Bezirksgericht Aarau
Familienvater schwänzte Zivildienst, um mehr Geld zu verdienen

Einem notorischen Zivildienst-Schwänzer drohte eine Haftstrafe – er hatte eine überraschende Ausrede.

Nadja Rohner
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Ein notorischer Zivildienstschwänzer muss eine saftige Busse bezahlen. (Symbolbild)

Ein notorischer Zivildienstschwänzer muss eine saftige Busse bezahlen. (Symbolbild)

Keystone

Weil ein 32-jähriger Familienvater nicht zum Zivildienst eingerückt war, soll er 8 Monate ins Gefängnis. Unbedingt. Dies fordert die Staatsanwaltschaft Lenzburg Aarau. Sie wirft Philipp (Name geändert) vor, dreimal seinen Einführungskurs geschwänzt zu haben, obwohl er die eingeschriebenen Briefe von der Aarauer Vollzugsstelle für Zivildienst in Empfang genommen hatte. Zusätzlich ignorierte er auch das Aufgebot für einen konkreten, zweimonatigen Zivildiensteinsatz in der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Es erstaunte deshalb nicht allzu sehr, dass Philipp auch nicht auftauchte, als seine Strafsache Mitte November vor dem Bezirksgericht Aarau verhandelt werden sollte. Ginge es um einen angefochtenen Strafbefehl, wäre dieser damit rechtskräftig geworden. Bei einer Anklage ist das Gericht aber verpflichtet, einen zweiten Termin anzusetzen. Erst wenn Philipp auch dieses Mal geschwänzt hätte, wäre er vom Gericht in Abwesenheit verurteilt worden. Die Maximalstrafe liegt in dieser Sache bei 18 Monaten.

Aufgebot nicht ernst genommen

Doch beim zweiten Anlauf sass Philipp tatsächlich im Wartesaal. Auf einen Anwalt hatte er verzichtet. Das erste Aufgebot des Gerichts, beteuerte er, habe er gar nicht erhalten, sonst wäre er «selbstverständlich» gekommen.

Dass er die ihm vorgeworfenen Straftaten begangen hatte, bestritt Philipp nicht. Er habe in der Vergangenheit «e bitzeli légèr uff das Züggs reagiert», sagte er in breitestem Baslerdeutsch. Im Klartext: Er nahm die Zivildienst-Aufgebote nicht ernst, weil er nicht damit rechnete, dass dies genauso harte Konsequenzen haben würde wie das Versäumen des Militärdienstes.

Sein Verhalten bedauere er sehr. «Normalerweise bin ich ein sehr verantwortungsbewusster Mensch», betonte Philipp. Ein paar Kratzer bekam diese Selbstdarstellung wenig später. Da musste Philipp eingestehen, dass er 150 000 Franken Steuerschulden hat, weil er «früher, als ich jung war» nie eine Steuererklärung ausgefüllt hatte und zu hoch eingestuft wurde. Ausserdem hat er bereits sechs Einträge im Strafregister. Alle wegen Nichterscheinens zum Zivildienst.

Arbeiten habe oberste Priorität

Philipp hat dafür eine halbwegs einleuchtende Erklärung: «Für mich hatte das Arbeiten immer oberste Priorität, es war mir wichtiger, als drei Wochen ‹Ferien› zu machen». Er sei im Gastgewerbe und erhalte einen Grundlohn von 3700 Franken. Das reiche gerade für die Rechnungen, sagte er. Nur dank der Trinkgelder – im Schnitt etwa 800 bis 1000 Franken im Monat – bringe er seine Familie durch. Die Frau arbeitet nicht, die zwei Söhne sind im Primarschulalter.

«Im Zivildienst hätte ich nur 70 Prozent Lohnersatz», rechnete Philipp vor. «Zudem würden die Trinkgelder natürlich wegfallen.» – «Aber die ständigen Gerichtsverfahren kosten auch», sagte Gerichtspräsidentin Patricia Berger, «leuchtet Ihnen das nach sechs Verurteilungen langsam ein?»

Das tue es, beteuerte Philipp. Eine seiner Geldstrafen habe er nämlich nicht bezahlt, sie sei in 6 Monate Haft umgewandelt worden. Diese habe er mittels Fussfessel «absitzen» dürfen, um trotz Vollzug seiner Arbeit nachgehen zu können. Von 7 bis 19 Uhr durfte er werktags ausser Haus sein, an freien Tagen erst nur drei Stunden, später mehr. Das habe ihn «um 90 Grad gedreht» – «Ich weiss, ich habe Scheisse gebaut».

Mittlerweile hat Philipp den Zivildienst-Einführungskurs absolviert und war «positiv überrascht», wie er sagt. Im April wird er zum ersten Dienst einrücken. Am Wochenende dürfe er dann weiter im Lokal arbeiten, um ein Zubrot zu verdienen.

Geldstrafe statt Knast

Die nun drohenden 8 Monate Haft fände er «krass», sagt Philipp. Zumal nicht garantiert war, dass er sie wieder mit Fussfessel zu Hause beziehungsweise bei seiner Arbeitsstelle würde absitzen können. Er müsste also ins Gefängnis. Für diesen Fall habe ihm der «Big Boss» bereits angekündigt, er werde seine Stelle verlieren, so der Kellner.

So weit kommt es aber nicht: Die Gerichtspräsidentin wandelte die Haftstrafe in eine unbedingte Geldstrafe um. 240 Tagessätze à 30 Franken, insgesamt fast zwei Monatslöhne, muss Philipp abdrücken. Hinzu kommen über 2000 Franken Verfahrenskosten.

Zahlt Philipp nicht, muss er die 8 Monate absitzen. «Es ist Ihre letzte Chance, packen Sie diese», sagte Berger. Philipp nahm das Urteil artig zur Kenntnis und verliess das Gerichtsgebäude. Handy am Ohr und Zigi im Mund ging er von dannen.