Bezirksgericht Aarau

Freigesprochen von Freiheitsberaubung: Keinem wurde wirklich geglaubt

Neben der Freiheitsberaubung ging es um Körperverletzung, Drohung, Nötigung, Hausfriedensbruch und Beschimpfung.

Neben der Freiheitsberaubung ging es um Körperverletzung, Drohung, Nötigung, Hausfriedensbruch und Beschimpfung.

Das Bezirksgericht Aarau gab den Freispruch für einen Tamilen, der wegen Freiheitsberaubung und weiteren Delikte angeklagt wurde. Am Schluss hatte man aber weder der Betroffenen, noch dem Angeklagten wirklich geglaubt. Beide Versionen waren komplett verschieden.

Zweieinhalb Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 2400 Franken, beides unbedingt, beantragte der Staatsanwalt für Athi (Name geändert). Am meisten schien den 34-jährigen Tamilen, der sich vor dem Bezirksgericht Aarau verantworten musste, die Aussicht auf eine zehnjährige Landesverweisung zu beunruhigen. Eine solche käme einem Todesurteil gleich, liess er das Gesamtgericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Karin von der Weid wissen.

Das schwerste Delikt, das ihm die Staatsanwaltschaft vorhielt, war jenes der Freiheitsberaubung. Daneben ging es um Körperverletzung, Drohung, Nötigung, Hausfriedensbruch und Beschimpfung. Als Geschädigte nannte die Anklageschrift eine 39-jährige Schweizerin, mit der Athi, nachdem sie sich von ihrem langjährigen Partner getrennt hatte, «eine Art Beziehung» unterhielt.

Passiert war es an einem Wochenende im November 2016. Athi traf Dolly (Name geändert) am Freitagabend in ihrer Wohnung in der Region Aarau. Nach einem Streit verzog sich Dolly und übernachtete bei ihrem Ex-Freund, von dem sie ein Kind hat. Dieses verbrachte das Wochenende bei einer Kollegin seiner Mutter.

Als Dolly am nächsten Morgen ihre Haustüre öffnen wollte, kam Athi von hinten dazu. Laut Anklageschrift schlug er Dolly mit der Faust und traf sie an der Stirn. Athi bestritt das. Er erklärte dem Gericht, Dolly sei erschrocken und daher halbwegs gestürzt, doch habe er sie noch auffangen können. «Woher», fragte hierauf die Gerichtspräsidentin, «rührten denn ihre Verletzungen, wenn nicht von Ihnen?» Beim Ausrutschen, meinte Athi, habe Dolly möglicherweise den Hinterkopf an der Hausmauer angeschlagen.

In eigener Wohnung gefangen?

Oben in ihrer Wohnung, so die Staatsanwaltschaft, habe Athi Dolly den Wohnungsschlüssel abgenommen und sie als «verlogene Schlampe» beschimpft, die ihn psychisch kaputtgemacht habe. Auch habe er sie mit einem Rüstmesser bedroht. Später gingen sie offenbar zusammen zu einer Apotheke, in ein Café und zum Kantonsspital Baden, um Athis Mutter zu besuchen. In der Notfallaufnahme liess Dolly ihre Verletzungen untersuchen.

An seinem Wohnort in der Region Baden holte der Beschuldigte Esswaren, die das «Paar» am Abend in Dollys Wohnung verzehrte. Athi blieb bis zum Montagmorgen dort und brachte Dollys Sohn, der am Sonntagabend zurückgebracht worden war, in den Kindergarten, nachdem Dolly zur Arbeit gegangen war. – Wenige Tage später erstattete Dolly Anzeige. Athi sass fast vier Monate in Untersuchungshaft.

Auf Antrag des Verteidigers wurde Dolly als Zeugin und nicht als Auskunftsperson befragt. Sie unterstand damit der Aussage- und der Wahrheitspflicht. Der Verteidiger bombardierte sie mit Fragen, was die Frau zunehmend enervierte. Hinter den Fragen stand die These des Verteidigers, Dolly hätte wiederholt Gelegenheit gehabt, zu fliehen oder Drittpersonen von ihrer misslichen Lage in Kenntnis zu setzen. Weshalb sie trotzdem alles mitgemacht habe? – Sie habe unter Schock gestanden, sagte Dolly. «Und wenn ich mich gewehrt oder zu fliehen versucht hätte, würde ich wohl nicht mehr hier sitzen.»

Athi sprach leise und oftmals unverständlich. Wo man aufgrund der Anklageschrift einen kräftigen Macho erwartet hätte, präsentierte sich ein weinerlich klingendes Häufchen Elend, das sich anscheinend am liebsten in ein Mausloch verkrochen hätte. Das leise Sprechen erklärte Athi mit den vier Beruhigungstabletten, die er intus hatte. Wenn er seine Medikamente nicht habe, werde er «hyperig».

Er neige zu Depressionen. Einmal die Woche besuche er eine Therapie in Königsfelden. Als ihn die Gerichtspräsidentin bat, den Verlauf jenes Wochenendes in freien Worten zu schildern, wollte Athi nichts mehr sagen. Er habe bei der Polizei schon alles gesagt. «Aber nicht immer das Gleiche», wandte die Präsidentin ein. Die ihm vorgehaltenen Taten hatte er stets bestritten. An eine Szene mit einem Rüstmesser konnte er sich vor Gericht ausdrücklich nicht erinnern.

Wiederholt sich die Geschichte?

Der Staatsanwalt baute sein Plädoyer auf dem Faktum auf, dass Athi 2015 für praktisch deckungsgleiche Delikte zu einer 14-monatigen bedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Und schon 2010 sei er wegen Drohung und Beschimpfung bestraft worden – nachdem er, mit einem 24 Zentimeter langen Messer ausgerüstet, von der Polizei habe angehalten werden können. Der Staatsanwalt räumte ein, dass Dolly Gelegenheit gehabt hätte, sich zu befreien oder Alarm zu schlagen. Nicht zuletzt weil Athi gedroht habe, auch ihrem Kind etwas anzutun, sei sie jedoch nicht in der Lage gewesen, klar und logisch zu denken.

Vorstrafen hin oder her – es gelte die Unschuldsvermutung, erklärte Athis Verteidiger. Das Gericht könne seinen Mandanten nur für das verurteilen, was strafrechtlich nachgewiesen sei. Dolly habe die Geschichte schlicht erfunden. In ihren Aussagen gebe es diverse Widersprüche. Bei der ersten Befragung habe sie noch nichts von einer Drohung gegen ihr Kind erwähnt. «Wenn es so gewesen wäre – wie hätte sie dann am Montagmorgen ihr Kind in der Obhut des Beschuldigten zurücklassen können?»

Sie sei nicht das hilflose Opfer, als das sie sich darstelle. Seit ihrer Jugend leide sie an Borderline-Symptomen, und sie habe ein Alkoholproblem. Die Apothekerin habe bei der medizinischen Erstuntersuchung den Eindruck gehabt, dass Dolly die Nacht durchgezecht habe. – Der Verteidiger forderte einen Freispruch und eine Entschädigung von 22 200 Franken für zu Unrecht ausgestandene U-Haft.

Das Gericht folgte der Verteidigung. Es sprach Athi von Schuld und Strafe frei. Nach dem Grundsatz «in dubio pro reo». «Wir haben zwei komplett verschiedene Versionen», sagte die Gerichtspräsidentin, «und niemandem von beiden glauben wir wirklich.» Eine Minderheit des Gerichts hätte Athi schuldig gesprochen.

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