Aargau/Österreich

Frau Botschafterin, werden Sie nicht ernst genommen?

Ursula Plassnik, die österreichische Botschafterin in Frankreich zu Besuch im Schloss Hallwyl.

Ursula Plassnik, die österreichische Botschafterin in Frankreich zu Besuch im Schloss Hallwyl.

Ursula Plassnik erlebt, dass Frauen in Spitzenpositionen häufig für ihre eigenen Sekretärinnen gehalten werden – und kann sich darüber amüsieren. Ein Gespräch über Macht, Solidarität und ihren männlichen Gleichstellungsbeauftragten.

Die Diplomatin und ehemalige österreichische Aussenministerin Ursula Plassnik war für ein Podium zum Thema Frauen in der Öffentlichkeit zu Gast auf Schloss Hallwyl. Kurz nach ihrer Ankunft sagte die Österreicherin, die zurzeit Botschafterin in Frankreich ist, dass sie ganz benommen sei von der Schönheit des Wasserschlosses und dem Licht der Oktobersonne. Beim Interview waren ihre Gedanken aber bereit wieder glasklar.

Wer Sie googelt, erfährt zuerst, dass Sie gross und blond sind. Ärgert Sie das?

Wundert Sie das? Frauen und Männer werden im öffentlichen Raum anders wahrgenommen. Google beweist es. Dort steht nicht: Sie hat sich durchgesetzt mit diesem oder jenen Sachanliegen.

Das steht auch.

Aber man muss es schon ein bisschen suchen.

Frau Botschafterin, Sie sind aber zweifellos eine mächtige Frau.

Ich kann mit dieser Definition gar nichts anfangen.

Warum nicht?

Der Begriff wird zu unreflektiert genutzt. Für mich ist Macht ein Ausdruck von Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeit. Einflussreiche Frauen sollten die Art und Weise, wie Macht ausgedrückt und ausgeübt wird, hinterfragen, um so vielleicht eines Tages die Spielregeln der Macht zu verändern.

Was sind die Spielregeln der Macht?

Während Jahrtausenden wurde unser Bild von Macht im öffentlichen Raum fast ausschliesslich von Männern geprägt: Ein Chef braucht Bart und Bauch. Männer demonstrieren Macht auf bestimmte Weise, das ist alles sehr ritualisiert.

Was ist die Konsequenz?

Wenn Frauen sich diesen Regeln nicht beugen, solange sie nicht in diese männliche Ausdrucksweise der Macht einsteigen, werden sie ignoriert oder zur Seite geschubst.

Sie werden nicht ernst genommen.
Das ist überhaupt das wichtigste Thema. Frauen wollen ernst genommen werden – nicht mehr und nicht weniger.

Erleben Sie, dass Sie nicht ernst genommen werden?

Ja sicher, täglich.

Zum Beispiel?

Bin ich an irgendeiner Veranstaltung, muss ich immer durch eine Funktion oder einen Titel ausgewiesen werden, bevor ich im Blick der Männer feststellen kann, dass sie mich ernst nehmen.

Sie werden also erst ernst genommen, wenn jemand sagt: Das ist die Frau Botschafterin.

Ja, als optischer Reiz hilft in Frankreich auch das Abzeichen der Ehrenlegion.

Gibt es andere Erlebnisse?

Eine klassische Erfahrung der Chefinnen ist, dass sie zuerst häufig für ihre eigene Sekretärin gehalten werden.

Wie reagieren Sie?

Ich bin natürlich im Vorteil, weil ich dieses Muster kenne. Ich beobachte die Männer schon, wenn sie noch nicht wissen, wo sie mich in ihrer Männerhierarchie einordnen müssen. Das klingt ansatzweise unfair, aber ein bisschen Spass muss sein.

Welchen Rat geben Sie einer jungen Frau, die einen ähnlichen Weg wie Sie gehen will?

Ich würde ihr sagen: Du bist einzigartig. Auf dich kommt es an.

Warum?

Frauen haben zu wenig Selbstbewusstsein – immer noch. Dabei ist das der erste Schritt zur Unerschrockenheit. Und die sollte ein ganz wichtiger Bestandteil weiblicher Biografien sein. Denn Unerschrockenheit heisst unbeeindruckt zu bleiben, einen Weg zu verfolgen, sich nicht ablenken oder einschüchtern zu lassen. Immer darauf zu vertrauen, dass man einen wichtigen Beitrag leistet.

Wurden Sie gleichberechtigt erzogen?

Ja, ich wurde von einer berufstätigen Mutter und einem berufstätigen Vater erzogen. Ich merkte allerdings sehr schnell, dass Gleichberechtigung vielfach eine Illusion ist. So richtig auf das Frauenthema gestossen bin ich aber erst als Aussenministerin. Natürlich gibt es in Europa noch einiges zu tun. Aber die wirklich schrecklichen Dinge gegenüber den Frauen, die passieren in anderen Regionen der Welt, sehen Sie in den Irak, nach Pakistan, nach Nigeria. Wir dürfen die Augen davor nicht verschliessen. Hier brauchen wir mehr Solidarität.

An welche Ungerechtigkeiten denken Sie?

Gewalt gegen Frauen. Aber auch, dass es Gesellschaften gibt, in denen die Frau strukturell weniger wert ist. In denen Mädchen das Recht auf Bildung verwehrt wird. Wie kann es sein, dass noch 29 Länder auf dieser Welt weibliche Genitalverstümmelung sanktionslos hinnehmen? Ich bin überzeugt, dass dieses Problem längst aus der Welt geräumt wäre, wenn es um männliche Genitalverstümmelung ginge.

In diesem Kontext wirken unsere Sorgen lächerlich.

Ich sehe das anders. Wir sollten aus der Tatsache, dass wir heute in Europa schon viel selbstbestimmter leben, die Kraft nehmen, um uns für andere Frauen auf der Welt zu engagieren und auf diese Themen aufmerksam zu machen. Das darf nicht unseren Blick trüben, dass auch in unserer Gesellschaft vieles noch verbessert werden kann – und zwar im Interesse der jungen Männer und der jungen Frauen.

Sind sich Frauen immer bewusst, dass Gleichberechtigung Frauen und Männer etwas angeht?

Wir haben in allen österreichischen Botschaften einen Gleichstellungsbeauftragten. Das sind Frauen oder Männer, die sich freiwillig melden. Meist sind es natürlich Frauen. Aber in Paris ist es ein junger Kollege. Der hat das gar nicht seltsam gefunden, manche Frauen schon. Ich habe es mutig und normal gefunden. An einer Veranstaltung am Tag der Frau war er einer von drei Männern unter 200 Frauen. Als er mitzudiskutieren begann, haben die Frauen gelacht. Da hab ich sie wirklich rügen müssen. So können wir doch nicht miteinander umgehen. Ich denke, wir müssen wohl alle ein bisschen herumräumen in unseren Köpfen und Vorstellungen. Und einander zuhören.

Was bleibt zu tun?

Die Zeit ist gekommen, dass wir Frauen Hand in Hand gemeinsam mit den Männern die wirklich wichtigen Themen behandeln. Themen, die für die Zukunft unserer Gesellschaft relevant sind – für Frauen, Männer und Kinder.

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