohnt mit ihrer Familie in Suhr.