Aarau
Fehlalarm ausgelöst: Wiederholungstäter trotz Vorstrafe freigesprochen

Weil ein junger Mann am Bahnhof einen Fehlalarm ausgelöst hatte, drohte ihm eine hohe Geldstrafe. Es war nicht sein erster Ausraster.

Nadja Rohner
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Solche sogenannten Handtasteralarme finden sich überall im Bahnhofgebäude, zum Beispiel bei den Eingängen.

Solche sogenannten Handtasteralarme finden sich überall im Bahnhofgebäude, zum Beispiel bei den Eingängen.

Nadja Rohner

Der Alarm ging um 22.50 Uhr bei der Zentrale ein. 16 Angehörige der Feuerwehr Aarau fuhren in die kalte Januarnacht hinaus, bis zum Bahnhof. Dort fanden sie aber keinen Brand, nur einen Alarmknopf mit kaputtem Sicherheitsglas. Eine Stunde und einen Kontrollgang später endete der Einsatz. «Mutwillig gedrückter Handtaster», steht im online einsehbaren Kurzprotokoll. Damit endete die Geschichte für die Feuerwehr.

Für Marcel (Name geändert) hingegen ging das Ungemach erst richtig los. Denn er war schnell als Auslöser des Alarms identifiziert. Diese Woche, zehn Monate nach dem Zwischenfall, sass er vor dem Bezirksgericht Aarau, angeklagt wegen Verursachens eines falschen Alarms und wegen Sachbeschädigung. Es ging um viel für den 25-jährigen Schweizer aus der Region. Erstens um Geld: Die Staatsanwaltschaft beantragte eine unbedingte Geldstrafe von 5400 Franken und 200 Franken Busse. Die SBB als Zivilklägerin forderte weitere 2500 Franken Schadenersatz. Zweitens stand ein Gefängnisaufenthalt im Raum. Denn Marcel war 2011 wegen versuchten Raubes und Diebstahls zu 13 Monaten bedingt verurteilt worden, die Probezeit läuft noch.

Angeklagter hat Suchtproblem

Vor Gericht erschien Marcel in Begleitung seiner Verteidigerin Marianne Wehrli und seiner Mutter. Er war sichtlich nervös und wippte mit den übereinandergeschlagenen Beinen, sodass es den ganzen Stuhl schüttelte. Die Daunenjacke hatte er nicht ausgezogen, den struppigen Bart nicht rasiert. Marcel hat keine Lehre abgeschlossen, bezieht teilweise eine IV-Rente und ist auf Jobsuche. Seine letzte Stelle in einer Stiftung hatte er aufgegeben, weil die Zug-Billetts für die Anreise mehr Geld gekostet hatten, als er verdiente. Und Marcel hat ein Alkoholproblem. Das sieht er selber ein, nimmt seit dem Frühling Tabletten dagegen und geht in die Suchtberatung.

Marcel schilderte Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder, dass er an diesem Dienstag im Januar mit seinen Kollegen in Aarau um die Häuser gezogen sei und dabei «recht viel Alkohol konsumiert» habe. Wodka und Bier, genau könne er es nicht mehr sagen. Fakt ist: Bei der Blutalkoholmessung eine Stunde nach der Tat wurde ein Wert von 2,5 Promille angezeigt. Irgendwann kam das Grüppchen zum Bahnhof, wo Marcel «einen Disput mit einem Asylanten hatte» und dann «irgendwie hässig» war. Also schlug er drein. Nicht gegen seinen Widersacher, sondern gegen die Wand, ohne gross hinzuschauen. «Und dann», sagte Marcel, «war blöderweise dieser Kasten da.» Der Kasten war einer der Handtasteralarme im Bahnhofgebäude. Das Schutzglas, das den Alarmknopf abdeckte, ging kaputt – daher auch die Anklage wegen Sachbeschädigung. Deliktsbetrag: 20 Franken.

2013 schon Alarm ausgelöst

Es war indes nicht das erste Mal, dass Marcel einen falschen Alarm ausgelöst hatte. 2013 war es schon einmal passiert, «aus Dummheit», wie seine Verteidigerin ausführte. Sie forderte einen Freispruch für Marcel. Denn für die ihm vorgeworfenen Taten müsse ein Vorsatz nachgewiesen werden, dies sei nicht der Fall. «Er sagt selber, er sei so beduselt gewesen, dass er nicht kapiert hat, was er macht», so Anwältin Wehrli. Ihr Mandant sei kein böser Mensch, sondern zuverlässig und freundlich – wenn er nichts trinke. «Er braucht eine Chance im Leben», sagte sie. Falls das Gericht ihn nicht freispreche, sei die Strafe in soziale Arbeit umzuwandeln. Auch bat sie das Gericht, die bedingt ausgesprochene Gefängnisstrafe aus dem Jahr 2011 nicht zu vollziehen, es bringe niemandem etwas, wenn Marcel ins Gefängnis müsse. Was die Zivilforderung der SBB betrifft: Ihr Mandant sei bereit, den angerichteten Schaden inklusive Feuerwehreinsatz zu bezahlen.

Teilweise freigesprochen

Gerichtspräsidentin Bettina Keller folgte dem Antrag der Verteidigung grösstenteils. Sie sprach Marcel von der Verursachung eines falschen Alarms frei, weil er ihn nicht bewusst ausgelöst habe. Punkto Sachbeschädigung sprach sie ihn schuldig, senkte die Busse aber aufgrund der durch Alkohol verminderten Schuldfähigkeit auf 150 Franken. Die Forderung der SBB wird auf den Zivilweg verwiesen. Marcel nahm das Urteil sichtlich erleichtert entgegen und umarmte seine Mutter.