Gränichen

Flüchtlinge auf der Liebegg: «Wir haben gedacht, hier sei alles besser»

Vor 100 Tagen zogen die ersten Flüchtlinge in die Asylunterkunft auf der Liebegg. Eine Bunkerreportage.

Verhüllte Männer mit umgehängten Sturmgewehren reissen andere Männer mit gefesselten Armen vom Pick-up-Truck herunter, reihen sie der staubigen Strasse entlang auf, schneiden ihnen die Köpfe ab. Viel Geschrei, unterlegt mit lauter Heldenmusik. Das Video ist grausam. Najeebullah hat es sich auf seinem Smartphone schon mehrmals angeschaut. Er schaltet das Gerät aus und blickt dem Reporter in die Augen. «Verstehst du, wieso wir geflohen sind?», fragt er und lächelt verlegen. Die Strasse auf dem Video führt durch das afghanische Hinterland. Dort ist Najeebullah aufgewachsen. «Die Männer, die geköpft wurden, das könnten wir sein», sagt der junge Afghane und zeigt in die Runde.

Najeebullah sitzt im Hauptraum der Asylunterkunft im unterirdischen ehemaligen Kommandoposten Liebegg. «Stube» nennen ihn die 48 Männer, die hier hausen. Vor genau 100 Tagen zogen die ersten von ihnen ein. Dass auf der Liebegg in Gränichen Flüchtlinge untergebracht werden sollen, das hatte im Dorf für Diskussionen gesorgt. An einer Informationsveranstaltung Mitte Februar, an der Vertreter des Kantons die Bevölkerung über die Details der auf drei Jahre angelegten Unterbringung informierten, gab es laute Proteste gegen das Projekt, aber auch Aufrufe dazu, die Flüchtlinge willkommen zu heissen.

Keine Fenster, keine Katzen

Najeebullah fühlt sich schon irgendwie willkommen, sagt er und blickt sich in der Bunkerstube um. Ein Töggelikasten steht da, ein Sofa, ein Fernseher, ein Gestell mit Vier-Gewinnt-Spielen. An der Decke flackert Neonlicht, an der Wand blinkt der WLAN-Sender, auf einem Tisch steht ein Rosensträusschen. «Manchmal fühle ich mich aber auch gefangen», sagt Najeebullah, der in Kabul Englisch studierte. Er kann nicht verstehen, wieso die Asylverfahren für Afghanen so lange dauern. «In unserem Land herrscht seit Jahrzehnten Krieg, wir können nicht zurück, wir brauchen Asyl.»

Neben der Stube liegt die Küche. Es ist heiss hier drin. Auf einer Herdplatte köcheln Linsen. Auf der Ablage liegen schön gemusterte Fladenbrote. «Naan», sagt Mansoor und reicht dem Reporter ein Stück. «Genau wie in Afghanistan.» Mansoor legt das Brot wieder zur Seite und greift zum Besen. Er hat heute das Küchen-Ämtli. Dafür kriegt der ehemalige Telekommunikationsspezialist vier Franken pro Tag.

Abholen kann er das Geld am anderen Ende des langen Ganges, der quer durch die Unterkunft führt. An den Gangwänden hängen Fotos von den Fussballnachmittagen und Deutschkursen, die zweimal wöchentlich stattfinden. Ein laminiertes Plakat warnt davor, Katzen in die Unterkunft zu lassen. Auch die Pferde streicheln dürfen die Flüchtlinge nicht. Daneben ein gemaltes Landschaftsbild: Ein Berg, ein See, Bäume. Ein Hauch Natur in der düsteren Bunkerrealität.

Ein Rundgang durch die Asylunterkunft Liebegg.

Ein Rundgang durch die Asylunterkunft Liebegg.

«No Go Zone» und eine Busse

Am Ende des Ganges liegt das Büro der Mitarbeiter der Firma ORS, die die Flüchtlinge rund um die Uhr betreut. Für die Flüchtlinge ist das Büro eine «No Go Zone». So stehts auf dem Schild, das die ORS an die Tür geklebt hat. Die Verbindung zwischen den Flüchtlingen und dem ORS-Büro ist ein schalterartiges Fenster in der Wand. Hier gibt es medizinische Nothilfe, hier gibt es Auskünfte, hier werden Inputs aufgenommen und Zonenabos für jeweils vier Stunden und je Fr. 1.50 ausgeliehen. Und: Hier gibt es einmal in der Woche die 70 Franken, die jedem Flüchtling im Aargau zustehen.

Geldübergabe ist am Mittwochmittag, 13 Uhr. Die Männer stehen vor dem Fenster und warten. In der Hand ihren Ausweis, im Kopf die Einkaufsliste, auf der viel zu viel draufsteht, als dass man es mit 70 Franken kaufen könnte. Am Schalterfenster steht eine ORS-Mitarbeiterin, kontrolliert die Ausweise, drückt den Flüchtlingen je ein 50er- und ein 20er-Nötli in die Hand, streicht sie von der Liste. Daneben steht ein zweiter Mitarbeiter und fragt, wer sich für ein Ämtli eintragen lassen will. Die Ämtli sind begehrt, die Zusatzeinkünfte bitter nötig.

Vor allem für Mohammed aus Syrien. Er hat Post erhalten. «Sie sind ohne Ticket Zug gefahren», erklärt ihm die ORS-Mitarbeiterin. 100 Franken Busse. Happig für einen, der wöchentlich mit 70 Franken durchkommen muss. «Ok, zehn, zehn, zehn?», fragt Mohammed und teilt mit den ausgestreckten Händen die Luft vor sich. Er will die Busse in Raten zahlen. Die ORS-Mitarbeiterin nickt. Die nächsten zehn Wochen erhält Mohammed am Mittwochmittag nur noch 60 Franken. Er lächelt und schweigt.

Kleiderservice und Ramadan

Rechts vom Schalterfenster zweigt ein zweiter Gang ab. Hier liegt das Bad. Vier Duschen, drei WCs, ein Pissoir. Vor einem der Spiegel steht ein junger Mann aus dem Tschad. Er wäscht sich das Gesicht, zeigt auf sein Handy, lacht und sagt «Madame, Bambino, Skype».

Neben dem Bad stehen verschiedene Körbe, in die die Flüchtlinge ihre dreckige Wäsche werfen können. Waschen müssen sie nicht selber. Es sei logistisch einfacher, wenn die Betreuer das machten, erklären die ORS-Mitarbeiter.

Trotz dem Kleiderservice: Die Asylunterkunft auf der Liebegg ist keine Wohlfühloase. Das wird klar, wenn man in einem der drei Schlafsäle steht. Kajütenbetten, helle Neonröhren, keine Fenster, kaum Privatsphäre. «Es ist hier drin manchmal so heiss, dass ich nicht schlafen kann», sagt Bashir. Sein Kollege Hussein nickt. Die beiden Afghanen wohnen seit zwei Monaten auf der Liebegg. Sie sind enttäuscht. «Wir haben gedacht, hier sei alles besser, hier gäbe es Jobs und Freiheit. Und jetzt gibts hier nicht mal ein Fenster», sagt Bashir. Er hat feuchte Augen, schaut auf den Betonboden.

Beim Kanton kennt man die Auswirkungen, welche die lange Unterbringung in unterirdischen, fensterlosen Zentren auf Menschen haben kann. Man bemühe sich deshalb, die Asylsuchenden nach einigen Monaten in oberirdische Unterkünfte zu verlegen, sofern die Zuweisungssituation dies zulässt, sagt Daniela Diener vom Departement für Gesundheit und Soziales.

Wann es für sie soweit ist, das wissen Bashir und Hussein nicht. Sie wissen nur, dass am Montag der muslimische Fastenmonat Ramadan anfängt. Dann wird auf der Liebegg die Nachtruhezeit nach hinten verschoben, weil die zumeist muslimischen Flüchtlinge erst nach Sonnenuntergang essen dürfen. Den Sonnenuntergang aber sehen sie nicht. Für das Fastenbrechen müssen sich auf die Migros-Budget-Uhr verlassen, die im dunklen Bunkergang langsam vor sich hin tickt.

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