Herr Thür, Ihr Büro an der Igelweid in Aarau ist zur Vermietung ausgeschrieben. Geben Sie Ihre Anwaltstätigkeit auf?

Hanspeter Thür: Nein, ich verlege mein Büro in unser Wohnhaus, weil mein Büropartner ins Baselbiet zügelt. Ich will nicht nochmals einen neuen Partner suchen. Seit ich nicht mehr Datenschützer bin, habe ich als Anwalt noch 30 bis 40 Prozent gearbeitet. Ich brauche den Stress eines Fulltimejobs nicht mehr, möchte mehr Zeit für mich haben. Sollte ich in den Stadtrat gewählt werden, würde ich die anwaltliche Tätigkeit vermutlich noch weiter zurückfahren.

Sie treten für die Grünen an. Dabei sind Sie im Jahr 2000 aus der Partei ausgetreten ...

Ich habe die Aarauer Grünen sofort darauf angesprochen, als sie mich kontaktierten. Ich bin zwar aus der kantonalen Partei ausgetreten, habe aber die Ortspartei weiterhin finanziell unterstützt und blieb so gemäss den Statuten weiterhin Mitglied.

Warum hatten Sie mit der Kantonalpartei Streit?

Ich bin damals nicht wegen eines Zerwürfnisses ausgetreten, sondern weil ich als Datenschutzbeauftragter parteipolitisch unabhängig sein wollte. Allerdings stimmt es, dass es vorher einen Konflikt gab: Wir waren uns nicht einig, wie man den grünen Nationalratssitz im Aargau optimal verteidigt, den man nach meinem Rücktritt leider verlor – aber das hat mit dem Austritt nichts zu tun.

Haben Sie sich selber ins Spiel gebracht oder haben die Grünen Sie für die Stadtratskandidatur angefragt?

Es war die Idee der Grünen. Sie haben mich eigentlich auf dem linken Fuss erwischt. Ich dachte: Nein, das kann es nicht sein – ich habe doch jetzt ganz andere Pläne. Dann begann ich zu überlegen, redete mit verschiedenen Leuten – vor allem mit meiner Frau – und stellte fest: Doch, das passt.

Sie sind Projektkoordinator für das Kulturhaus Alte Reithalle. Glauben Sie, dass Sie als Stadtrat mehr für dieses Vorhaben bewirken könnten als in Ihrer bisherigen Funktion?

Ich hoffe, dass bis zu meinem allfälligen Amtsantritt als Stadtrat die wichtigsten Entscheide in Sachen Reithalle aufgegleist sind. Ich gehe davon aus, dass im Mai/Juni 2018 die Volksabstimmung über den Kredit stattfinden wird.

Vor Weihnachten sammelte die SVP Unterschriften, um den Einwohnerratsbeschluss für einen Reithallen-Zusatzkredit vors Volk zu bringen. Machte Ihnen das Angst?

Keine Sekunde – weil ich überzeugt bin von diesem Projekt. Die Tatsache, dass man das Referendum nicht zustande gebracht hat, zeigt mir, dass das Vorhaben gut unterwegs ist.

Müssten Sie Ihr Amt als Präsident des Trägervereins des Theaters Tuchlaube aufgeben, wenn Sie gewählt werden?

Das wird noch zu entscheiden sein. Der Stadtrat hat neu die Praxis, laut der seine Mitglieder nicht mehr in Leitungsgremien von solchen Vereinen Einsitz nehmen.

Was ärgert Sie am meisten an der Aarauer Politik?

Dass man so tut, als würde man finanziell aus dem letzten Loch pfeifen. Der Stadthaushalt ist im Moment nicht im Gleichgewicht – da muss etwas passieren. Aber es geht keiner Stadt finanziell so gut wie Aarau. Wir haben einen ausserordentlich tiefen Steuerfuss und ein Vermögen, mit dem sich jede andere Stadt glücklich schätzen würde. Also keine Schulden. Hören wir auf zu jammern.

Als Eidgenössischer Datenschützer haben Sie im Nebenamt (60%) ein Team mit zuletzt 33 Personen geführt. Werden Sie mit Ihrer Führungsstärke eine neue Dynamik in die Aarauer Verwaltung bringen?

Die Stadtverwaltung ist – zumindest in den Bereichen, in denen ich mit ihr zu tun habe – gut unterwegs. Da muss niemand dynamisiert werden. Als Datenschützer habe ich mit einem Teilamt in einem schwierigen Umfeld Leute geführt. Es würde mir durchaus Spass machen, so etwas wieder zu tun.

Wieso haben Sie sich eigentlich vor vier Jahren, als es um die Nachfolge von Marcel Guignard ging, nicht als Stadtpräsident beworben?

Alt Stadtpräsident Markus Meyer hat mich damals ins Gespräch gebracht. Ich war ziemlich überrascht – auch, weil der Vorschlag von einem Freisinnigen kam. Vor vier Jahren war ich 63: Zu jenem Zeitpunkt wollte ich keinen 120-Prozent-Job mehr. Heute geht es um eine Arbeitsbelastung von 30 bis 40 Prozent.

Noch im Herbst 2015 erklärten Sie der «Ostschweiz am Sonntag», das Kapitel Politik sei für Sie abgeschlossen. Warum hat es Sie jetzt trotzdem wieder gepackt?

Das haben die Grünen Aarau geschafft. Junge Leute, die ich – bis auf zwei – gar nicht gekannt habe. Die Gespräche mit ihnen haben in mir die Lust an der Politik wieder geweckt, die ich vor zwei Jahren nicht mehr hatte. Mein Alter spielte dabei keine Rolle. Ich musste mich nur fragen: Habe ich noch die Power? Und vor allem Ideen.

Sie haben auch schon erklärt, Ihre Kandidatur sei so etwas wie ein Geschenk, ein Dankeschön an die Grünen.

Ich habe die Grünen Aargau 1983 mitgegründet. Ich konnte viel für die Grüne Partei machen und hatte eine tolle Zeit als Nationalrat. Aber ich verteile nicht Geschenke, ohne die innere Überzeugung zu haben, dass es für mich stimmt. Stimmen muss es von der Energie, von der Begeisterung her. Es muss Feuer da sein – sonst macht man das nicht.

Energie brauchen Sie auch für Ihre Enkel. Wie geht es ihnen?

Sehr gut. Den siebenjährigen Juri bringe ich regelmässig ins Fussballtraining. Er spielt beim FC Industrie Zürich und hat eine grosse Fussballkarriere im Kopf. Mal sehen … Die zehnjährige Leonie ist ein begabter Bewegungsmensch und geht in die Zirkusschule. Die beiden Enkel sind die Kinder meiner Tochter aus erster Ehe. Ich bin jetzt zum zweiten Mal verheiratet – mit der 55-jährigen KV-Lehrerin Martina.

Eine Stadtratskandidatur mit 67 Jahren: Werden Sie jetzt zum Vorkämpfer für die Alten, wie das der SVP-Politiker Maximilian Reimann ist?

Ich betrachte mich nicht als Quoten-Alten. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die die Vorstellung haben, es habe mittlerweile genug Junge im Stadtrat. Es ist interessant, dass mich die Jungen angefragt haben. Wenn ein Pensioniertenverein mit dem Quotenargument auf mich zugekommen wäre, hätte ich nicht mitgemacht.

Was wird in der Stadt mehr diskutiert: Ihr Alter oder Ihre Eitelkeit?

Das weiss ich nicht. Ich empfinde mich nicht als besonders eitel. Aber jeder, der einmal Politik gemacht hat, wäre nicht ehrlich, wenn er nicht einen gewissen Narzissmus akzeptieren würde. Das billige ich auch mir zu – in einem durchschnittlichen Umfang.

Sie sind recht sportlich. Aber unter den Langläufern am «Engadiner» trifft man Sie nicht mehr. Warum?

Nach 14 Teilnahmen begann es mich zu langweilen. Ich kam mir vor wie ein Hamster im Rad. Darum habe ich vor vier Jahren aufgehört. Aber ich bin immer noch dabei – als Coach meiner Freunde, die regelmässig teilnehmen.

Und im Sommer?

Ich bin viel mit dem Rennvelo unterwegs. Letztes Jahr fuhr ich unter anderem von der Lenzerheide auf den Albulapass. Es war schön, aber extrem hart. Zusammen mit Kollegen gehe ich jedes Jahr eine Woche in die Veloferien. Dieses Jahr vermutlich nach Italien.

Sie haben auch ein Boot auf dem Bodensee.

Ich bin ein alter Seebub. Mein Elternhaus liegt in Staad direkt am See und wir hatten als Kinder das Privileg, dass wir die ganze Freizeit auf dem Wasser verbringen konnten. Mein Boot steht in Sichtdistanz zu meinem Elternhaus. Wann immer möglich, gehe ich dort auf den See. Ich lasse die Leinen los – und alles ist weg. Ich fische auch und bringe es meinen Enkeln bei.

War der junge Thür ein Pfader?

Nein. Aber in der Jungmannschaft. Ich komme aus katholischem Haus – mein Vater war christlichsozial.

Warum kamen Sie 1977 nach
Aarau?

Meine erste Frau war Unterentfelderin. Ihr Vater sass dort für die SVP im Gemeinderat. Die Schwiegereltern haben sich aktiv beteiligt an der Betreuung unserer Tochter, da machte es Sinn, in der Nähe zu wohnen.

Ihre Kandidatur gefährdet den einzigen Sitz der SVP im Stadtrat. Ist es sinnvoll, wenn die drittstärkste Partei nicht mehr in der Exekutive vertreten ist?

Ich habe mir keine Gedanken gemacht, welchen Sitz ich gefährde. Ich trete nicht gegen jemanden an, sondern für Aarau. Weil ich hier etwas bewegen will. Wettbewerb gehört zu einem Wahlgang.

Aber Sie sind für die Bürgerlichen ein Störfaktor.

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich betrachte mich auch nicht einfach als grün-linker Kandidat, sondern gehe davon aus, dass mich aufgrund meiner Erfahrung und den bisherigen Engagements ein breiteres Spektrum unterstützen wird.

In Ihrer politischen Karriere ist nicht alles gelungen: 1994 wurden Sie nicht zum ersten Nationalratspräsidenten der Grünen gewählt. 1999 wären Sie gerne nebenamtlicher Bundesrichter geworden, die Partei zog Ihnen aber eine letztlich erfolglose Frau vor. Haben Sie Angst vor einer Niederlage am 24. September?

Nein – aber diese Frage habe ich mir schon gestellt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich für etwas einsetze, bei dem nicht klar ist, ob es gelingt. Das gehört dazu.

Eine Volkswahl haben Sie nie verloren?

Nein ... doch. Ich habe 1991 für den Ständerat kandidiert. Aus taktischen Gründen, wir wollten das Nationalratsmandat sichern. Und Anfang 1990 habe ich erfolglos für den Stadtrat kandidiert.

2012 sorgte ein Baugesuch für Gesprächsstoff in der Stadt. Sie und Ihre Partnerin liessen bei Ihrem Haus am Weinberg ein Schwimmbecken erstellen. Sind Sie ein
Cüpli-Grüner?

Das würde ich nicht sagen. Ich bin sicher kein Fundi-Grüner, sondern würde mich immer noch als Realo-Grünen bezeichnen.

Und der Swimmingpool?

Sie meinen das kleine Becken von 5 auf 3 Metern. Ich habe mein Haus vor zehn Jahren gebaut. Nach dem Minergiestandard. Mit Photovoltaikanlage, Erdwärmepumpe und kontrollierter Lüftung. Mit dem Resultat, dass ich heute 80 Prozent der gesamten Energie, die ich im Haus verbrauche, selber produziere – und keinen Tropfen Öl oder Gas verbrenne. Heute könnte ich für das gleiche Geld sogar ein Nullenergiehaus bauen. Also: Zuerst das ökologisch Notwendige und dann das «Nice to have».

Das Haus steht unmittelbar oberhalb des Kraftwerkes. Gehörten
Sie seinerzeit zu den Einsprechern, die sich gegen den Bau eines Restaurants auf der Kraftwerkinsel wehrten?

Ja, das war ein unausgereiftes, zonenwidriges Projekt ohne genügende Erschliessung. Nicht einfach ein kleines Lokal, sondern ein Ausflugsrestaurant mit einem Saal. An einer heiklen naturnahen Uferzone. Die IBA sah das ein und zog zurück. Ich hätte nichts gegen einen Schönwetterbetrieb wie das stadtnahe Summertime oder die Schwanbar.

Sind Sie auch gegen den Ausbau des Kraftwerkes?

Im Gegenteil. Ich bin etwas erstaunt, dass es nicht vorwärtsgeht.

Vom Weinberg aus sehen Sie jeden Tag das AKW Gösgen. Schlimm für einen Grünen?

Man gewöhnt sich daran. Aber ich weiss, dass das AKW irgendwann weg sein wird – ich habe es schon weggedacht.

Fast hätten wir es vergessen:
Sie sind ja auch Gewerbetreibender. Zusammen mit Ihrem Schwager besitzen Sie eine kleine Schreinerei. Legen Sie dort selber Hand an?

Eigentlich wäre ich gerne Schreiner geworden. Meine handwerklichen Neigungen konnte ich nun wenigstens etwas ausleben, indem ich mit meinem Schwager die Schreinerei gekauft habe. Dort habe ich vor Jahrzehnten für meine Tochter einen wunderschönen Kaninchenstall geschreinert. Als er ganz neu war und die Gitter noch fehlten, kamen Besucher und meinten: «Wo kommt das Möbel hin?»