Aarau/Unterentfelden

«Existenzen gehen zugrunde»: Schausteller von Corona schwer getroffen – jetzt reagieren sie

Maya Hauri im Kassenhäuschen ihrer Butschibahn. «Das Leben als Schaustellerin ist härter geworden.»

Maya Hauri im Kassenhäuschen ihrer Butschibahn. «Das Leben als Schaustellerin ist härter geworden.»

Schaustellerpfarrer Adrian Bolzern freut sich über Maya Hauri, die in Aarau eine Chilbi organisiert. Denn laut ihm ist es noch nie so schlimm um die Schausteller gestanden.

Chilbi. Das ist Karussell, Autoscooter und Geisterbahn. Das ist Freudentaumel im Lichtermeer, das schmeckt nach Zuckerwatte und riecht nach Ponyreiten. Chilbi ist, was es die letzten Monate nicht gab.

Adrian Bolzern (41) seufzt. Er ist nicht nur katholischer Priester der Aarauer Pfarrei «Peter und Paul», er ist auch Pfarrer der Schweizer Zirkusleute, Schausteller und Markthändler. Der Menschen also, die die Coronakrise so hart getroffen hat, wie nur wenige andere Branchen. «So schlimm wie jetzt hat es um sie noch nie gestanden», sagt Bolzern. «Hier gehen Existenzen zu Grunde, ganze Schaustellerdynastien sind bedroht.»

Hilfe vom Bund ist angekündigt: «Aber es dauert alles so lange»

Adrian Bolzern hat in den letzten Monaten viel gehört, tagelang klingelte sein Handy von morgens bis abends. Er hat zugehört, getröstet, ermuntert. Bloss direkt helfen konnte er nicht. «Es fehlt an Geld, an allen Ecken fehlt Geld», sagt er. «Seit Beginn der Winterpause im November haben viele Schausteller keinen Franken mehr verdient.»

Und das bei laufenden Kosten von monatlich bis zu 30'000 Franken, fügt er an und zählt auf: für Hallenmiete, Versicherungen, Personal, Unterhalt. Die Überlebenskünstler kämpften ums Überleben. Zwar habe der Bund finanzielle Hilfe versprochen. «Aber es dauert alles so lange.»

Und die Zukunftsperspektive? «Welche Zukunftsperspektive», fragt Bolzern zurück. Da ist nichts mit Hand und Fuss, kein Publikumsmagnet in Sicht. Herbstmesse Basel, die Määs in Luzern, der MAG in Aarau, alles wurde gestrichen.

Seit sechs Jahren kümmert sich der Aarauer Pfarrer Adrian Bolzern mitunter um die rund 3500 Schweizer Schausteller (hier bei einer Weihe im Schachen).

Seit sechs Jahren kümmert sich der Aarauer Pfarrer Adrian Bolzern mitunter um die rund 3500 Schweizer Schausteller (hier bei einer Weihe im Schachen).

«Und bereits sagen die ersten Gemeinden die Jugendfeste von nächstem Sommer ab, das ist schlimm», sagt Bolzern und man spürt, wie ihn das Schicksal seiner Schausteller an die Nieren geht. «Wenn ich dann sehe, wie viele Leute sich an einem Samstag in den Einkaufszentren drängen, gleichzeitig aber die Chilbi aus Angst und trotz strengen Hygienekonzepten abgesagt wird, werde ich wütend.»

Schausteller helfen sich selbst und organisieren eigene Chilbis

Doch es besteht Hoffnung. Viele der schweizweit rund 3500 Schausteller wollen nicht mehr länger daheimsitzen, sie handeln. Tun sich zusammen und organisieren landauf, landab kleine Chilbis oder Pop-up-Freizeitparks. So wie Maya Hauri (63) aus Aarau, die «Grande Dame der Schaustellerei», seit 41 Jahren auf den Schweizer Luna-Parks daheim, Chefin der Firma Festplatz Hauri. Sie organisiert dieses Wochenende im Schachen Aarau eine Chilbi, von Donnerstag bis Sonntag. Nächste Woche stellt sie in Unterentfelden, beim Gemeindehaus.

«Ich habe bei der Stadt angefragt und grünes Licht bekommen», sagt sie. Neun Schaustellerfamilien werden vertreten sein: ein Swing-up, ein Kettenflieger, ein Fun-House, ein Kinderkarussell, Autoscooter, Spiel- und Schiessbuden, Imbissstände und natürlich Hauris Confiseriewagen mit dem alten Argovia-Logo. Nichts Grosses, diese Chilbi, «eine Light-Version», sagt Maya Hauri.

«Aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt.» Und sie brauche dringend wieder ein Einkommen, ganz abgesehen vom Gefühl, wieder unter die Leute gehen zu können. Und auch die Fahrgeschäfte brauchen Bewegung: Ihnen drohen nach monatelanger Pause Standschäden.

Putschiauto statt Kirchenbank

Die Chilbi im Schachen bekommt noch ein weiteres Highlight: Am Sonntag, 10.30 bis 11.30 Uhr, findet der ökumenische Bettags-Gottesdienst auf dem Gelände statt, auf dem Autoscooter, wie es sich gehört. Und auf Wunsch von Maya Hauri. «Maya hat mich darum gebeten, einen Gottesdienst zu halten – und alle sieben beteiligten Kirchen waren von der Idee begeistert», sagt Adrian Bolzern. Er rechnet mit rund 350 Besuchern.

Er freue sich sehr auf den Gottesdienst, sagt Bolzern; nicht nur, weil er selbst ein glühender Chilbifan ist. «Es ist ein schönes Zeichen der Solidarität. Und ich freue mich für die Schausteller, dass nun wenigstens ein bisschen Normalität zurückkehrt.»

«Wenn Frau Hauri etwas sagt, dann ist das so» – wenn der Abend fortschreitet, muss man stark sein

«Wenn Frau Hauri etwas sagt, dann ist das so» – Maya Hauri in Aktion am Argovia Fäscht 2017

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