Bezirksgericht
Frauen brachten den Aargauer zum Rasen – nun muss er über 10'000 Franken bezahlen

Ein notorischer Schnellfahrer (37) war mit 144 km/h statt den erlaubten 100 unterwegs. Es war nicht sein erstes Vergehen.

Nadja Rohner
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Der Grund, weshalb Okur den Strafbefehl angefochten hatte und gestern vor Einzelrichter Andreas Schöb sass, war finanzieller Natur. (Symbolbild)

Der Grund, weshalb Okur den Strafbefehl angefochten hatte und gestern vor Einzelrichter Andreas Schöb sass, war finanzieller Natur. (Symbolbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Okur (Name geändert) kam gestern nicht nach Aarau, um über Schuld und Unschuld zu streiten. Der IT-Fachmann (37) aus dem Ostaargau war an einem Juliabend 2017 auf dem Autobahnzubringer (Aaretalstrasse T5) zwischen Hunzenschwil und Aarau mit seinem Mittelklassewagen zu schnell gefahren. Konkret: 144 km/h statt der erlaubten 100. Macht nach Abzug der Sicherheitsmarge eine strafbare Geschwindigkeitsüberschreitung von 38 km/h. Das sagt die Staatsanwaltschaft Lenzburg Aarau, und das gestand gestern vor dem Bezirksgericht auch Okur achselzuckend ein. Wird wohl schon so gewesen sein. Auch wenn er sich nicht im Detail daran erinnere. War ja nicht das erste Mal.

Fast 30'000 Franken Kosten

Der Grund, weshalb Okur den Strafbefehl angefochten hatte und gestern vor Einzelrichter Andreas Schöb sass, war finanzieller Natur. Auf dem Spiel standen insgesamt fast 30'000 Franken. Die aktuelle Eskapade auf der T5 hätte Okur laut Strafbefehl bereits 17'427 Franken gekostet: 60 Tagessätze zu je 270 Franken unbedingt, dazu Strafbefehlsgebühren und Polizeikosten. Und – die unbedingte Strafe lässt es erahnen – Okur hat diverse einschlägige Vorstrafen. Eine davon, ein bedingt ausgesprochener Strafbefehl vom Juni 2016, sollte nun widerrufen werden, weil sich Okur noch während der Probezeit erneut eines Strassenverkehrsdelikts schuldig gemacht hatte: 40 Tagessätze à 220 Franken, macht plus 8800 Franken zusätzlich zur neusten Strafe. Das wollte Okur nicht einfach so hinnehmen – die Festlegung der Tagessatz-Höhe basiere auf einem Einkommen, dass er früher während kurzer Zeit erzielt habe, aktuell aber nicht mehr.

Zahlreiche Vorstrafen

Vor Gericht machte der Mann, der vor über 30 Jahren in die Schweiz gekommen war, einen ordentlichen Eindruck. Jeans, Lederschuhe und Leder-Businesstasche, auffällige Uhr, adretter Wintermantel, einen Hauch von Bart im Gesicht. Er kam bewaffnet mit Stift und Akten, aber ohne Anwalt. Als Einzelrichter Andreas Schöb nach weiteren Vorstrafen fragte, musste er Okur ein bisschen auf die Sprünge helfen. Zuerst sagte dieser nämlich, er habe keine. Dabei war er 2011 von der Staatsanwaltschaft Solothurn wegen grober Verkehrsregelverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt worden, 2016 schon wieder. Beide Male ging es um Nichteinhalten der Geschwindigkeitsbegrenzungen. «Können Sie mir erklären, weshalb Sie immer zu schnell fahren?», wollte Schöb wissen.

Okur zuckte mit den Schultern. «Erstens habe ich ein komfortables Auto, bei dem man die Geschwindigkeit kaum spürt. Zweitens hatte ich beim einen Mal drei nette Damen im Auto, die, sagen wir mal, sehr kommunikativ waren. Das hat mich abgelenkt.» So sei es auch bei einem weiteren Fall im August 2017 gewesen. Und ebenfalls im selben Jahr hatte er auf der Autobahneinfahrt mit dem Navigationsgerät hantiert, was ihm noch eine Strafe eingebrockt hatte. Im Moment fährt Okur ÖV. Das klappe gut, er wolle es beibehalten, sagte er vor Gericht.

Okur jedoch sah sich zwar nicht komplett ausserstande, die ihm im angefochtenen Strafbefehl aufgebrummte Geldstrafe je abzubezahlen – immerhin verdient er als Projektleiter nahezu 9000 Franken im Monat -, aber er hat noch andere Verbindlichkeiten. «Mein Lohn sieht zwar gut aus im Moment. Aber das war nicht immer so. Und ich habe immer viel ausgegeben, auch für humanitäre Hilfe», sagte er. Als er zwischenzeitlich als Freelancer arbeitete und nicht viel verdiente, machte er Schulden bei den Eltern und bei einem Freund. Die erste Scheidung hatte ihn einiges gekostet, und seine neue Frau ist zwar sehr gut ausgebildet, lebt aber erst seit kurzem in der Schweiz und lernt Deutsch. «Ich möchte ihr Weiterbildungen ermöglichen, damit sie bald hier arbeiten kann. Im Moment möchte ich einfach, dass es aufwärts geht – dazu brauche ich aber etwas Luft. Überall, wo ich hinschaue, soll ich Geld bezahlen.»

Kosten werden halbiert

Der Ausflug nach Aarau ans Gericht erwies sich letztlich als lohnenswert für Okur: Zwar wurde er für seinen Tempoexzess auf dem Autobahnzubringer verurteilt. Er kommt aber mit einer Gesamtstrafe von 90 Tagessätzen à 150 Franken davon – das sind 13'500 Franken. Hinzu kommt noch einiges an Gebühren. Richter Schöb hatte, wie es die Anfang Jahr in Kraft getretenen Bestimmungen verlangen, nicht eine neue Strafe plus den Widerruf der bedingten ausgesprochen, sondern eine Gesamtstrafe über beide Fälle verhängt – deshalb die grössere Anzahl Tagessätze gegenüber dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Höhe eines Tagessatzes wurde, bemessen an Okurs aktueller finanziellen Situation, nach unten korrigiert.