Aarau
Falsches Kita-Label: Auch die Kommentare der Eltern sind erfunden

Falsche Internetadressen, tote Telefonnummern, erfundene Kommentare auf der Internetseite – die Kita Suisse treibts bunt.

Sabine Kuster und Nadja Rohner
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Fröhliches Design, schön eingerichtete Kita – aber die Vermarktung durch die Kita Suisse ist haarsträubend.

Fröhliches Design, schön eingerichtete Kita – aber die Vermarktung durch die Kita Suisse ist haarsträubend.

Ueli Wild

Es ist garantiert nicht absichtlich geschehen. Es ist bloss alles ein Versehen. In der Eile passiert, weil der Geschäftsführer gerade viel um die Ohren hat. Das jedenfalls sagt Jean-Claude Furegati, Geschäftsführer der Kita Suisse GmbH, zu den vielen Ungereimtheiten auf seinen Internetseiten.

Die Kita Suisse wurde vor zwei Wochen bekannt, weil deren Geschäftsführer gleichzeitig Präsident eines neu gegründeten Vereins ist, der Qualitätslabel an Kindertagesstätten (Kitas) vergibt. Die erste Kita, die ein solches erhielt, war seine eigene. Wer sich auf seinen Internetseiten umsieht, findet zahlreiche weitere Beispiele, die zu diesem Stil – hart an der Grenze zum unlauteren Wettbewerb – passen.

Elternkommentare frei erfunden

Da wäre das frei erfundene Lob der Eltern im Internet. Furegati hat nicht nur ein Qualitätslabel kreiert, sondern auch die Plattform kitas-aargau.ch, welche die Kitas im Kanton Aargau auflistet. Diese ist alles andere als vollständig: In sieben Bezirken ist nur die Aare Kita eingetragen, auch wenn diese nicht im jeweiligen Bezirk, sondern in Aarau steht. Kein Wunder, denn die Kitas müssen für einen Eintrag dort bezahlen. So bleibt die Aare Kita wohl noch einige Zeit «Favorit des Monats».

Furegati kann auf dieser Plattform ausführlich Werbung für seine Kitas machen. «Wir freuen uns, eine gute Kita für unsere Tochter Emilia gefunden zu haben in Aarau», hat offenbar die Mutter Sara F. über die Aare Kita gesagt. Und Markus S. schreibt: «Wir haben die Kita-Leiterin getroffen und sind sehr zufrieden mit den Betreuungsangeboten.» Bloss: Die Kommentare über eine weitere geplante Kita der Kita Suisse lauten praktisch gleich. Diese heisst Tilia Kita und befindet sich in Staufen. Während es laut Sibylle W. in Aarau «Top Betreuung für unsere Zwillinge» gibt, gibt es in Staufen laut Sarah U. «Top Betreuung für unsere Söhne».

Diese Kommentare sind erfunden.

Diese Kommentare sind erfunden.

zvg

Markus S. erscheint auch hier mit einem Kommentar über die gute Betreuung, einfach anders formuliert. Neben seinen Namen hat sich noch ein Hannes M. gesellt. Hat da ein Schwulenpärchen ein Kind in der Tilia Kita in Staufen? Doch halt, die Kita ist noch gar nicht geöffnet! Anfang September soll das laut der Website www.tilia-kita.ch der Fall sein. Ein Link zu einem Flyer über «Eröffnung Tilia Kita» verkündet dann aber nur die Eröffnung der Aare Kita.

Auf kitas-aargau.ch heisst es, die beiden Kitas seien Ausbildungsbetriebe und Overnight-Kitas. Für das Übernachten in der Kita hat die Aare Kita die Bewilligung aber noch nicht und die Nachfrage beim Kanton ergibt: Die Aare Kita ist kein Ausbildungsbetrieb, dafür fehlt die Bewilligung ebenfalls.

Nummer ausser Betrieb

Wer sich dann für einen subventionierten Platz für sein Kind interessiert, findet ein Informationsblatt über die Gründung von «Together for Kids». Ein Verein, der das Ziel habe, einkommensschwache Familien zu unterstützen. Die angegebene Internetseite www.together.
ch führt aber auf eine branchenfremde Seite, die Telefonnummer ist ausser Betrieb und die Adresse «Blegistrasse 7 in Baar» ist dieselbe wie jene der Swiss Alpha Medic GmbH – also jener Firma, die letzte Woche in die Schlagzeilen geriet, weil sie sich ihre Betriebsbewilligung für Notfalltransporte im Aargau via Zürich geholt hat. Gehören tut die Firma: Furegati. Der Mann ist ein Tausendsassa.

«Den Kindern geht es gut»

Nach den ehemaligen Mitarbeiterinnen der Leiterin der Aare Kita meldet sich nun auch eine ehemalige Lehrtochter zu Wort. Sie habe sich wenig um sie gekümmert, sie aber alleine Frühdienst leisten lassen. Die ehemalige Auszubildende sagt über die Kita-Leiterin: «Sie macht gute Kitas, den Kindern geht es gut. Aber alle anderen um sie herum behandelt sie schlecht.» (kus)

Er betreibt auch die Plattform kontrollschild.ch, auf der tiefe Autonummern ersteigert werden können, und vermietet seinen Lamborghini. In die Schlagzeilen kam er vor sechs Jahren, weil er für einen Freund eine Website kreierte, über die dieser unnütze Firmeneinträge verkaufte. Ein grosses Missverständnis war es laut Furegati schon damals. Auch jetzt hat er für alles eine Erklärung: Die Aussagen der Eltern auf kitas-aargau.ch seien ein Fehler der IT gewesen, «da diese eine Vorlage für die Website benutzte und diese Informationen nicht gelöscht bzw. vergessen hatte anzupassen», schreibt Furegati. «Wir haben nun die Seite angepasst und danken Ihnen für den Hinweis.» Bis gestern standen die Kommentare allerdings unverändert dort.

Die Domain together.ch habe er kaufen wollen, es dann aber vergessen. Das sei keine böse Absicht gewesen. Dass die Telefonnummer nicht funktioniert, erstaunt ihn, «da muss ich beim Anbieter nachfragen», sagt er.

Keine Kita in Staufen

Und was ist mit der Tilia Kita in Staufen los? Dieses Projekt, sagt Furegati, habe er aufgeben müssen. Die Kita wird nicht eröffnet. Genauso wenig wie die Zwicky-Kita, die in Wallisellen geplant war und im Internet immer noch eine Eröffnung im Herbst 2016 verkündet. «Ich will Baustellen abbauen», sagt Furegati, er habe nach der Berichterstattung über seine Kita-Leiterin die Nase voll. Hinter dieser steht er immer noch halbwegs. «Meine Geduld ist angespannt», sagt er. Entlassen will er sie wegen der damit verbundenen unguten Wechsel für die Kinder aber nicht. Dies auch, weil die Frau bei ihm keine finanziellen Kompetenzen habe.

An einer weiteren Kita hält Furegati fest: an der Kita im Park in Waltenschwil. Deren Eröffnung ist für den 2. Mai geplant. Anfragen von Eltern gibt es bereits, die Betriebsbewilligung steht noch aus. Der Gemeindeschreiber von Waltenschwil, Frank Koch, sagt: «Wir lassen uns nicht drängen, das Gesuch um die Betriebsbewilligung und vor allem die Verträge mit den Angestellten werden eingehend geprüft.»

Mit einer offenen und einer geplanten Kita ist folgende Aussage auf kita-suisse.ch eine grandiose Übertreibung: «Die Kita Suisse ist eine der grössten privat geführten Betriebsgesellschaften für Kitas». Furegati fühlt sich unverstanden. Er mache mit den Kitas keinen Gewinn und er wolle bloss der Gesellschaft etwas zurückgeben, «weil es mir momentan gut geht».

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