Industriemuseum Oberentfelden

Fast wäre der Schatz im Keller gelandet

Christian Heilmann vom Industriemuseum Oberentfelden erzählt vom überraschenden Fund.

Mit dieser Kiste ist etwas anders. Das ist Christian Heilmann sofort klar. So viele ausgeräumte Holzkisten hat er in den letzten Wochen schon in den Keller geschleppt, dass es ihm gleich auffällt. Diese Kiste ist zu schwer.

Es war irgendwann im Winter 2013: Heilmann und vier Helfer sind seit Wochen daran, das Chaos im ungeheizten Estrich von Trakt B1 der einstigen Bürstenfabrik Walther in Oberentfelden zu lichten. Hier hatte man über Jahrzehnte hinweg alles hochgeschafft, was aus dem Weg musste: Stellwände voller Bürsten, Anschauungsmaterial für Händler, Werbung, Kartonschachteln und Holzkisten gefüllt mit Restbeständen, mehrere tausend Bürsten, vieles liegt einfach auf dem Boden verstreut. Stück für Stück räumen Heilmann und sein Team die Kisten aus, sortieren und fotografieren, was da ist, versorgen sie in über 330 Plastikkisten.

Die versteckte Kiste in der Kiste

Und jetzt ist da diese Holzkiste. Leer und doch zu schwer. Heilmann schaut noch einmal genauer hin. Die Kiste ist nicht leer. Jemand hat eine zweite, nur wenige Zentimeter hohe Kiste darin versenkt. Keine offene Lagerkiste, sondern eine mit Deckel. Wie ein doppelter Boden. Heilmann öffnet die geheimnisvolle Kiste und findet zwei Gurten aus weisser Baumwolle, bestickt mit Pferdeköpfen und Eichenblattranken, blauer Faden. Und an den Gurten hängen Bürsten: Pfannenreiber, Schüttsteinbesen, Möbelpinsel, Bürsteli für Reagenzgläser, Staubwedel, Flaschenputzer, Velobürsten und Kammputzer, Schuhputzbürsten. Über zwanzig Stück. Manche sind ganz einfache Bürsten, eckig aus dem Holz geschnitten und ungeschliffen, die Fäden, mit denen die Schweineborsten festgezurrt wurden, noch sichtbar. Andere sind wunderbar verarbeitet, hochwertig.

Heilmann schlägt das Herz höher ob dieses Fundes. «Das war eine schöne Überraschung», erinnert er sich. Und das, obwohl er keine Ahnung hat, was er hier genau gefunden hat. Woher stammen diese Bürstengurten? Wer hat sie gebraucht? Und vor allem: Wozu?

Heilmann hat jahrelang in der Zentralbibliothek in Zürich als Bibliothekar gearbeitet, ist Archivar der Gemeinde Oberentfelden. Er kennt sich aus mit alten Dingen und mit Suchen erst recht. Und er sucht, es kitzelt ihn. Nach Dokumenten, in denen die Gurten vielleicht erwähnt werden. Nach Aufnahmen, nach Bildern, Abbildungen. Nach ehemaligen Mitarbeitern, die vielleicht etwas über die Gurten wissen.

«Stutzig gemacht hat mich, dass die Bürsten offensichtlich aus ganz verschiedenen Zeiten stammen», sagt Heilmann. Da sind diese klobigen, einfachen Bürsten, die vermutlich noch vor 1900 gefertigt wurden. Eine Zeit, in der Bürstenverkäufer von Tür zu Tür gingen, um sie den Hausfrauen zu verkaufen. Aber dann sind da auch die formschönen, vollendeten Stücke, die in den Katalogen aus dem Jahr 1930 abgebildet sind. «In den Dreissigerjahren hat Walther aber nicht an den Haustüren verkauft, sondern lediglich an Grosskunden», sagt Heilmann. «Irgendwie hat alles keinen Sinn gemacht.»

Selbst die Unterstützung einer Historikerin vom Museum für Volkskunde im Appenzell kann Heilmann nicht weiterhelfen. Immerhin finden die beiden Abbildungen von Bürstenverkäufern aus dem Schwarzwald, die die Bürsten an genau solchen Gurten vor dem Bauch tragen. Auch im Nachlass der Firma Walther finden sich solche Abbildungen; als gerahmte Kundengeschenke zu Weihnachten. Leider sind die Widmungen undatiert.

Das Geheimnis um die Bürstengurten ist also nach wie vor ungelöst. Als Ausstellungsstück im Industriemuseum machen sie sich aber wunderbar. Und wer weiss: Vielleicht kommt irgendwann ein Besucher daher und kennt die Geschichte dieser schwer behängten Gurten.

Industriemuseum Oberentfelden Köllikerstrasse 32, Trakt B1. Öffnungszeiten: 11. Dezember, 15. Januar, 12. Februar, 12. März, 14 bis 16 Uhr. Ab 14. April jeden Samstag von 14 bis 16 Uhr, mit Führung.

www.oberentfeldenmuseum.ch

Meistgesehen

Artboard 1