Herausforderung

Frage der Objektwahl: Wie stellen Museen die Coronakrise für nachfolgende Generationen dar?

Marc Griesshammer, Leiter des Stadtmuseums Aarau, an der Sammlungsstelle für Corona-Wörter.

Marc Griesshammer, Leiter des Stadtmuseums Aarau, an der Sammlungsstelle für Corona-Wörter.

Wie kann man das Jahrhundertereignis (Corona) konservieren? Was sammeln Museen für nachfolgende Generationen – und was nicht?

Die Coronakrise ist ein Jahrhundertereignis. Auch in zehn, 50 oder 100 Jahren wird man auf diesen Frühling zurückblicken, auf den Lockdown, auf die Zeit des Daheimbleibens, auf die Zeit ohne Grossveranstaltungen, ohne Gemeindeversammlungen, Konzerte, Märkte, Jugendfeste. Wer diese Zeit erlebt hat, wird sie nicht mehr vergessen. Doch auch die Nachgeborenen werden sich für den Frühling 2020 interessieren, über Daten zu Verordnungen und archivierte Pressekonferenzen hinaus. Sie werden wissen wollen, womit wir haderten, wie sich Distanz angefühlt hat, das Alleinsein, Homeschooling, Nachbarschaftshilfe.

Das Jahrhundertereignis konservieren – eine Mammutaufgabe. Eine, der sich beispielsweise das Stadtmuseum Aarau annimmt. «Wir sehen uns als Erinnerungsspeicher der Aarauerinnen und Aarauer, als Abbild des Alltags», sagt Museumsleiter Marc Griesshammer. Doch wie fängt man an?

«Objekte allein sind nichtssagend»

Wer an ein Museum denkt, denkt an Objekte. Doch was soll das sein; eine Hygienemaske, ein Desinfektionsspray? Dinge, die sicher aus Dokumentationsgründen in die Sammlung aufgenommen werden, wenn auch das Stadtmuseum – aus Ressourcengründen – generell keine Akquise betreibt, also nicht aktiv sammelt wie ein Kunstmuseum. «Ausserdem ist ein Objekt allein nichtssagend; spannend wird es erst durch die Geschichte dahinter», sagt Griesshammer.

Das Stadtmuseum konzentriert sich deshalb auf Geschichten, erzählt in Worten und in Bildern, von Besucherinnen und Besuchern und Aarauer Fotografinnen und Fotografen. Dazu lädt es die Aarauer Bevölkerung zu sich ins Foyer ein, um ihre Geschichte mit dem Museum zu teilen. Ein entsprechender Posten wurde dafür bereits eingerichtet, ebenso eine erste Ausstellung mit Drohnen-Aufnahmen vom Aarauer Fotografen Cornelius Fischer. «Wir wollten schnell sein und aktuell», sagt Griesshammer dazu. «Wenn wir Corona erst in einem Jahr thematisieren, sind die Erinnerungen verklärt. Jetzt steckt uns alles noch in den Knochen, jetzt ist es echt.»

«Vergessen gehört auch zum Lauf der Zeit»

Zufällig den perfekten Zeitpunkt getroffen hat das Mu­seum Burghalde in Lenzburg: Die neue Dauerausstellung «Saubere Sache» zu Sauberkeit, Reinlichkeit und Reinheit trifft den Nerv wie kaum ein anderes Thema. «Wir werden überrannt, das Bedürfnis nach Wissen, Austausch und Nachhaltigkeit ist riesig», sagt Museumsleiter Marc Philip Seidel. Auch die Zahl der Rückmeldungen und persönlichen Geschichten zu Hygiene sei gewaltig, viele davon hochgespült durch Corona.

Geschichten, die Seidel dereinst weiterverarbeiten möchte. Explizit für die «Akte Corona» sammeln, das tut das Museum Burghalde aktuell aber nicht – «Bis auf die Lenzburger Seifi natürlich», sagt Seidel und nennt eine Problematik: «Die letzten drei Monate lief alles digital. Es gibt kaum Objekte, die für Corona stehen.» Angst, etwas zu verpassen, hat Seidel nicht. «Vergessen gehört auch zum Lauf der Zeit. Das ist schade, aber Realität.»

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