Der eigentliche Hauptakteur erschien nicht vor Gericht – verständlicherweise, denn Cäsar (alle Namen geändert) ist eine Spanische Dogge. Diese Rasse erreicht ein Stockmass von 56 bis 65 Zentimetern und wird 40 bis 50 Kilo schwer. Die Spanische Dogge gilt als vorzüglicher, freundlicher Familienhund, aber auch als wehrhafter Schutzhund.


Cäsars in der Region Aarau wohnhaftem Halter, nennen wir ihn Herr Wolf, hatte die Staatsanwaltschaft Lenzburg im Februar 2016 einen Strafbefehl zugestellt, mit dem er zur Bezahlung einer Busse von 300 Franken und einer Strafbefehlsgebühr von 400 Franken verknurrt wurde. Der Vorhalt: Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz, begangen am Sonntag, 19. April 2015. Der Hundehalter, so die Staatsanwaltschaft, habe vorsätzlich gegen eine Verfügung verstossen, die der kantonale Veterinärdienst an ihn gerichtet hatte.


Nicht ohne Leine

Offenbar hat der heute vierjährige Cäsar mit seiner imposanten Erscheinung im Quartier von Kindsbeinen an nicht nur Freunde gehabt. Gestützt auf das Tierschutzgesetz wies der Veterinärdienst den Hundehalter schliesslich unter Strafandrohung an, Cäsar nur Personen anzuvertrauen, die «mindestens 18 Jahre alt und in der Lage sind, den Hund kontrolliert zu führen, damit Menschen und Tiere nicht gefährdet oder belästigt werden». Auch sei Cäsar grundsätzlich an der Leine zu führen – im öffentlichen Raum und bei Begegnungen mit Menschen und Tieren an einer kurzen von höchstens einem Meter Länge. Ausserhalb des bewohnten Gebietes wurde Cäsar ansonsten der Genuss einer bis zu zehn Meter langen Roll- oder Schleppleine gewährt.


«Dann hat es kurz ‹gräblet›»

Am Samstag, 18. April 2015 ging die Ehefrau des Beschuldigten mit Cäsar und ihren beiden Kindern im Wald spazieren. Dabei hielt Frau Wolf, was sie als Auskunftsperson vor dem Bezirksgericht selber einräumte, die Schleppleine nicht in der Hand. Cäsar zog diese am Boden hinter sich her. Da kam ihr eine Radfahrerin mit einem andern Hund entgegen. Cäsar lief los, ehe Frau Wolf die Leine aufnehmen konnte. «Ich rief nach ihm, und nach etwa 50 Metern blieb er stehen.» Die Frau mit dem andern Hund habe ihr zugerufen, es sei okay, sie könne den Hund laufen lassen. Darauf rannten beide Hunde los. Auf halbem Weg trafen sie sich. Dann, so Frau Wolf, «hat es kurz «gräblet›.» Cäsar war der Stärkere. Vercingetorix, der Hund der Radfahrerin, die wir hier Frau Bär nennen, trug laut Staatsanwaltschaft mittelschwere offene Bissverletzungen davon.


Tags darauf, Sonntag, 19. April, trafen sich Frau Bär und Frau Wolf erneut im Wald. Sie habe Cäsar sicherheitshalber an einem Baum festgebunden, erzählte Frau Wolf vor dem Gericht. Zwar passierte nichts, ausser dass Cäsar ein wütendes Gebell von sich gab, aber Frau Bär ging nun zur Polizei und sagte dort aus, Frau Wolf habe Cäsar wiederum nicht an der Leine geführt.
Die Staatsanwaltschaft schloss aus dem Vorfall vom Samstag, dass Frau Wolf Cäsar nicht genügend kontrollieren könne. Trotzdem habe ihr der Ehemann den Hund am Sonntag wieder zum Ausführen überlassen. Damit habe er gegen die Verfügung des Veterinäramtes beziehungsweise gegen das Tierschutzgesetz verstossen.


Vor Gericht zeigte sich Herr Wolf, ein unauffälliger Mittdreissiger, überzeugt davon, dass seine Frau den Hund kontrollieren könne. Ihr Fehler sei es einzig gewesen, dass sie die Leine an jenem Samstag nicht in der Hand gehalten habe. Seit sie das konsequent mache, sei ja auch nichts mehr passiert. Und dafür, dass seine Frau am 18. April 2015 einen Fehler gemacht habe, könne er ja nichts. Wobei auch damals gar nichts passiert wäre, wenn Frau Bär ihren Vercingetorix nicht ebenfalls von der Leine gelassen hätte. Am Samstagabend, so Herr Wolf, hätten sie das Ganze zu Hause diskutiert und er habe seiner Frau noch einmal eingeschärft, die Leine nicht aus der Hand zu geben.


Dass sie Cäsar tags darauf erneut freilaufen lassen habe, verneinte Frau Wolf vor Gericht. Frau Bär, die das behauptet hatte, war ebenfalls als Auskunftsperson geladen, erschien aber nicht. Gerichtspräsidentin und Gerichtsschreiberin befanden nach kurzer Beratung, es sei nicht nötig, Frau Bär anzuhören. Es lägen ja die Aussagen vor, die sie bei der Polizei gemacht habe.


Freispruch wegen Datierung

Die Gerichtspräsidentin sprach den Beschuldigten von Schuld und Strafe frei. Die Verfahrenskosten hat der Staat zu tragen. Die grundsätzliche Verantwortlichkeit des Halters verneinte die Richterin nicht. Indessen stellte sie fest, dass im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft als Zeitpunkt der Widerhandlung nur der Sonntag, 19. April, aufgeführt war, nicht aber der Vortag, an dem es «gräblet» hatte. Was die Sache mit der Leine angehe, stehe in Bezug auf den Sonntag aber Aussage gegen Aussage, Frau Bär gegen Frau Wolf. Die logische Konsequenz für die Gerichtspräsidentin: «Im Zweifel für den Angeklagten.»