Aarau
Flüchtlinge tanzen sich aus der Blockade

Katharina Fellmann will mit ihrer «Movement Medicine for Refugees» Flüchtlinge seelisch reinigen

Samuel Schumacher
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Kiflay Kahsay hat lange in der eritreischen Armee gedient. Beim Tanzen kann er die traumatischen Erlebnisse für einen Moment vergessen. Samuel Schumacher

Kiflay Kahsay hat lange in der eritreischen Armee gedient. Beim Tanzen kann er die traumatischen Erlebnisse für einen Moment vergessen. Samuel Schumacher

Samuel Schumacher

«Pscht!», ruft Katharina Fellmann den beiden Syrerinnen zu, die hinten im Raum miteinander tuscheln. «Nicht reden, lasst eure Körper sprechen!» Aus den Boxen dröhnen Afro-Rhythmen und durch die weissen Vorhänge fällt die Abendsonne auf die vorwiegend braunen und schwarzen Körper, die sich im Katholischen Pfarrhaus Peter & Paul zum Tanz versammeln.

Die tanzenden Körper gehören Flüchtlingen aus dem Grossraum Aarau. Und «Tanz» ist eigentlich das falsche Wort. Denn was Katharina Fellmann und ihre Mitstreiterinnen vom Verein «Movement Medicine for Refugees» («Bewegungs-Medizin für Flüchtlinge») anbieten, ist in ihren Augen viel mehr als einfach nur Tanzen. Es ist Therapie, es sind Selbstfindungs-Übungen, es ist Wertvermittlung und Traumabewältigung.

Wer zu spät kommt, hatte Pech

Gut zwei Dutzend Flüchtlinge aus Syrien, Sri Lanka, Afghanistan, Eritrea, dem Iran und Somalia haben sich punkt 17.45 Uhr versammelt. Diejenigen, die um 18 Uhr erst vor der Türe stehen und noch in den lichtdurchfluteten Tanzraum hineinwollen, müssen draussen bleiben. Fellmann schickt sie fort und sagt, sie sollen nächste Woche wieder kommen.

Pünktlichkeit: Das ist einer jener Werte, den Fellmann den Flüchtlingen mit ihrer Tanztherapie vermitteln will. Wer zu spät kommt, hatte Pech. Respekt ist ein anderer zentraler Wert. «Wir üben Respekt!», erklärt Fellmann und lässt die Flüchtlinge und die paar Schweizerinnen, die ebenfalls mittanzen, jeweils zu zweit aufeinander zutänzeln. Wer sich bedrängt fühlt, ruft «Stop!». Danach tänzelt man wieder auseinander und so weiter und so fort.

Pünktlichkeit und Respekt sitzen. Jetzt heisst es, Vertrauen üben. Zu fernöstlichen Bazaarklängen sollen die Flüchtlinge tanzen, «so wie ihr es in eurer Kultur macht», erklärt Katharina Fellmann. Wichtig: Niemand lacht den anderen aus, alle lassen sich unbefreit gehen, Gefühle werden offen ausgelebt, Tränen sind ok.

Plattform für intensive Begegnung

Doch Tränen gibt es keine, dafür immer wildere Tanz-Moves und fröhliche Gesichter. Die Flüchtlinge, so scheint es, freuen sich primär über die frühabendliche Gratis-Disco, während die Veranstalterinnen eigentlich auf etwas ganz anderes hinauswollen: «Wir möchten die Flüchtlinge aus ihrem Opferdasein herausholen und sie von blossen Zuschauern zu aktiven Teilnehmenden machen», erzählt die ehemalige Primarlehrerin Katharina Fellmann, die sich in England zur Tanztherapeutin ausbilden liess.

Funktioniert das denn? Verstehen die Flüchtlinge, was in diesem Tanzraum mit ihnen geschehen soll? «Schauen sie sich nur einmal an, wie verkrampft am Anfang des Abends viele waren und wie gelöst sie jetzt wirken», sagt Fellmann, nachdem die 90-minütige Tanzveranstaltung vorbei ist. Einige würden viel deutlicher sprechen, hätten an Mut zugelegt, seien andere Menschen geworden, sagt Fellmann. «Was sie hier beim Tanzen erleben können, das sind Erfahrungen, die sie sonst nirgends machen», ist die Tanztherapeutin überzeugt.

Ab kommender Woche finden Vertiefungskurse statt, bei denen Fellmann mit ihrer Tanztruppe einen Schritt weiter in Richtung persönlicher Befreiung und seelischer Reinigung gehen will. Finanziert wird das Ganze vorerst von privaten Spendern und der Pfarrei. Fellmanns Idee ist es aber, dass auch zahlende Schweizerinnen und Schweizer an den Tanzabenden mitmachen und den Flüchtlingen die Gratis-Kurse damit querfinanzieren. «Die Abende sind eine einmalige Gelegenheit für intensive gegenseitige Begegnungen. Es sind alle, wirklich alle willkommen!», sagt Fellmann.

Kiflay Kahsay ist an diesem Abend einer der letzten, der seine Socken wieder anzieht und sich von der Kursleiterin verabschiedet. «Tanzen ist für mich wie Medizin, wie eine grosse Tablette», sagt der Eritreer. Jahrelang musste er in der eritreischen Armee dienen – eine traumatische Erfahrung. «Wo sonst kann ich mich so gehen lassen wie hier? Nirgendwo!»

Der Vertiefungskurs des Vereins MMFR startet am 24. Mai im Ref. Kirchgemeindehaus Aarau. Infos unter www.mmfr.ch.