Bajram (Name geändert), von Beruf Maurer, ist ein kräftiger gut 30-jähriger Mann aus dem Kosovo. Ein Vorfall im August 2017, der mit seiner Berufstätigkeit zu tun hatte, war der Grund dafür, dass sich Bajram dieser Tage vor dem Bezirksgericht Aarau zu verantworten hatte. Im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau, den er angefochten hatte, wurde ihm Exhibitionismus vorgeworfen.

Dafür wollte ihm die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Geldstrafe von 2400 Franken aufbrummen – plus Strafbefehlsgebühr in der Höhe von 1100 Franken. Zudem drohte ihm, weil im Sommer 2017 die vierjährige Probezeit noch lief, der Widerruf einer bedingt ausgesprochenen Geldstrafe von 8400 Franken, welche die Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau wegen mehrfachen Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz über ihn verhängt hatte.

Der Exhibitionismus-Vorwurf ging auf eine Strafanzeige zurück, die Gertrud (Name geändert), eine Frau Mitte Dreissig, bei der Polizei deponiert hatte. Laut Strafbefehl spielte sich der Vorfall in etwa wie folgt ab: Bajram arbeitete auf einer Baustelle in der Region. Es war ein schöner, heisser Tag. Und da Bajram Durst hatte, fragte er Gertrud, die bei der Baustelle stehengeblieben war, ob sie ihm etwas zu trinken kaufen könne. Sie sagte Ja und er gab ihr einen Fünfliber. Gertrud beschaffte die Tranksame und schaute dann wieder den Arbeitern zu.

Schliesslich soll Bajram zu ihr gesagt haben, er müsse ihr «etwas zeigen». Hierauf ging Gertrud – immer gemäss Staatsanwaltschaft – mit Bajram um eine Hecke. Dort soll er begonnen haben, anzügliche Bemerkungen zu machen. Dann habe er die Hose geöffnet, sein Glied herausgenommen und Gertrud gefragt, ob sie es anfassen und spüren wolle. Gertrud habe dies verneint, heisst es im Strafbefehl. Dann sei sie nach vorne zu den andern Bauarbeitern und weiter nach Hause gegangen.

Mit der Zeit lästige Zuschauerin?

Gertrud, die als Zeugin geladen war und in Begleitung eines Beistandes erschien, bestätigte diese Darstellung vor Gericht. Der Beschuldigte, erklärte ihr Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder, erzähle etwas ganz anderes. Etwa, dass Gertrud ziemlich lange bei der Baustelle gestanden habe und dass er sie fast «ein wenig loswerden» musste.

Gertrud räumte ein, dass der Baggerführer gesagt habe, sie solle ein wenig zurücktreten. Das habe sie getan. «Aber», so Gertrud weiter, «ich darf ja wohl an einer Stelle im öffentlichen Raum stehen und zuschauen.» Warum sie erst ein paar Tage danach zur Polizei gegangen sei, fragte die Gerichtspräsidentin. «Ich weiss es nicht», antwortete Gertrud.

Bajram bestritt, die Zuschauerin hinter eine Hecke gelockt und ihr dort «etwas gezeigt» zu haben. «Nicht einmal in betrunkenem Zustand in einem Club», erklärte er, «würde ich so etwas machen.» Richtig sei, dass man gegenseitig gescherzt habe, bis er klargemacht habe, er müsse weiterarbeiten.

Ob er sich denn erklären könne, wie die Frau eine solche Geschichte erfinden könnte, wollte die Gerichtspräsidentin wissen. «Vielleicht hoffte sie, dass einer von uns bei ihr vorbeikommt», antwortete Bajram. Sie habe jedenfalls ihm und einem andern Bauarbeiter ihre Telefonnummer hinterlassen.

Bajrams Verteidigerin berief sich auf das Prinzip «im Zweifel für den Angeklagten» und forderte dementsprechend einen Freispruch. Ihr Mandant habe in der Voruntersuchung den Ablauf detailliert beschrieben und überdies glaubhaft erklärt, dass er kein Interesse an Gertrud gehabt habe. Deren Aussagen seien weniger detailliert und ausserdem nicht frei von Widersprüchen. So habe sie über ihr Verhalten nach dem angeblichen Vorfall hinter der Hecke bei der früheren Befragung etwas anders als in der Hauptverhandlung erzählt.

Total gegensätzliche Aussagen

Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder sprach Bajram von Schuld und Strafe frei. Die Kosten seiner Verteidigung und die Verfahrenskosten gehen zulasten des Staates. Die Aussagen des Beschuldigten und der Zeugin widersprächen sich diametral, stellte die Richterin fest. Die Schuld sei nicht nachgewiesen. Es bestünden zu viele Zweifel, als dass man sich auf die Darstellung der Zeugin abstützen könnte.