Vor einem Jahr war Morena Diaz noch eine normale junge Frau. Eine Primarlehrerin, 24 Jahre alt, die nebenbei auf einem Blog und in den sozialen Medien über das Verhältnis zu ihrem Körper berichtet.

Ein Körper, den sie Anfang 20 mit einer Essstörung ausgehungert hat und der heute wieder gesund ist. Diaz’ Postings – meist Texte und Fotos von ihr, die den Menschen ein Liebe-deinen-Körper-Gefühl vermitteln sollen – waren bis Anfang 2017 nur einem Insider-Publikum bekannt.

Dann, fast über Nacht, begann sich die breite Öffentlichkeit für sie zu interessieren. «Netz feiert Schweizerin für ihren Körper», schrieb das Pendler-Blatt «20 Minuten». Es folgten zahlreiche Auftritte, etwa beim «Club» oder «10vor10», bei Radio Argovia oder dem Südwestrundfunk. Innert weniger Monate wurde Diaz zu einem Aushängeschild der sogenannten Body-Positivity-Bewegung, ja, zu deren «wichtigster Protagonistin hierzulande», wie die «Annabelle» schrieb. Fast 72'000 Follower verfolgen heute, was sie postet.

Bilder ihrer Instagram-Seite:

Gelernt, mit Kritik umzugehen

«Es ging alles so schnell, dass ich es kaum geniessen konnte!», beschreibt die junge Frau aus Oberentfelden ihr vergangenes Jahr. Fürs Interview kam sie direkt aus Erlinsbach, wo sie an der Schule Erzbachtal eine erste Klasse der Primarschule unterrichtet. Sie ist ungeschminkt, trägt Jeans und einen weiten Pulli – und strahlt, obwohl sie müde ist.

Dabei hatte sie nicht immer etwas zu lachen. Mit Publizität kommt immer auch Kritik. Etwa im August 2017, als Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerverbands, monierte, dass sich Diaz ihren Fans im Bikini zeigt: Sie mache sich das Leben bei einer zukünftigen Stellensuche selbst schwer. «Ich bin mir dessen bewusst», sagt Diaz dazu.

Aber sie steht zu ihrer Botschaft. Und ihr Arbeitgeber auch: Der Erlinsbacher Schulpflegepräsident schrieb in einem Online-Kommentar, man werde die junge Lehrerin sehr gerne behalten. Tatsächlich hat Diaz kurz an Rückzug gedacht. «Als der erste grössere Artikel über mich erschien, gab es sehr viele negative Onlinekommentare.

Das hat mich vor die Wahl gestellt: Höre ich auf und gebe mich geschlagen – oder stelle ich mich dem und lerne damit umzugehen?» Sie entschied sich für Letzteres. Froh ist sie darüber, dass ihr Schulalltag durch den Aufruhr nicht beeinflusst wurde: «Meine Schüler sind eh noch zu klein, um das Thema zu erfassen. Ich höre höchstens ab und zu ein ‹Frau Diaz ist jetzt berühmt›», sagt sie.

Heimlich Buch geschrieben

Und sie wird vielleicht bald noch berühmter: Im Laufe des letzten Jahres kam überraschend der deutsche Frech Verlag auf sie zu und fragte, ob sie nicht ein Buch schreiben möchte. Diaz: «Zufällig habe ich damit schon vor zwei Jahren begonnen, allerdings mehr für mich. Als die Anfrage des Verlags kam, stellten wir fest, dass mein angefangenes Buch etwa dem entspricht, was sie sich vorgestellt hatten.»

Obwohl ein guter Drittel schon geschrieben war, flossen noch unzählige Stunden – «ich ärgere mich immer noch, dass ich sie nicht aufgeschrieben habe» – in die Fertigstellung des Werks.

Sie erzählte nur ihrem engsten Umfeld davon: «Ich habe es geheim gehalten, weil ich Angst hatte, man könnte mich verunsichern. Beim Schreiben hatte ich bereits die Kritiker im Hinterkopf.» Veröffentlicht wird das Werk am 12. Februar, die erste Lesung findet voraussichtlich am 8. März in Bern statt.

Morena Diaz’ eigene Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch, sie nimmt aber auch fiktive Situationen auf. Jedes Kapitel behandelt ein neues Problem, ein anderes Szenario, immer aus der Perspektive von mehreren Leuten. «In einem Kapitel gehe ich zum Beispiel auf Mütter ein: künftige, werdende und solche, die es bereits sind», erklärt Diaz.

«Ich hinterfrage kritisch, weshalb die Ansprüche an unsere Körper so gross sind – die eigenen und die fremden –, dass es heute sogar Mummy-make-overs gibt, bei denen man seinen Körper nach der Geburt operativ wiederherstellen lassen kann.» Ihr Buch sei sowohl ein Erklärstück als auch ein Ratgeber und ein Selbsthilfe-Instrument, so die Autorin. «Es beinhaltet unter anderem Übungen, welche die Art, wie wir über unseren Körper denken, verändern können.»

«Du hast mir Mut gemacht»

Im 2018 will Diaz nicht nur ihr Buch vorstellen, sondern ihr Engagement für Body Positivity auch anderweitig vertiefen. Etwa, indem sie Workshops zum Thema gibt. Schon heute hält sie zusammen mit der Berner Fachstelle PEP (Prävention von Essstörungen) Vorträge. Erklärt, dass es bei Body Positivity nicht darum geht, dass Dicke schön sind und Dünne hässlich – oder umgekehrt. Sondern darum, seinen Körper anzunehmen, wie er ist. Selbst faltig, vernarbt, mit Dellen, Fettpolster oder schlaffer Haut.

Die «Annabelle»-Reporterin schrieb: «Auch Morena Diaz möchte bloss für ihren Körper gelobt werden, mit Herzchen und Applaus-Emojis und ganz vielen ‹Du bist so sexy!›- Kommentaren.» Diaz schüttelt noch heute den Kopf über diesen Satz.

So ist es nicht. Wenn sie Bestätigung aus ihrem Blog zieht, dann eher aus Kommentaren wie: «Seit ich dir auf den sozialen Medien folge, hast du mir so viel Mut gemacht, und ich glaube, es geht nicht nur mir so.» Oder: «Danke dass du uns immer wieder sagst, dass unser Körper gut ist so, wie er ist.»