Aarau
Finanzielle Mühe: Blaues Kreuz gibt BrockiShop ab

Das Blaue Kreuz übergibt das Brockenhaus an zwei Mitarbeiter. Die Wiedereingliederungsinstitution bereitet der Organisation finanzielle Schwierigkeiten.

Nadja Rohner
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«Wir möchten die Sachen nicht horten, sondern verkaufen»: Christoph Siegenthaler (l.) und Axel Kerll.

«Wir möchten die Sachen nicht horten, sondern verkaufen»: Christoph Siegenthaler (l.) und Axel Kerll.

Vor dem Brockenhaus in der Telli versammeln sich die Kunden schon fünf Minuten vor Beginn der Öffnungszeit. Sie warten geduldig, bis Axel Kerll sie hineinbittet in die 1500 m2 grosse Halle. Innert Minuten kommen weitere Interessenten dazu, schnell sind es über ein Dutzend. Ein Besucheraufmarsch? «So viele Leute sind das gar nicht, samstags kann es schon vorkommen, dass bis zu 50 gleichzeitig hier sind», sagt Kerll. Noch ist er hier Angestellter beim Blauen Kreuz, das seit 2013 den BrockiShop Telli betreibt. Aber nicht mehr lange. Per 1. Dezember übernehmen Kerll und sein Geschäftspartner Christoph Siegenthaler den Betrieb.

Schon seit geraumer Zeit bekundet das Blaue Kreuz, das im Brocki Wiedereingliederungsmassnahmen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen anbietet, finanzielle Mühen mit dem Betrieb in der Telli. Wie es weitergehen würde, war nicht klar. Also beschlossen Sozialpädagoge Siegenthaler (52) und Diplompädagoge Kerll (53), die beide vom Blauen Kreuz zur Betreuung der Programmteilnehmer angestellt waren, ihrer Arbeitgeberin das gesamte Inventar abzukaufen und den Mietvertrag für die Immobilie zu übernehmen. «Wir machen das, weil wir uns hier alle mögen und weil wir wollen, dass es weitergeht», betont Axel Kerll. «Mit unserer guten Ausbildung hätten wir andernorts deutlich mehr verdienen können. Aber wir glauben daran, dass wir hier etwas bewegen können.»

Soziale Dienste aus der näheren und weiteren Region schicken schon heute Klienten ins Brockenhaus und zahlen dem Blauen Kreuz Geld für die Wiedereingliederungs-Massnahme. Im Schnitt bleiben die Klienten ein halbes bis ein ganzes Jahr, um danach in den ersten Arbeitsmarkt einsteigen zu können. Diesen Betreuungs-Bereich wollen Siegenthaler und Kerll Schritt für Schritt ausbauen. «Da ist sicherlich noch sehr viel mehr möglich als bisher», ist Christoph Siegenthaler überzeugt. Das Motto ihrer neu gegründeten GmbH mit dem Namen «pro labore» – Lateinisch für «für die Arbeit» – lautet denn auch: «Wir unterstützen Menschen in Lebenskrisen für ein selbstbestimmtes Leben.»

Derzeit nehmen im BrockiShop Telli rund 12 Personen am Wiedereingliederungsprogramm des Blauen Kreuzes teil. Die meisten sind Teilzeit hier tätig. Wer will, darf auch unter der neuen GmbH dabei bleiben. Das gilt auch für die festangestellten Teammitglieder.

Wie kommen die beiden «Sozis», wie Siegenthaler sich und seinen Kollegen nennt, darauf, das Brockenhaus finanziell stemmen zu können, wenn es das Blaue Kreuz nicht konnte? «Wir rechnen anders», erklärt Kerll. Als erstes werden die beiden ihre Löhne stark senken, auch bei der Miete kommt ihnen der Liegenschaftseigentümer entgegen.

Für die Brocki-Kunden ändert sich nichts. Zwar heisst das Haus neu «Brocken-Halle Telli» und hat ein rotes Logo. Aber die Öffnungszeiten bleiben gleich. Und die Preise würden eher noch tiefer, betonen die neuen Besitzer. «Wir möchten die Sachen nicht horten, sondern verkaufen», so Siegenthaler.

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