Landwirtschaft
Fehlender Nachwuchs: Die Feldmauser drohen auszusterben

In Muhen sind noch drei Feldmauser unterwegs, andernorts schaut jeder Bauer für sich. Die grosse Mausplage droht trotzdem nicht – aber serbelnde Obstbäume.

Christine Fürst
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Es geht keine 15 Minuten und schon sind zwei Schermäuse in Hans-Ulrich Maurers Fallen getappt. Ahnungslos waren sie in den unterirdischen Gängen einer Wiese neben dem Bahnhof Obermuhen unterwegs, bis eine der Fallen zuschnappte.

Hans-Ulrich Maurer ist Landwirt. Er und seine Berufskollegen sind darauf angewiesen, dass dem Vieh sauberes Gras verfüttert werden kann. «Um Verunreinigungen durch Mäusehaufen zu verhindern, müssen wir mausen», sagt Hans-Ulrich Maurer.

Wenn die Erdhaufen beim Mähen in das Gras gemischt werden, entwickle sich in den Silos eine Fehlgärung. Diese wiederum hat zur Folge, dass die Kühe schlechtes Futter bekommen. Die Mäuse fressen auch die Graswurzeln, wodurch erheblicher Ertragsausfall entstehen könne. «Es kann soweit kommen, dass eine Neuansaat erforderlich wird», sagt Maurer.

In Muhen gehen nur noch drei Bauern, einer davon ist Hans-Ulrich Maurer, mausen. Maurer ist als Präsident der Mäusevertilgungskasse ständig auf der Suche nach Nachwuchs, schon lange ist kein Neuer mehr zum Team gestossen. Denn das Mausen ist zeitintensiv.

In den aktuellen Gemeindenachrichten versucht man es dennoch mal wieder mit einem Aufruf. Anfänger würden angelernt und auf ihre ersten Touren begleitet, heisst es. Gemaust wird vor allem im Frühling. «Mit jeder Maus, die man im Frühling fängt, verhindert man 500 Mäuse im Herbst», sagt Maurer. Bei guten Bedingungen vermehren sich die Mäuse schnell.

In den letzten Jahren wurden auf den Müheler Wiesen zwischen 1500 und 3000 Mäuse pro Jahr gefangen. Die anderen Feldmauser geben bei Maurer die Mäuse ab und er führt Buch.

Pro Maus gibt es zwei Franken. Untereinander kennt man sich, es sei deshalb kaum möglich, dass jemand aus einem anderen Dorf bei ihm Mäuse abliefern und kassieren könne, sagt Maurer.

Kasse ist ein Auslaufmodell

In Seon hat die Gemeinde die Prämie pro Mauseschwanz gestrichen. Die Mäusevertilgungskasse ist heute ein Auslaufmodell. In Staffelbach wurde sie im letzten Jahr aufgelöst, rund 3600 Franken waren noch drin. Das Geld wurde der Gemeinde gutgeschrieben. «In diese Kasse hat schon lange kein Landwirt mehr eingezahlt, sie war ein Überbleibsel aus vergangener Zeit», sagt Gemeindeammann Max Hauri, der selbst Bio-Landwirt ist.

Schweizer Tierschutz: «Humanste Methode»

«Grundsätzlich sind Schlagfallen von allen Mäuse-Bekämpfungsmethoden noch am humansten», sagt Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz. Sie müssten aber richtig eingesetzt und in der Grösse und Aufstellung an die zu bekämpfende Mäuse-Art angepasst sein. Denn bei korrektem Einsatz sei davon auszugehen, dass die Tiere sofort tot sind. «Aus Tierschutzsicht sind sie dem Einsatz von Giftködern oder dem Ausräuchern/Vergasen sicherlich vorzuziehen.» Sie sagt auch, dass man sich schonendere Methoden wie die Förderung natürlicher Feinde überlegen könnte. Zudem sei aus ethischer Sicht das Auszahlen von «Kopfgeldern» auf Wildtiere eher fragwürdig. (cfü)

Die Mäuse sind zwar noch da, manchmal mehr, manchmal weniger. «Heute ist jeder Landwirt selber besorgt, dass die Mäuseschäden in seinem Land nicht zu gross werden», sagt Hauri. Er selbst geht sporadisch auf seinen Feldern mausen, dann wenn es nötig ist.

Auf einem anderen Staffelbacher Landwirtschaftsbetrieb hilft ein Pensionierter, die Mäuse zu fangen. Hier vor allem wegen der Obstbäume, deren Wurzeln die Mäuse fressen. Vom letzten Herbst bis zu Weihnacht habe er 200 Mäuse gefangen. Auch hat der Bauer Sitzstangen für Raubvögel – die natürlichen Feinde der Mäuse – in die Felder gestellt.

Offenbar ist das «Mäuseproblem» nicht überall gleich gross: Ein Bauer eines anderen Betriebs in Staffelbach sagt, er habe noch nie Probleme mit Mäusen gehabt. «Der Schaden, den die Mäuse verursachen, ist wahrscheinlich in den Obstanlagen am grössten, denn die Mäuse fressen die Wurzeln der Bäume», sagt Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbandes Aargau. An zweiter Stelle stehe das Wiesland, wo mit Ertragsausfällen und Fehlgärungen zu rechnen sei.

Doch lohnt sich der Zeitaufwand des Mausens wirklich? Es habe Studien gegeben, welche dies untersucht hätten, sagt Bucher. «Es hat sich gezeigt, dass man teilweise auch genauso gut nichts tun kann», sagt er. Denn wenn es zu viele Mäuse gibt, breiten sich Krankheiten aus und die Populationen nehmen wieder ab.

«Trotzdem finde ich es nicht schlecht, wenn gemaust wird und sich die Bauern organisieren. Das System in Muhen finde ich intelligent, weil es solidarisch ist», sagt Bucher.

Wie viele andere Gemeinden sich noch um Mauser bemühen, ist nicht bekannt. Der Kanton erhebt nicht, welche Gemeinden noch ein System wie die Mäusevertilgungskasse anwenden. Dort, wo es keine offiziellen Feldmauser mehr gibt, liegt die Bekämpfung von Mäusen in der Eigenverantwortung der Landwirte.

Müheler Modell seit 1938

In Muhen gibt es die Mäusevertilgungskasse seit 1938. Früher haben die Müheler Bauern sechs Rappen pro Are Land einbezahlt. Lieferte der Bauer eine Maus ab, erhielt er zwischen 35 und 50 Rappen. Heute bezahlen die Bauern in Muhen 50 Rappen pro Are und erhalten für eine Maus zwei Franken.

In Muhen sind es rund 12 Mitglieder, welche einen Betrag einzahlen. Auf deren Feldern wird auch gemaust. Dazu kommen 1600 Franken der Gemeinde, der Beitrag wurde per 2014 verdoppelt. «Wir haben den Beitrag verdoppelt, da die Mäuse-Population in unserem Gebiet enorm gross ist und mehr Mäuse gefangen werden als Geld in der Mäusevertilgungskasse vorhanden ist», sagt Gemeinderätin Gertrud Jost, welche auch das Ressort Landwirtschaft betreut. Die Landwirtschaft habe in Muhen einen grossen Stellenwert und es sei wichtig, dass die Arbeit der Feldmauser unterstützt werde.

Für Hans-Ulrich Maurer ist klar, dass das Mausen in Muhen notwendig ist. Er hat 55 Schlagfallen, sie heissen «topcat». Die Falle wird direkt im unterirdischen Gang platziert. Tappt eine Maus hinein, wird ihr sofort das Genick gebrochen. «Für die Maus ist das ein schneller Tod», sagt Maurer. Das sei ihm wichtig, lange leiden soll sie nicht. Maurer macht die Arbeit, weil sie gemacht werden muss. «Ich müsste eine Ertragseinbusse in Kauf nehmen, wenn ich nicht Mausen würde.» Zurück auf dem Hof wartet seine Katze bereits auf ihn. Sie wird bald genüsslich eine der Mäuse verspeisen – ohne selbst gejagt zu haben.