Ralph Schiltknecht oder Andreas Schöb: Einer der beiden wird neuer, zusätzlicher Gerichtspräsident am Bezirksgericht Aarau. Die Juristen mit Anwaltspatent treten am 17.Juni gegeneinander an, wenn die Stimmberechtigten im Bezirk Aarau das Gericht mit einem vierten Präsidenten verstärken. Die Wahl wird nötig, weil Anfang 2013 an allen Bezirksgerichten eine familienrechtliche Abteilung installiert wird. In Aarau ist der neue Gerichtspräsident nicht nur als Familienrichter tätig, sondern wie die PräsidentenI bis III auch als Zivil-, Straf-, Arbeits- und Jugendrichter.

Aarau gehört zu den vier Bezirken, wo der neue Gerichtspräsident in einer Kampfwahl bestimmt wird. In sieben Bezirken finden stille Wahlen statt, nachdem auch innerhalb der Nachfrist keine offizielle zweite Kandidatur gemeldet wurde. Die Frist lief gestern Mittwochmittag ab. Am 11.März hatten die Aargauer beschlossen, das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht des Bundes im Kanton mit professionellen Familiengerichten umzusetzen. Fachrichter auf Bezirksebene lösen die Vormundschaftsbehörden in den Gemeinden ab.

Wohnsitzpflicht gelockert

Die anstehende Richterwahl ist die erste gemäss revidiertem Gerichtsorganisationsgesetz (GoG). Nach politischen Vorstössen wurde im GoG die sogenannte Wohnsitzpflicht gelockert. Richter müssen neu nicht mehr im Amtskreis wohnen, sondern irgendwo im Kanton Aargau. Dies vergrössert die Kandidatenauswahl. Für Fachrichter seien «in der Regel keine Kenntnisse des geografischen oder sozialen Umfelds nötig», schrieb der Regierungsrat im April 2011 in seiner Botschaft zur GoG-Totalrevision.

Ralph Schiltknecht wohnt in Oberentfelden, Andreas Schöb in Ennetbaden. Letzterer profitiert also vom neuen GoG. Aus der amtliche Angaben seines Wohnorts ausserhalb des Wahlkreises lässt sich nicht schliessen, dass Schöb in Aarau aufgewachsen ist, das hiesige Bürgerrecht besitzt und in der Kantonshauptstadt als Obergerichtsschreiber arbeitet. Er beabsichtigt nach eigenen Angaben, mittelfristig nach Aarau zurückzuziehen, «unabhängig vom Zustandekommen der Wahl».

Schiltknecht war einst SP-Mitglied

Die drei bestehenden Aarauer Bezirksgerichtspräsidien sind von der FDP, der SP und der SVP besetzt. Schiltknecht tritt für die Grünliberalen (GLP), Schöb für die CVP an. Schiltknecht war einst SP-Mitglied und unterlag 2006 im parteiinternen Nominationsverfahren KarinVon DerWeid-Gygax, der heutigen Gerichtspräsidentin II. Seit geraumer Zeit sei er, so Schiltknecht, «aktives» GLP-Mitglied. Seine neue politische Heimat habe nichts mit Opportunismus zur Erhöhung seiner Wahlchancen zu tun, und wer ihm dies vorwerfe, führe ein «Ablenkungsmanöver» durch. Beim Familiengericht komme es einzig auf die fachliche Eignung an.

Die az Aargauer Zeitung hat die anderen Bezirksparteien gefragt, wen sie zur Wahl empfehlen. Die SP unterstützt Andreas Schöb. Dies hat laut Präsidentin Barbara Roth «keinen Zusammenhang» mit dem Austritt Ralph Schiltknechts aus der SP. Die SVP schreibt, an einem Hearing habe Schöb «sowohl beruflich wie auch persönlich deutlich besser abgeschnitten». Auch die EVP spricht sich für ihn aus, ebenso – laut Otto Wertli von der CVP-Leitung – die FDP. «Seine Wahlchancen», so Wertli, «sind gut». Schöb wertet den Sukkurs durch verschiedene Parteien als Beleg dafür, «dass es sich bei den Wahlempfehlungen nicht um politische Unterstützungen handelt». Auch für ihn steht die Eignung «im Vordergrund».

Schöb klopfte auch bei der GLP an

Der breit abgestützte Kandidat sagt zwar, er habe sich «einzig bei der CVP» beworben. Dem widerspricht jedoch GLP-Vizepräsident Marc Aurel Hunziker: Andreas Schöb habe «Interesse daran gezeigt, sich von der GLP (...) portieren zu lassen» und mit dem Bezirksparteivorstand «ein Gespräch geführt», so Hunziker auf Anfrage.

Die Wirren um die Partei-
zugehörigkeit der Kandidaten drohen die Richterwahl zu verpolitisieren. Kantonsweit sind nur 4 der 17 Kandidaten parteilos. Die GLP wäre laut Hunziker interessiert an einem «professionellen Assessment» zur Prüfung der «fachlichen und persönlichen Eignung». Das Hearing habe diesen Zweck nicht erfüllt.

Die einzige Bezirkspartei ohne Wahlempfehlung sind die Grünen. Präsident Hansjörg Wittwer schreibt, man anerkenne die Qualitäten beider Kandidaten. «Die Wahl wird spannend werden, der Ausgang ist offen, und das ist gut so.»