Aarau

Fleissige Dammbauer nerven: Im Auenpark liefern sich Biber und Bauer ein Duell

Für Landwirte ist das Biber-Problem akut. (Symbolbild)

Für Landwirte ist das Biber-Problem akut. (Symbolbild)

Im Auenpark bei Aarau baut eine Biberfamilie laufend Dämme – das gefährdet Landwirtschaft und Trinkwasser.

Es ist eine Sisyphusarbeit. Der eine baut einen Damm, der andere reisst ihn wieder ein. Und das mehrmals pro Monat. Seit Jahren spielt sich dieses Hin und Her zwischen Biber und Mensch in Aarau Rohr ab, wo es im Auengebiet mehrere kleine Fliessgewässer, sogenannte Giessen gibt. Der grösste, der auch offiziell «Giessen» genannt wird, verläuft parallel zur Aare.

Dort hat die ansässige Biberfamilie vor ein paar Jahren ein Meisterbauwerk vollbracht – der hüfthohe Damm musste mit einem Rohr drainiert werden, damit eine Mindestmenge Wasser durchfliessen konnte. Genützt hat es wenig. «Es ist nicht gelungen, den Wasserstand auf ein für Biber und Mensch verträgliches Niveau einzustellen», hält die Abteilung Wald des Departements Bau, Verkehr und Umwelt fest.

Dieser Biberdamm liegt im nördlichen Teil des «Bibersteiner Giessen» (Aarau Rohr), kurz vor der Einmündung in den «Giessen».

Dieser Biberdamm liegt im nördlichen Teil des «Bibersteiner Giessen» (Aarau Rohr), kurz vor der Einmündung in den «Giessen».

Für die ansässigen Landwirte ist das Biber-Problem akut. Ihre Felder vernässen. Denn der Biber werkelt nicht nur im «Giessen», sondern auch im «Neunäuglerbach» und im «Bibersteiner Giessen», die ebenfalls in Rohr liegen. Letzterer sammelt das Wasser aus den Drainageleitungen der umliegenden Felder.

Diese Funktion ist beeinträchtigt, solange der Biber ungestört stauen kann. Daran hindern darf man ihn nicht ohne weiteres: Der Biber und seine Bauten stehen unter Schutz. Er war einst fast ausgestorben und musste wieder angesiedelt werden. Heute gibt es im Aargau etwa 300 Biber. Damit das so bleibt, dürfen Biberdämme nur mit einer Bewilligung entfernt werden.

Belastung für Landwirt

Zwei solche Bewilligungsbegehren sind derzeit bei den kantonalen Behörden hängig. Eines, eingereicht von einem Rohrer Landwirt, liegt beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt öffentlich auf. Auf Anfrage hört man ihm an, wie sehr er vom jahrelangen Kampf gegen die ausgesprochen fleissigen Dammbauer genervt ist. Konkret äussern will er sich zurzeit allerdings nicht. In seinem Gesuch schreibt der Landwirt: «Die Biber kappen Bäume, stauen den Giessen und untergraben entlang des Gewässers die Wiesen und Wege.»

Er beschreibt «fast wöchentlich umstürzende Sträucher und Bäume», die «unsere festen Einrichtungen» beschädigen, weshalb schon mehrfach «der ganze Viehbestand ausgebrochen» sei. «Die Arbeits- und Materialkosten für die Reparatur des Zaunes mussten wir selber tragen. Die psychische Belastung in solchen Situationen kann nicht in Franken beziffert werden.»

Dem Landwirt war früher schon mal erlaubt worden, die Dämme zu entfernen. Die Kosten, jeweils um die 1000 Franken pro Jahr, forderte er vom Kanton zurück. Dieser wies ihn jedoch ab – mit dem Hinweis, für eine finanzielle Beteiligung des Kantons fehlten die rechtlichen Grundlagen. Man übernehme keine Verhütungsmassnahmen zur Verhinderung von Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen und Infrastrukturanlagen.

Dämme bedrohen Trinkwasser

Der Kanton entscheidet nun, ob er das Gesuch des Landwirts um Entfernung der Dämme gutheisst oder nicht. Es ist absehbar, dass die Umweltschutzorganisationen von ihrem Verbandsbeschwerderecht in dieser Sache Gebrauch machen. Das haben sie auch getan, als die IBAarau Trinkwasser AG vor Jahresfrist dasselbe Gesuch stellte, weil sie das Trinkwasser für die Region in Gefahr sah. Denn in der Rohrer Aue steht das Grundwasserpumpwerk «Rohr III».

Die drei Pumpen fördern je rund 3000 Liter Grundwasser pro Minute. Es gelangt als Trinkwasser in die Haushaltungen Aaraus und der umliegenden Gemeinden – als reines Naturprodukt, ohne Zwischenbehandlung. Das bedingt aber, dass das Einzugsgebiet der Trinkwasserfassung besonders geschützt wird. Auch vor dem Biber. «Durch die Bibertätigkeit kommt es zu einem Wasseraufstau», sagt Roland Dätwyler, Sprecher der IBAarau AG. «Das Oberflächenwasser in den Schutzzonen kann also nicht abfliessen und bleibt stehen.»

Stehendes Wasser in den Schutzzonen ist aber eine potenzielle Gefährdung des Trinkwassers, weil sich darin Bakterien rasant vermehren können. Noch ist das nicht passiert. Damit es so bleibt, erhielt die IBA bereits 2014 eine befristete Bewilligung für die regelmässige Entfernung von Biberdämmen aus dem «Neunäuglerbach» und dem «Giessen». Im Schnitt alle zwei Wochen wurden die Dämme entfernt. Das funktionierte. Eine Alternative hatten die Experten nicht im Köcher: Zwar hatte man sogar in Betracht gezogen, das Pumpwerk oder den «Neunäuglerbach» zu verlegen, aber das wäre unverhältnismässig.

Ende 2015 beantragte die IBA eine unbefristete Bewilligung. Der Schutz des Trinkwassers sei von höherem Interesse als der Schutz der Biber. Die Aargauer Sektionen von Bird Life, Pro Natura und WWF halten dagegen: Der Biber sei weiterhin vom Aussterben bedroht. Nach mehreren Einsprachen entschied das zuständige Departement in einem Kompromiss: Die Bewilligung sollte für zwei Jahre und nicht unbefristet gültig sein, zudem gelte eine Schonfrist von März bis Juni.

Die IBA gibt sich damit nicht zufrieden. Nun liegt das Dossier beim Regierungsrat. Derweil baut der Biber munter weiter. Aber nicht ungestört: Der IBA wurde mittels superprovisorischer Verfügung erlaubt, die Dämme zu entfernen, solange der endgültige Entscheid aussteht.

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