Aarau

Frau Doktor und «MeinArzt»: Etwas stimmt da nicht

Das Schild hängt noch da. Aber die Praxis in der Telli ist zu.

Das Schild hängt noch da. Aber die Praxis in der Telli ist zu.

Eine Hausärztin wollte in der Aarauer Telli eine eigene Praxis eröffnen. Doch ihr Traum ging rasch zu Ende. Das Unternehmen, mit dem sie zusammenarbeitete, wird jetzt zum Politikum.

In der Dezember-Ausgabe der Quartierzeitung «Tellipost» war die Freude noch gross: Eine neue Ärztin übernehme im Januar die Praxis des in Pension gehenden Hausarzts Ronald Schmid: Gabriela Stöckli (47) habe sich bei einer Ferienvertretung in die Praxis und das Quartier verliebt.

Die Praxis soll unter dem Dach von «MeinArzt Schweiz» geführt werden: ein Unternehmen, das Praxen aufkauft oder eröffnet und dann Ärzte anstellt. Die von Christian Neuschitzer gegründete Firma wirbt damit, die gesamte Administration und Organisation zu übernehmen, damit Ärzte – vom Papierkram befreit – einfach Mediziner sein können. Eine verführerische Vorstellung für jeden selbstständigen Arzt.

«MeinArzt» ist auf Expansionskurs, hat mittlerweile über 30 Filialen. Auch im Aargau. Gerade eröffnete das Unternehmen eine Praxis im Hallenbad Seon und übernahm eine in Staufen.

Antwort nur auf hartnäckiges Nachfragen

In der Telli jedoch herrscht sechs Monate nach der Neueröffnung Ernüchterung. Wie Patientin Gabriele Sander Markulin (74) der AZ erzählt, sei sie am 20. April zu ihrem vereinbarten Kontrolltermin erschienen – und vor verschlossenen Türen gestanden: «Es gab keinen Infozettel, nichts. Als Patientin fühlte ich mich völlig im Stich gelassen.»

Als Sander Markulin versuchte, ihre Hausärztin Stöckli telefonisch zu erreichen, wurde sie an die «MeinArzt»-Praxis am Bahnhof verbunden. «Nach einer Woche und mehrmaligem Nachfragen habe ich dann endlich die Auskunft erhalten, Frau Doktor Stöckli komme nicht mehr zurück – ohne weitere Begründung.»

«Die Ernüchterung kam bei der Eröffnung»

Die Patientin ist konsterniert – die Ärztin ebenso. Gabriela Stöckli sagt auf Anfrage, Auslöser der Praxisschliessung sei ein Zerwürfnis zwischen ihr und «MeinArzt»-CEO Christian Neuschitzer gewesen. «Anfangs klang bei ‹MeinArzt› alles so gut. Christian Neuschitzer hatte mich total von seinem Konzept überzeugt. Die Ernüchterung kam bei der Eröffnung», sagt sie.

Stöckli ist Fachärztin für Allgemeine und Innere Medizin, arbeitete in der Versicherungsmedizin, als Rekrutierungsärztin und übernahm Stellvertretungen. Selber eine Hausarztpraxis zu führen, habe sie zwar gereizt, sagt die vierfache Mutter von Teenagern, aber aufgrund ihrer familiären Verpflichtungen habe sie sich das nicht zugetraut. Doch dann suchte Ronald Schmid in der Telli eine Nachfolge. Stöckli war zu jenem Zeitpunkt – vor etwa einem Jahr – wegen Stellvertretungen mit «MeinArzt» in Kontakt.

«Neuschitzer hat mir sofort eine Zusammenarbeit angeboten: Die Praxis sollte von einer neugegründeten GmbH gekauft und betrieben werden. Die ärztliche Leitung würde bei mir liegen. Die ganze Übernahme wurde so dargestellt, als ob man als selbstständiger Arzt in der eigenen Praxis tätig sei. ‹MeinArzt› wäre nur da, um ein Rundumpaket zu bieten für die Praxisübernahme, die lästigen Administrationsarbeiten und das finanzielle Risiko, das aber nach deren Angaben gar nicht bestehe. Auch wurde mir erklärt, dass ein Ausstieg des Arztes mitsamt der Praxis jederzeit möglich sei; gegen ein Entgelt für die von ‹MeinArzt› geleistete Arbeit. Leider stellte sich die Realität dann anders heraus.»

Vom ersten Tag an ein Desaster

Die Praxiseröffnung im Januar 2020, die «MeinArzt» hätte vorbereiten sollen, sei ein organisatorisches Desaster gewesen, sagt Stöckli. «Es war praktisch nichts vorhanden: kein Log-in für die elektronischen Krankenakten. Keine Tastaturen, keine Handseife, kein Laborverbrauchsmaterial, kein EKG-Gerät. Die Praxisassistentin musste die Termine mangels Terminkärtchen auf Post-it schreiben. Vom ‹MeinArzt›-Team war niemand vor Ort.» Nur mit viel Eigenleistung – ihr Mann erledigte die elektrischen Arbeiten, die Kinder halfen beim Möbelaufbau –, Eigenmitteln und einer tatkräftigen Praxisassistentin habe der Betrieb erfolgreich aufgenommen werden können.

Gabriela Stöckli ärgerte sich, reklamierte bei «MeinArzt». Aufgeben sei damals noch kein Thema gewesen: «Ich habe es als meine Praxis angeschaut und Herzblut sowie finanzielle Eigenmittel reingesteckt.»

Aber die Probleme seien weitergegangen. Stöckli schildert: «Die Kommunikation zwischen Zentrale und Praxis funktionierte schlecht. Die Entscheide der Zentrale konnte ich nicht mittragen. Auch die Qualitätsverständnisse waren unterschiedlich und für mich nicht akzeptabel.» «MeinArzt» wäre für die Buchhaltung zuständig gewesen. «Dabei wurden Rechnungen vergessen, was schlussendlich dazu führte, dass die Polizei vor der Haustüre stand und die Nummernschilder des Firmenwagens einzog.»

«Plötzlich sass ein anderer Arzt in meiner Praxis»

Anfang März, gut zwei Monate nach der Praxiseröffnung, hatte Gabriela Stöckli genug: Sie wollte die Zusammenarbeit mit «MeinArzt» beenden und ihre Praxis alleine weiterführen. «Der CEO ging jedoch auf keinerlei Austrittsverhandlungen ein, liess die Anfragen ins Leere laufen. Dann schaltete ich einen Anwalt ein – und eines Morgens sass plötzlich ein anderer Arzt in meiner Praxis.» Passiert sei die Freistellung ohne Vorwarnung, von einem Tag auf den anderen, man habe sie regelrecht ausgesperrt und ersetzt.

Mittlerweile ist die Telli-Praxis laut der «MeinArzt»-Website vorübergehend geschlossen, Patientinnen wie Gabriele Sander Markulin werden an die Praxis am Bahnhof verwiesen. «Ich bedaure sehr, dass ich die Patienten gar nicht selber informieren konnte», sagt Gabriela Stöckli.

Was sagt «MeinArzt» zu den Vorwürfen?

Auf Anfrage der AZ nimmt «MeinArzt»-Pressesprecherin Ilona Krivanek Stellung. Zu den Vorwürfen Stöcklis, die Praxiseröffnung sei schlecht vorbereitet gewesen, sagt sie: «Um eine Praxis zu übernehmen, müssen 150 Punkte abgearbeitet werden. Diese sind organisatorischer Natur und betreffen noch nicht einmal die Einzelposten wie Bedarfsmaterial und Praxisausstattung.» Normalerweise kümmerten sich die Ärzte darum, wenn sie ihre eigenen Praxen eröffneten, «MeinArzt» habe dies Gabriela Stöckli jedoch abgenommen und auch das von ihr gewünschte Aquarium mit Amazonas-Fischen zeitgerecht organisiert. «Frau Stöckli hat die Praxis nach den Weihnachtsfeiertagen im Januar übernommen, nachdem wir über die Feiertage alle Vorkehrungen getroffen haben. Weihnachtsbedingt, kann es sein, dass Kleinigkeiten gefehlt haben, da unsere Lieferanten auch ferienabwesend waren.» Sollte dies der Fall gewesen sein, so Krivanek, bedauere «MeinArzt» das, es habe Stöckli aber «sicherlich nicht in ihrer Tätigkeit als Ärztin eingeschränkt».

Rechnung sei «nicht an die Zentrale geschickt» worden

Auf den Vorwurf der unbezahlten Rechnungen angesprochen, holt Krivanek weit aus. Sie schildert, Stöckli habe deutlich mehr Lohn und Ferien erhalten, als bei anderen «Praxisketten» in der Schweiz üblich; ausserdem sei ihr «noch lange vor Arbeitsbeginn» ein Golf Cabrio zur Verfügung gestellt worden. «Das Fahrzeug ist auf unsere GmbH am Standort eingelöst. Leider bekamen wir die Rechnung des Strassenverkehrsamtes über 175 Franken nicht in die Zentrale geschickt, und somit wurde die Rechnung nicht bezahlt. Dies hatte einen Entzug der Verkehrszeichen zur Folge, welchen wir sofort wieder behoben haben.» Krivanek sagt weiter, Gabriela Stöckli habe zwar ihre Stelle gekündigt und sei freigestellt, nutze das Auto jedoch weiterhin. Die Rechnungen bezahle «MeinArzt».

Ausserdem sagt die Mediensprecherin, man habe der Ärztin zweimal die Möglichkeit gegeben, die Praxis in der Telli zu übernehmen, «zum Kaufpreis weit unter unserer Erst-Investition». Beim ersten Mal habe Stöckli abgelehnt, beim zweiten Mal ein zu niedriges Angebot gemacht, das für «MeinArzt» nicht tragbar gewesen sei.

Punkto Patienteninformation zur Situation in der Telli sagt «MeinArzt», Stöckli habe nicht gewünscht, dass ein Brief versandt werde. Ihre Patienten hätten sich aber in der Praxis am Bahnhof bei Doktor Agim Asllani behandeln lassen können. Man sei nun daran, eine Bewilligung einzuholen, mit welcher Asllani auch in der Telli-Praxis Patienten empfangen dürfe.

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