Aarau
Flüchtlinge hinterlassen im Stadtmuseum ihren Abdruck

Das Stadtmuseum Aarau porträtiert ab Donnerstag Flüchtlinge, die das Bild und die Geschichte der Stadt prägen.

Katja Schlegel
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Der Endspurt läuft: Die Ausstellungsmacher Flavia Muscionico und Daniel Sidler legen mit Hand an.Severin Bigler

Der Endspurt läuft: Die Ausstellungsmacher Flavia Muscionico und Daniel Sidler legen mit Hand an.Severin Bigler

SEVERIN BIGLER

Eine Fotokamera, eine Metallschiene mit einer Handvoll Schrauben, ein Arabisch-Deutsches Wörterbuch mit einem blutroten Tintenfleck, eine Zeichnung mit Wasserfarben; Menschen auf einer Düne, lange Schatten werfend, im Strassengraben liegt ein Auto. Das sind sie. Überbleibsel einer Flucht. Und Ausstellungsobjekte.

Noch liegen die Sachen in einer Kiste. Doch schon in zwei Tagen werden die Scheinwerfer auf sie ausgerichtet: Am Donnerstag eröffnet das Stadtmuseum Aarau im Foyer die Ausstellung «10xangekommen – Flüchtlinge erzählen», als Ergänzung der aktuellen Wechselausstellung «Flucht» und in Anlehnung an die Dauerausstellung «100xAarau».

Geprägt von Migranten

«Aaraus Geschichte ist seit Jahrhunderten geprägt von Migranten», sagt Flavia Muscionico, die die Ausstellung gemeinsam mit Historiker Daniel Sidler erarbeitet hat. Deshalb sei die Ergänzung der Dauerausstellung mit aktuellen Flüchtlingsgeschichten nur die logische Fortsetzung. «Die Stadt hat sich nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 verändert», sagt Sidler. Es kamen Menschen, die dem Ort zugeteilt wurden, diesen prägten und irgendwann weiterzogen. Sie gehören dazu, sie alle hinterlassen Spuren, die nirgends dokumentiert werden. Die giesst das Stadtmuseum jetzt sinnbildlich in Gips. Sidler: «Veränderungen im Stadtbild abzubilden, ist Aufgabe eines Stadtmuseums. Wir zeigen nicht Flüchtlingsgeschichten, sondern Stadtgeschichte.»

Dies geschieht erzählend, dokumentierend; das Werten der Geschichten werde dem Besucher überlassen. Ausgestellt werden die Gegenstände und Erzählungen von elf Flüchtlingen, die Muscionico und Sidler in einen mehrmonatigen Prozess im Raum Aarau gesucht und gefunden haben. Elf Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, vom studierten Physiker bis zum Malermeister. Dazu kommen sieben UMAs (unbegleitete minderjährige Asylsuchende), deren Erlebnisse von der Sekundarschulklasse 4a aus dem Oberstufenschulhaus im Schachen aufgearbeitet wurden.

Frisch von der Leber weg

Diese Flüchtlinge haben sich dazu bereit erklärt, ihre Geschichte anhand eines Objektes zu erzählen. Nicht auf Fragen hin, sondern frei. Sie sollten entscheiden, was sie preisgeben wollen. Frisch von der Leber weg, in Kürzestversion. «Die meisten schildern ein Ereignis, geben einen kurzen Einblick in ihr Leben, geprägt durch die Flucht», sagt Muscionico. Die Erzählungen können in der jeweiligen Muttersprache als Audio-Dateien angehört oder in Deutsch oder Englisch gelesen werden.

Die Geschichten, die dabei herausgekommen sind, erschüttern nicht unmittelbar. Es sind Geschichten aus dem Alltag, von einem gewaschenen Handy oder einer kaputten Fotokamera. Geschichten, wie sie auch jedem von uns passieren könnten. Im ersten Moment belanglos, vielleicht sogar lustig. Aber im Kontext eben doch sehr berührend. «Diese Geschichten sind klein und fein, sie brauchen Zeit», sagt Sidler. «Wenn sie sich einmal gesetzt haben, hallen sie nach.»

«10xangekommen – Flüchtlinge erzählen» vom 19. Mai bis 17. September. Vernissage
am 18. Mai ab 18.30 Uhr. Infos auf www.stadtmuseum.ch

Erinnerungen gingen auf dem Mittelmeer über Bord

Die Geschichten, die sich hinter den Alltagsobjekten verbergen, sind nicht laut. Aber sie hallen nach. So wie die von Jebbar und seiner Fotokamera, einem Geschenk seines Onkels. Als Jebbar sich aufmachte, um aus der Region Kurdistan zu fliehen, bat ihn der Vater darum, die Kamera mitzunehmen. Er solle doch unterwegs Bilder machen und an die Familie schicken, bat der Vater. An der Grenze zwischen dem Irak und Iran fiel Jebbar die Kamera aus der Hand. Er konnte keine Bilder nach Hause schicken. Oder dann ist da die Geschichte zu Alis Metallstücken: Sie hielten auf der Flucht seinen Oberarmknochen zusammen, den er sich beim Sturz vom Velo zugezogen hatte. Ali war in seiner Heimatstadt in Pakistan auf dem Weg zur Hochschule, als ein Taxi vor im beschossen wurde. Beim Anschlag starben fünf Zivilisten. Ali floh. Im Spital Muri wurden ihm die Platte und die Schrauben entfernt – der letzte Gegenstand, der ihm als Erinnerungsstück von seiner Flucht erhalten geblieben ist. «Viele Flüchtlinge haben nicht einmal mehr ein Stück von ihrer Flucht, das sie zeigen könnten», sagt Ausstellungsmacherin Flavia Muscionico. Darunter ist auch die heute 18-jährige Luam aus Eritrea. Sie musste ihre letzten Erinnerungsstücke auf dem Mittelmeer über Bord werfen. Ihr Ausstellungsstück ist die Zeichnung mit der Szene aus der Wüste, mit dem gekippten Auto. (ksc)

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