Aarau

Forscher Peter Gloor aus Aarau will nichts weniger als das Glück vermessen

Der 58-jährige Peter Gloor auf der Terrasse seines Büros in der Laurenzenvorstadt.

Der 58-jährige Peter Gloor auf der Terrasse seines Büros in der Laurenzenvorstadt.

Er ist umtriebig. Er war dabei als das World Wide Web erfunden wurde. Er entwickelte eine Software, die E-Mails analysiert. Nun will der 58-jährige Forscher Peter Gloor aus Aarau nichts weniger als das Glück vermessen.

Peter Gloor ist viel unterwegs, für drei Wochen wollte er nun eigentlich in Aarau bleiben, er dürfte länger hier sein. Wir treffen uns in seinem Büro in der Laurenzenvorstadt. Die Treppe knarzt, das Haus ist gut 200 Jahre alt, früher befand sich hier die Spenglerei von Peter Gloors Grossvater. Aus seinem Büro sieht er die sich um Aarau schlängelnden Jurahügel. «Zum Glück bin ich nicht in den USA», begrüsst er die AZ. Zwei Meter Abstand, das ist selbstverständlich.

Der 58-Jährige ist umtriebig. In jungen Jahren war er eine von wenigstens zwei Persönlichkeiten der Region, die ganz nah dabei waren, als das World Wide Web erfunden wurde: Der ­Bibersteiner Bernhard Plattner baute das Hochschulnetzwerk auf, stöpselte die Schweiz ins Internet ein. Und Peter Gloor schrieb 1989 über Hypertext, ein Netz, das über Links von Datei zu Datei führt. Tim Berners-Lee erfand im selben Jahr in Genf am CERN seine eigene Version eines Hypertexts: Das World Wide Web. Berners-Lee sollte später Gloor fragen, ob er nicht mit ihm am WWW arbeiten möchte, doch Gloor zog es vor, seine eigenen Projekte zu verfolgen. So erzählt er es. Erst verschlug es ihn in die Welt der Wirtschaft, er hängte die UBS als eine der ersten Banken der Welt ans WWW an, zog weiter, machte schliesslich bei Wirtschaftsprüfer Deloitte Karriere – und beschloss im Alter von 42 Jahren: «Ich lasse mich frühpensionieren.» So formuliert er es zumindest, denn von Pensionierung kann keine Rede sein. Er arbeitete mit der Polizei, half, E-Mails und andere Daten auszuwerten. «Doch das machte mir nicht so viel Spass, ich hatte das Gefühl, die Privatsphäre von anderen Leuten zu verletzen.»

Leute glauben Software eher als Mitmenschen

Er ging ans MIT nach Cambridge in Boston, wo er heute Forscher im Center for Collec­tive Intelligence ist. Dort erforscht Gloor die Zusammenarbeit von Teams im virtuellen Raum. So entwickelte er mit Kollegen eine Software, die in Unternehmen E-Mails analysiert: Wer antwortet wie schnell, wer verwendet welche Formulierungen? Empfänger werden anonymisiert gefragt, wie zufrieden sie mit einer Antwort sind. Mit steigender Datenmenge ergeben sich Muster, die von Algorithmen ausgewertet werden. Und bald beginnt die Software den einzelnen Team-Mitgliedern Tipps zu geben: «Sie lassen Ihre Kollegen am längsten auf Antwort warten, versuchen Sie, etwas schneller zu reagieren.» Oder: «Sie werden in Ihrem Team als unhöflich wahrgenommen, hier sind ein paar Tipps für Formulierungen, die gut ankommen.» Selbstverständlichkeiten seien das zum grossen Teil, sagt Peter Gloor selber. «Aber die Leute glauben es erst, wenn es Ihnen eine Software sagt.»

Diese Software wird von Banken eingesetzt, HSBC, ING und einige kleinere sind unter den Kunden. Gut 40 Prozent seiner Zeit verbringt Peter Gloor, dessen Heimatort Seon ist, am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston. Ähnlich oft ist er in Aarau, die übrige Zeit verteilt sich aufs Dozieren an Unis in Deutschland und China sowie auf Konferenzen in der ganzen Welt. Die Professuren haben gerade Pause, doch Gloor ist guten Mutes, dass auch diese Engagements bald weiterlaufen.

Boston ist so etwas wie das zweite Silicon Valley der USA. Während sich in Kalifornien vieles um hippe Anwendungen für Privatnutzer dreht, beschäftigt sich Bostons IT-Welt hauptsächlich mit Forschung und Anwendungen für Unternehmen.

Basilikum verrät den Stresspegel seines Besitzers

Gloors jüngste Unternehmung wirkt da wie ein Kuriosum: Eine Basilikum-Pflanze registriert die elektrostatische Ladung, die ihr Besitzer in ihrer Nähe abgibt. Sensoren erfassen die Reaktion der Pflanze und Software versucht zu ermitteln, wie gestresst der Pflanzenbesitzer ist. Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Schon bewährt hat sich hingegen das Happimeter. Diese App für Smartwatches geht noch einen Schritt weiter als die vielen Fitness-Apps, die es mittlerweile für Handy und Uhr gibt. Sie versucht nichts weniger, als das Glück zu vermessen.

Dazu erfasst sie alle Daten, die die Uhr mit Hilfe ihrer Sensoren aufnimmt. Etwa Puls, Beschleunigung, Ton und Lautstärke, zurückgelegte Strecke, Lichtstärke. Neuanwender fragt die Uhr regelmässig, wie glücklich sie gerade sind. Daraus leitet sie für den jeweiligen Nutzer Muster ab, die ihn glücklich machen und fängt bei ausreichender Datenmenge an, Tipps zu geben: «Geh doch ein wenig an die frische Luft» oder «Bewege dich heute noch etwas.»

Der Sohn ist Arzt und Risiko-Patient

Dank Green Card könnte Gloor zwar weiterhin in die USA reisen. «Doch am MIT ist ohnehin alles lahmgelegt, alle Arbeiten von zu Hause. Das kann ich auch hier», lacht Gloor und lässt seinen Blick aus dem Fenster über die Jurahügel schweifen. Ausserdem sei die Situation in den USA zurzeit chaotisch, Temperaturmessungen an den Flughäfen sorgten für stundenlanges Anstehen. «Und wo stecken sich die Leute an? Genau in diesen Warteschlangen.» Dann doch lieber noch eine Weile in Aarau bleiben. Hier ist er auch näher bei seinen zwei Kindern. Er macht sich Sorgen um seinen Sohn, der Asthmatiker gilt als Risiko-Patient. Doch als Arzt wird er nun mehr denn je benötigt. «Es erfüllt mich natürlich mit Stolz, dass er in dieser wichtigen Situation den Menschen helfen kann. Doch ich mache mir auch Sorgen.» Die Nähe zu den Kindern und die Heimat überwiegen dennoch. Hier in Aarau, das hat ihm sein Happimeter verraten, ist Peter Gloor glücklich.

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