Politik
Ex-Regierungsrat Bircher publiziert Buch und spricht über den FC Aarau

Für Alt-Regierungsrat Silvio Bircher ist es Zeit für eine öffentliche Rechenschaftsablage. In seinem Buch «Nah am Zeitgeschehen» zieht Bircher Bilanz und spricht über Themen, die ihm während seines Berufs- und Politikerleben begegnet sind.

Hans Fahrländer
Drucken
Teilen
Silvio Bircher mit neuem Buch.

Silvio Bircher mit neuem Buch.

Jiri Reiner

Der Aarauer Sozialdemokrat Silvio Bircher, Regierungsrat in den 1990er-Jahren, zusammen mit Stéphanie Mörikofer und Thomas Pfisterer (FDP), mit Peter Wertli (CVP) und mit Ulrich Siegrist (SVP), Nachfolger von Arthur Schmid und Vorgänger von Kurt Wernli, hat sich relativ früh aus der aktiven Politik zurückgezogen. Gesundheitliche Gründe gaben dafür den Ausschlag.

Doch er ist im neuen Jahrtausend nicht in der Versenkung verschwunden, sondern blieb in der Öffentlichkeit präsent. Er wechselte vom Sitz des Politikers auf jenen des Politbeobachters und Publizisten. Er wurde Wahlbeobachter der OSZE in den zentralasiatischen Republiken, er übernahm Verwaltungsratsmandate, er wurde Fernsehkommentator beim Regionalsender Tele M1, er schrieb für diverse Zeitungen – und er schrieb Bücher, zuletzt «Wahlkarussell Bundeshaus» über umstrittene Bundesratswahlen der Neuzeit.

Diese lückenhafte Aufzählung zeigt: Birchers Tätigkeitsfelder waren stets von einer aussergewöhnlichen Breite. Vor seiner aktiven politischen Zeit als Grossrat, Nationalrat und Regierungsrat war der studierte Staats- und Wirtschaftswissenschafter unter anderem Chefredaktor der SP-Zeitung «Freier Aargauer» und Berufsschullehrer.

Nächstes Jahr wird Silvio Bircher 70 – Zeit also für eine öffentliche Rechenschaftsablage. Das tun viele Menschen, vor allem Männer, die lange im Rampenlicht gestanden sind. Meistens schreiben sie eine Biografie: Ich und die Welt – wo ich überall was bewirkt habe. Auch Bircher zieht in einem Buch Bilanz. Es heisst «Nah am Zeitgeschehen» und wurde diese Woche in Aarau vorgestellt. Doch es ist keine Biografie. Das Wort «Ich» kommt relativ selten vor. Bircher hängt seine Bilanz nicht an seiner Person auf, sondern an Themen, die ihm während seines Berufs- und Politikerlebens begegnet sind; zum Teil hat er sie scharf beobachtet, zum Teil aber auch aktiv mitgestaltet.

Da ist sie wieder, diese phänomenale Breite. Bircher schreibt über internationale, nationale, kantonale und lokale Themen, über Politik und Wirtschaft, über Landschaftsschutz und Landesausstellungen, über Olympiaden und den FC Aarau – und so fort.

Einen Vorwurf darf man dem Autor indessen nicht machen: Er fabuliere sozusagen «über Gott und die Welt». Es gibt sie ja, diese Journalisten und Buchautoren, die buchstäblich über alles schreiben, was die Welt – oder vor allem sie selber – bewegt, die sich dabei reichlich von Fremdwissen bedienen und nur an Oberflächen kratzen. Nicht so Silvio Bircher. Er schreibt nur über Themen, die er aus der Nähe verfolgen konnte – eben: «Nah am Zeitgeschehen» – und zu denen er eine spezielle Beziehung hat, etwas Eigenständiges beisteuern kann.

Formal wählte Bircher einen aussergewöhnlichen, aber spannenden Ansatz: Er vereinigt in dem Buch Texte, die er in den letzten Jahren und Jahrzehnten verfasst hat, Zeitungsartikel, Reden, Kolumnen etc. – aber er macht damit nicht einfach eine Zweitverwertung: Er führt die Themen bis mitten in die Gegenwart, er aktualisiert sie mit eigens für dieses Bilanz-Buch geschriebenen Texten und hebt sie typografisch von den Zweitabdrucken ab.

Entstanden ist ein 220-seitiger Band, der wohl etwas aussagt über einen Aargauer, der 30 Jahre lang Politik gemacht hat – der aber vor allem etwas aussagt über eine Zeit. Eine Zeit, in der mit der «Wende» eine bipolare Welt zerbrach, in der die Schweiz ihren Platz in Europa suchte, in der ein stabiles innenpolitisches System zu wackeln begann, in der der Aargau vom verlachten Kellerkind zum dynamischen Kanton mutierte. Ein Personenverzeichnis mit rund 370 Namen zeugt von Birchers eindrücklicher Vernetzung: Die meisten Persönlichkeiten kannte oder kennt er persönlich.

«Es ist beeindruckend, wie viel Kleines im Grossen geleistet wird. Unsere Gesellschaft lebt vom Dialog und von der Zusammenarbeit, aber auch vom Wettbewerb der besten Ideen. Niemand hat die alleinige Weisheit für sich gepachtet.» Soweit Birchers Credo im Vorwort. Mit anderen Worten: Die Sache gehört in den Mittelpunkt, nicht die Person. Wir, nicht ich. Das Team, nicht der Supertyp.

Silvio Bircher, Nah am Zeitgeschehen,
Zofingen 2014, ISBN 978-3-033-04768-6.

Aktuelle Nachrichten