Aarau

Fertig mit «Zwangssparen»: Einlegerverein Sevilla löst sich nach 17 Jahren auf

Ein Batzen für die Skiferien oder die eiserne Reserve.az-Archiv/hr

Ein Batzen für die Skiferien oder die eiserne Reserve.az-Archiv/hr

Im Restaurant Sevilla an der Kirchgasse in Aarau fallen künftig keine Batzen mehr in die Einlegerkästen. Es fehlt nicht etwa an Geld, sondern an Nachfolgern für den zurücktretenden Vorstand.

Früher, als die Arbeiter nach dem Hornen der Fabriksirenen in einem der Spunten in der Innenstadt mit dem Zahltag im Sack den Abendschoppen stemmten, da hingen die Einlegerkästen in vielen Wirtschaften. Um nicht den ganzen Wochenlohn zu vertrinken, deponierten die Mannen einen Teil im «Kässeli» in der Beiz. Ende Jahr konnte das Ersparte die Frau zu Hause etwas milder stimmen. Nachdem der Brauch in Zeiten der Hochkonjunktur verschwand, erlebte das «Zwangssparen in der Beiz» in Aarau in den letzten Jahren eine Renaissance.

Nach 17 Jahren ist Schluss

Jetzt geht einer dieser Vereine nach 17-jährigem Bestehen verloren: Der Einlegerverein Sevilla Aarau hat an seiner letzten Generalversammlung im Restaurant Viva in der Kaserne Aarau beschlossen, den Verein ab sofort nicht mehr operativ zu betreiben und bis Herbst 2014 vollständig aufzulösen, wie der Vereinsvorstand auf dem az-online-Portal «Meine Gemeinde» schreibt. Der Grund für diesen Entscheid sei nicht etwa wirtschaftlicher oder demografischer Natur, sagt Alex Zschokke, Vereinspräsident seit über vier Jahren. Im Gegenteil: «Der Verein ist gesund. Es fehlt uns nicht an Geld oder jungen Mitgliedern, sondern an Nachfolgern für den zurücktretenden Vorstand.»

Zwar sei die Auflösung des Vereins an der Generalversammlung lange diskutiert worden. Nachdem aber rund ein Drittel der Mitglieder ankündigte, sie würden sowieso demnächst aus dem Verein austreten, sei die Schlussabstimmung schliesslich deutlich ausgefallen. Im Spätsommer wird man sich zu einem letzten Grillplausch treffen, danach ist der Verein Geschichte.

Bis zu 20 Prozent Frauen

Der Einlegerverein Sevilla zählte im vergangenen Jahr rund hundert Mitglieder. Längst waren es nicht mehr nur Arbeiter, und schon gar nicht mehr lauter Mannen. Zschokke schätzt den Frauenanteil auf knapp 30 Prozent. Allesamt steckten sie regelmässig ihren Batzen für die Sportferien, die Steuern oder die eisernen Reserven in einen der 120 nummerierten Schlitze der Einlegerkästen.

Mit den Jahren stieg das Einlagevermögen, gemeinsam wurden so in Spitzenjahren bis zu 220 000 Franken gespart. Nebst der Auszahlung Anfang Jahr gab es als «Dividende» jeweils ein Reisli oder einen Grillplausch, finanziert aus den Bankzinsen, Spenden und dem Verwaltungsbeitrag von 20 Franken pro Jahr und Einleger. Der kumulierte Überschuss und verschiedene Spendenbeiträge wird der Verein nun gemeinnützigen Organisationen spenden. Welche, ist laut Zschokke noch nicht entschieden.

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