Eine Fotokamera, eine Metallschiene mit einer Handvoll Schrauben, ein Arabisch-Deutsches Wörterbuch mit einem blutroten Tintenfleck, eine Zeichnung mit Wasserfarben; Menschen auf einer Düne, lange Schatten werfend, im Strassengraben liegt ein Auto. Das sind sie. Überbleibsel einer Flucht. Und Ausstellungsobjekte.

Noch liegen die Sachen in einer Kiste. Doch schon in zwei Tagen werden die Scheinwerfer auf sie ausgerichtet: Am Donnerstag eröffnet das Stadtmuseum Aarau im Foyer die Ausstellung «10xangekommen – Flüchtlinge erzählen», als Ergänzung der aktuellen Wechselausstellung «Flucht» und in Anlehnung an die Dauerausstellung «100xAarau».

Geprägt von Migranten

«Aaraus Geschichte ist seit Jahrhunderten geprägt von Migranten», sagt Flavia Muscionico, die die Ausstellung gemeinsam mit Historiker Daniel Sidler erarbeitet hat. Deshalb sei die Ergänzung der Dauerausstellung mit aktuellen Flüchtlingsgeschichten nur die logische Fortsetzung. «Die Stadt hat sich nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 verändert», sagt Sidler. Es kamen Menschen, die dem Ort zugeteilt wurden, diesen prägten und irgendwann weiterzogen. Sie gehören dazu, sie alle hinterlassen Spuren, die nirgends dokumentiert werden. Die giesst das Stadtmuseum jetzt sinnbildlich in Gips. Sidler: «Veränderungen im Stadtbild abzubilden, ist Aufgabe eines Stadtmuseums. Wir zeigen nicht Flüchtlingsgeschichten, sondern Stadtgeschichte.»

Dies geschieht erzählend, dokumentierend; das Werten der Geschichten werde dem Besucher überlassen. Ausgestellt werden die Gegenstände und Erzählungen von elf Flüchtlingen, die Muscionico und Sidler in einen mehrmonatigen Prozess im Raum Aarau gesucht und gefunden haben. Elf Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, vom studierten Physiker bis zum Malermeister. Dazu kommen sieben UMAs (unbegleitete minderjährige Asylsuchende), deren Erlebnisse von der Sekundarschulklasse 4a aus dem Oberstufenschulhaus im Schachen aufgearbeitet wurden.

Frisch von der Leber weg

Diese Flüchtlinge haben sich dazu bereit erklärt, ihre Geschichte anhand eines Objektes zu erzählen. Nicht auf Fragen hin, sondern frei. Sie sollten entscheiden, was sie preisgeben wollen. Frisch von der Leber weg, in Kürzestversion. «Die meisten schildern ein Ereignis, geben einen kurzen Einblick in ihr Leben, geprägt durch die Flucht», sagt Muscionico. Die Erzählungen können in der jeweiligen Muttersprache als Audio-Dateien angehört oder in Deutsch oder Englisch gelesen werden.

Die Geschichten, die dabei herausgekommen sind, erschüttern nicht unmittelbar. Es sind Geschichten aus dem Alltag, von einem gewaschenen Handy oder einer kaputten Fotokamera. Geschichten, wie sie auch jedem von uns passieren könnten. Im ersten Moment belanglos, vielleicht sogar lustig. Aber im Kontext eben doch sehr berührend. «Diese Geschichten sind klein und fein, sie brauchen Zeit», sagt Sidler. «Wenn sie sich einmal gesetzt haben, hallen sie nach.»

«10xangekommen – Flüchtlinge erzählen» vom 19. Mai bis 17. September. Vernissage
am 18. Mai ab 18.30 Uhr. Infos auf www.stadtmuseum.ch