Bezirksgericht Aarau
Finanzberater missbrauchte Vertrauen seiner Freunde

Der Finanzberater eines Ehepaars soll dessen leichtfertiges Vertrauen ausgenutzt haben. Das Bezirksgericht Aarau hat ihn zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse verurteilt. Der Prozess stellte das Ende einer zerbrochenen Freundschaft dar.

Ueli Wild
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Der Verurteilte machte plötzlich erbrachte Dienstleistungen im Wert von 72'000 Franken geltend. (Symbolbild)

Der Verurteilte machte plötzlich erbrachte Dienstleistungen im Wert von 72'000 Franken geltend. (Symbolbild)

Keystone

Das Bezirksgericht Aarau hat einen 50-jährigen Italiener des Betrugs und der Urkundenfälschung schuldig gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe von 4500 Franken – 150 Tagessätzen à 30 Franken – verurteilt. Die Probezeit beträgt zwei Jahre. Bezahlen muss der erwerbslose Familienvater aber eine Busse von 900 Franken. In diesem Punkt fiel das Urteil von Gerichtspräsidentin Patricia Berger um 200 Franken milder aus als der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau, den der Beschuldigte angefochten hatte. Mehr ins Gewicht fällt: Auch die Verfahrenskosten und die Anwaltskosten – jene seines Verteidigers und jene des Vertreters des Zivil- und Strafklägerpaars – muss der Beschuldigte berappen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit zieht dieser das Ganze allerdings weiter ans Obergericht.

Es ist die Geschichte einer zerbrochenen geschäftlichen Freundschaft unter Italienern: Pasquale hatte für Pippo und Rosa (alle Namen geändert) jahrzehntelang Bank- und Versicherungsgeschäfte erledigt. Geld hatte er dafür nie genommen. Pippo und Rosa hielten das für richtig. Pasquale, meinte Rosa vor Gericht, habe sich ja vermutlich dadurch schadlos gehalten, dass er Provisionen kassierte. Doch dann geriet Pasquale in eine schwierige Lage. Nach einem Autounfall war der selbstständige Berater längere Zeit arbeitsunfähig. Dazu kam, dass die Wohnung, die er mit Frau und Kindern bewohnte, renoviert wurde. Pasquales Familie brauchte dringend eine Wohnung.

Zwei Versionen der Geschichte

Das war vor gut vier Jahren. Von dem, was dann geschah, gibt es zwei Versionen. Jene von Pippo und Rosa geht so: Unter dem Vorwand, wegen Hochwassers müsse er seine Büromöbel irgendwo einstellen, habe ihnen Pasquale sämtliche Schlüssel einer ihnen gehörenden Dreieinhalbzimmerwohnung in Aarau abgeluchst. «Wir dachten, es sei für zwei, drei Monate», sagte Pippo vor Gericht. In Wirklichkeit sei Pasquale aber samt Familie in die Wohnung eingezogen. In dieser wohnt er heute noch. Pasquales Version wich im zentralen Punkt von jener der Zivil- und Strafkläger ab. Er habe ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass er ein Dach über dem Kopf brauche. Von einem Einstellplatz für Möbel sei nie die Rede gewesen. Auch sei er mit einem Mietvertrag bei Pippo aufgekreuzt, habe ihn dann aber dort gelassen, weil auch Rosa ein Wort mitzureden hatte, jedoch in den Ferien war.

Die Wohnung hatte Pasquale dem Paar vor Jahren vermittelt. Nachdem die damaligen Mieter gestorben respektive fortgezogen waren, wollten Pippo und Rosa die Wohnung instandstellen, doch ihnen fehlte das Geld dafür. So stand die Wohnung, die mehr ein Bauplatz war, acht Jahre lang leer. Als Pasquale einzog, musste das Logis erst einmal behelfsmässig instandgestellt werden. So gab es beispielsweise keine Küche mehr.

Sicher ist: Pasquale ging aufs Stadtbüro, um sich samt Familie in Aarau anzumelden. Die Stadt erkundigte sich hierauf beim Vermieterpaar, weshalb Pasquale keinen Mietvertrag vorlegen könne. Nun wurde es kompliziert. Pippo und Rosa kündigten Pasquale die Wohnung. Allerdings ohne Erfolg. Hierauf versuchten die Wohnungseigentümer, die Mietausweisung einzuleiten, scheiterten aber vor dem Präsidium des Zivilgerichts Aarau.

Inzwischen hatte Pasquale nämlich einen sechsseitigen Mietvertrag vorgelegt, der einen Mietzins von 270 Franken (inklusive Nebenkosten), 50 Franken für einen Garagenplatz und eine sechsmonatige Kündigungsfrist beinhaltete. Laut Vertrag konnte die Wohnung frühestens nach drei Jahren gekündigt werden. Pasquale machte auch geltend, dass ihm Pippo und Rosa für die in all den Jahren erbrachten Dienstleistungen eigentlich insgesamt 72'000 Franken schuldeten.

Blankounterschriften

Als nächster Akt folgte eine Strafklage. Und die Staatsanwaltschaft kam zum Schluss, Pasquale habe durch unwahre Behauptungen das Zivilgericht dahingehend beeinflusst, dass es einen Entscheid fällte, der Pippo und Rosa am Vermögen schädigte. Den Mietvertrag habe Pasquale gefälscht, «indem er entweder die Dokumente auf blanko unterschriebenen A4-Blättern erstellte oder Blankounterschriften des Zivil- und Strafklägers auf die erstellten Vertragsdokumente kopierte». Pippo und Rosa räumten ein, Pasquale Blankounterschriften ausgehändigt und auch nicht alles, was sie unterschrieben, ganz so genau gelesen zu haben, was leichtfertig gewesen sei, aber sie hätten Pasquale eben vertraut.

Die blosse Tatsache, dass Pasquale Blankounterschriften zur Verfügung standen, konstatierte dessen Verteidiger, sei noch kein Beweis dafür, dass sein Mandant Dokumente gefälscht habe. Der Verteidiger plädierte daher auf Freispruch.

Auch Vermögensschaden bejaht

Gerichtspräsidentin Patricia Berger kam zu einem anderen Schluss. «Die Akten», befand sie, «stützen die Sicht der Strafkläger.» Diese hätten nie einen Mietvertrag unterzeichnet und dies auch nicht beabsichtigt. Und wenn der Beschuldigte eine Leistung ohne Gegenleistung in Anspruch nehme, füge er ihnen auch einen Vermögensschaden zu. Wäre Pasquales Ehefrau, wie von ihm angegeben, beim entscheidenden Treffen mit dabei gewesen, sagte Berger, wäre sie als Entlastungszeugin infrage gekommen. «Sie hat aber», so die Richterin, «bei der Polizei nie Aussagen gemacht und wurde auch nie als Zeugin beantragt.»